«Gattuso ist Sions neues taktisches Gewissen»

Mit dem 34-jährigen italienischen Weltmeister Gennaro Gattuso stürmt Sion die Tabellenspitze. Günter Netzer, Ciriaco Sforza und weitere Experten erklären das Phänomen Gattuso und dessen taktische Spielweise.

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Die Bilanz der Walliser ist bisher makellos: drei Spiele, drei Siege und ein Torverhältnis von 6:0. Und am Samstag empfangen die Walliser Doublesieger FC Basel zum Spitzenkampf. «Sions Präsident Christian Constantin hat mit der Verpflichtung von Gennaro Gattuso einen echten Volltreffer gelandet», sagt der deutsche Welt- und Europameister Günter Netzer gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Gattuso sei auch mit 34 Jahren nach wie vor engagiert wie eh und je. Er sei ein Leader, ein Besessener des Fussballs, ein Vorbild in jeder Beziehung. Er reisse eine Mannschaft mit und sei nie zufrieden. Schon gar nicht mit sich selbst und auch nicht mit seinen Mitspielern.

«Das wirkt sich auf die Mannschaft des FC Sion sehr positiv aus. Nur schon seine Anwesenheit und sein stetes Fordern nach Leistung sorgen dafür, dass sich die Spieler und auch der mit 40 Jahren noch junge Trainer Sébastien Fournier jeden Tag weiterentwickeln können», sagt Netzer, der die Walliser in dieser Saison zu den Titelanwärtern zählt. Vom Know-how eines Gattuso könne der ganze Verein profitieren. Netzer hebt auch die taktischen Qualitäten Gattusos hervor. «Er kann ein Spiel lesen wie kaum ein anderer. Deshalb ist er jederzeit in der Lage, einen gegnerischen Angriff zu unterbinden und sofort den Konter einzuleiten. Das nennt man auch antizipieren.»

«Er ist nicht der Stratege wie Pirlo»

Für Ciriaco Sforza ist Gattuso ein Phänomen. «Er ist ehrgeizig und temperamentvoll wie kaum ein anderer. Seine Winnermentalität ist geradezu phänomenal und überträgt sich auch auf die ganze Mannschaft», sagt der ehemalige Nationalspieler. Gattuso zerreisse sich für eine Mannschaft und sei ein grosser Teamplayer. Taktisch sei Gattuso geradezu ein Genie. «Er ist zwar kein Stratege wie Pirlo für die Offensive. Doch er ordnet das defensive Mittelfeld, ist dort der Lenker, Denker und Zerstörer in einer Person. Eigentlich ist Gattuso das neue taktische Gewissen von Sion», erklärt der ehemalige Spielmacher der Nationalmannschaft.

Gattuso sei der König der taktischen Fouls. «Wenn er sieht, dass es in der Entwicklung eines gegnerischen Angriffs gefährlich werden könnte, dann unterbindet er diesen auch schon mal mit einem geschickten, aber scheinbar harmlosen Foul, damit er nicht gleich jedes Mal verwarnt wird. Das ist für mich subtiles und grosses fussballtaktisches Kino.» Gattuso habe im Weltfussball einen riesigen Stellenwert. «Er ist Weltmeister, gewann mit Milan die Champions League. Aber er hat auch mit 34 Jahren nicht genug», so Sforza. Gattuso sei eine grossartige Bereicherung für den Schweizer Fussball. «Sions Präsident Christian Constantin beeindruckt mich sehr. Er macht immer wieder Transfers, die auch Sinn machen. So wie bei Gattuso.»

«Er überschätzt sich nie und spielt nur einfache Bälle»

Wohlens neuer Trainer David Sesa spielte während Jahren in Italien. Auch er hebt die taktischen Vorzüge Gattusos hervor. «Er sorgt mit seiner taktischen Cleverness für das Gleichgewicht einer Mannschaft. Bei einem gegnerischen Angriff ist er mit seinen Gedanken bereits beim Ballverlust. Deshalb ist er stets richtig positioniert und mit seiner unheimlichen Aggressivität und mentalen Präsenz bereit für die sofortige Rückeroberung des Balles», erklärt der ehemalige Nationalspieler. Gattuso sei technisch ein ganz normaler Fussballer. «Das weiss er und überschätzt sich deshalb auch nicht. Er versucht nie, schwierige Sachen zu machen. Er spielt nur ganz einfache Bälle.»

«Er hat nie vergessen, woher er kommt»

Gattuso sei immer noch hungrig auf den Fussball. «Er hätte es sich viel einfacher machen können. Er hätte nach China oder in die Arabischen Emirate gehen können. Dort hätte er mehr verdient und hätte auf dem bescheidenen fussballerischen Niveau dieser Ligen weniger leisten müssen», sagt Sesa. Doch Gattuso stelle sich der Herausforderung in Sion. «Unsere Liga hat ein viel höheres Niveau. Das weiss auch Gattuso. Trotzdem ist er gekommen, weil er noch sehr ehrgeizig ist.» Gattuso komme aus bescheidenen Verhältnissen. «Er kommt aus Kalabrien. Das ist eine wunderschöne Region, aber leider mit vielen sozialen Problemen behaftet. Gattuso hat nie vergessen, woher er kommt. Deshalb ist er immer stets bescheiden geblieben.»

«Gattuso hat dem Trainer eine Einwechslung verboten»

Der ehemalige Internationale Roger Wehrli war einst der Gattuso der Schweiz. «Ich habe ähnlich gespielt, das stimmt. Aber ich hatte natürlich nie und nimmer die Klasse des Italieners», bleibt der Suhrer bescheiden. Gattuso sei der beste Transfer, der je in der Schweiz gemacht worden sei. «Ich würde diesen Transfer sogar noch höher einstufen als diejenigen von Karl-Heinz Rummenigge, Marco Tardelli oder Günter Netzer, die einst ebenfalls wie Gattuso in die Schweiz kamen.» Wehrli sass am vergangenen Sonntag in Luzern, als Sion den FCL mit 3:0 besiegte. «So einen Captain wie Gattuso hat die Schweiz noch gar nie gesehen.»

Gattuso sei der absolute Chef. «Das beginnt schon beim Einlaufen ins Stadion bis zur Verabschiedung nach dem Spiel von den eigenen Fans», beobachtete Wehrli. Er vermutet, dass Gattuso sogar mehr Macht ausübt als Trainer Sébastien Fournier. «Als der FC Luzern einen vierten Stürmer brachte, wollte Fournier darauf mit einer personellen Änderung reagieren. Doch Gattuso hat sofort abgewunken und die Einwechslung eines neuen Spielers so praktisch verboten.»

«Er geht dorthin, wo es richtig wehtut»

Im Spiel habe Gattuso vor allem viel fürs Kollektiv getan und im taktischen Bereich Akzente gesetzt. «Er riecht förmlich, wo er gebraucht wird, wo es brennt. Und das ist meistens dort, wo es auch richtig wehtut, nämlich in den entscheidenden Zweikämpfen. Er gewinnt davon praktisch jeden und lanciert sogleich mit einem einfachen Pass den Gegenangriff.» Für Wehrli ist Gattuso jeden Franken wert. «Auch wenn er zwei Millionen im Jahr verdient.» Sein Engagement werde sich für Sion auf verschiedenen Ebenen auszeichnen. «Die Walliser werden um den Titel mitspielen. Und wenn die jungen Spieler wirklich wollen, dann können sie von Gattuso für ihre eigene Karriere unheimlich viel lernen und profitieren.»

«Gedanklich ist er immer einen Tick schneller»

«Einen Mann wie Gennaro Gattuso würde ich sofort in meine Mannschaft einbauen. Er übernimmt wie einst bei uns mein Bruder Haki jede Verantwortung. Deshalb ist er für Sion auch so wertvoll», sagt Luzerns Trainer Murat Yakin. Gattuso verrichte auch sogenannte Drecksarbeit und sei sich auch als Weltmeister für nichts zu schade. «Er ist ein Vorbild und eine echte Bereicherung für unseren Fussball, ganz klar.» Taktisch sei Gattuso ein ausgebuffter Profi. «In der Balleroberung ist er einzigartig, weil er mit seiner taktischen Intelligenz ein Spiel jederzeit lesen kann. Er ist nicht mehr der Schnellste, aber gedanklich immer einen Tick schneller», sagt Yakin. Mit Gattuso habe Sion vor allem die Defensive gestärkt. «Sie stehen jetzt viel kompakter als noch in der letzten Saison», so Yakin, der damals mit dem FCL Sion aus dem Cup geworfen hatte.

Erstellt: 03.08.2012, 12:16 Uhr

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