Interview

«Genau so spielte ich schon als Kind»

Barças Star Lionel Messi über seinen Widerstand gegen alle Korrekturen an seinem Spiel, sein baldiges Vaterwerden und sein Verhältnis zu Titeln und Toren.

Die meisten sehen ihn als besten Fussballer der Welt. Doch viel wichtiger sei ihm, sagt Lionel Messi, dass er als guter Mensch wahrgenommen werde.

Die meisten sehen ihn als besten Fussballer der Welt. Doch viel wichtiger sei ihm, sagt Lionel Messi, dass er als guter Mensch wahrgenommen werde. Bild: Keystone

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Im Sportzentrum von Barça, 9 Uhr früh. Lionel Messi kommt pünktlich. Die Sonne ist lau, und da Messi dazu neigt, sich schnell zu erkälten, bringen ihm Leute vom Staff einen Pullover, den er aber zurückweist: «Ich fühle mich wohl.» Mit 25 Jahren wird der Argentinier aus Rosario zum ersten Mal Vater. In einigen Wochen soll es so weit sein, der Junge wird Thiago heissen. Man sieht Messi das Glück an. Die vereinbarte Stunde ist schnell vorbei, doch er macht keine Anstalten, das Interview beenden zu wollen.

Lionel Messi, man sagt von Ihnen, Sie würden gerne schlafen. Doch hier waren Sie schon um 8.30 Uhr. Bereiten Sie sich darauf vor, bald weniger schlafen zu können, wenn Thiago erst einmal da ist?
Ich habe immer sehr gerne geschlafen. Und ich liebe die Siesta. Aber auf die Geburt von Thiago bin ich vorbereitet. Ich schlafe schon mal ein bisschen weniger – wegen der Vorfreude.

Die Siesta haben Sie natürlich hier, in Barcelona, gelernt ...
... alles habe ich hier gelernt! Als ich nach Barcelona kam, da war ich ja erst 13 Jahre alt. Ich bin hier aufgewachsen, hab hier die Schule gemacht. Ich habe immer schon gesagt, dass ich sehr dankbar bin dafür, weil ich das wirklich so empfinde.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie Barcelona mit Zinsen das zurückgegeben haben, was man Ihnen gegeben hat?
Nein, ach, ich weiss nicht ... Mir war es immer wichtig, mein ganzes Engagement für den Club zu zeigen. Vielleicht war das zu Beginn besser sichtbar. Heute scheint es einfach normal. Das ist mein Zuhause, mein Verein. Ich verdanke Barça alles. Und nochmals, ich habe es immer schon gesagt: Ich bin einfach sehr glücklich hier.

Der Jugendtrainer von damals und drei Spieler aus Ihrer Jugendzeit bilden heute die Pfeiler der ersten Mannschaft: Tito Vilanova, Sie, Cesc Fàbregas und Gerard Piqué. Was zeigt das?
Das illustriert nur, wie der FC Barcelona arbeitet. Man spürte schon damals, dass jenes Team wohl eine der besten Generationen des Nachwuchsfussballs war. Es gibt auch noch andere aus jenem Jahrgang, die es ebenfalls geschafft haben. Man wusste schon, dass die meisten von uns ihren Lebensunterhalt einmal mit Fussball in einem grossen Verein bestreiten würden.

Sie sagen, es interessiere Sie nicht, wie viele Tore Sie schiessen, sondern wie viele Titel Sie gewinnen.
Ja, ich ziehe Titel mit dem Verein meinen individuellen Auszeichnungen vor. Es ist mir nicht wichtig, mehr Tore zu schiessen als alle anderen. Mich kümmert viel mehr, dass man mich als guten Menschen sieht denn als besten Fussballer der Welt. Denn ja, am Ende, wenn das alles mal fertig sein wird, was bleibt dir? Mein Ziel ist es, dass man mich als guten Typ in Erinnerung hält, wenn ich zurücktrete.

Dann interessiert es Sie auch nicht, einen vierten Ballon d’Or zu gewinnen?
Diese Ehrungen sind okay, und klar, ich schätze sie. Aber mal ehrlich, diese Dinge interessieren Sie Journalisten mehr als mich. Sie müssen sich offenbar immer fragen, wer nun der Beste von allen sei. Xavi oder Iniesta? Wer weiss das schon? Mein Glück war es, in den Schoss dieses Barça zu fallen, mit diesen grossartigen Spielern. Der Verein hat mit alles gegeben: die Auszeichnungen, die Titel, die Tore, einfach alles. Der Verein macht mich erst stark, da gibt es doch keine Zweifel dran. Ohne die Hilfe meiner Kollegen wäre ich nichts, würde ich nichts gewinnen. Weder Titel noch Ehrungen, nichts.

Was ärgert Sie?
Im Leben? Im Leben macht mir die Armut zu schaffen. Ich komme aus einem Land, in dem man der Armut überall begegnet. Da gibt es viele kleine Kinder, denen nichts anderes übrig bleibt, als in den Strassen zu betteln oder irgendetwas zu arbeiten – ganz kleine Kinder schon.

Sie leben doch als Fussballer in einer Blase. Bekommen Sie diese Dinge aus der normalen Welt überhaupt mit?
Was soll denn das heissen? Nein, wir sind nicht entrückt! Natürlich leben wir ein überprivilegiertes Leben. Mir hat nie etwas gefehlt, ausser vielleicht damals, als ich alleine mit meinem Vater nach Barcelona kam: Da fehlten mir meine Geschwister und meine Mutter sehr. Doch ich kriege die Realität der Welt sehr wohl mit.

Sie werden bald Vater. Hat sich Ihr Fokus schon verändert?
Ja, plötzlich siehst du alles ganz anders. Du denkst nicht mehr nur an dich. Du denkst an das Kind, dass ihm auch nichts fehlt, nie, gar nichts. Oh ja, das verändert alles.

Wie steht es ums Windelwechseln?
Da hab ich schon mit meinen Neffen üben können, kein Problem.

Sie unterhalten eine Stiftung, die bedürftigen Kindern hilft.
Wir konzentrieren uns darauf, die Kinder von der Strasse zu holen, sie einzuschulen, sie in den Sport zu integrieren. Wir arbeiten mit Unicef, mit Spitälern, Schulen ... Es ist schön, helfen zu können.

Selten leuchten Ihre Augen so sehr, wie wenn Kinder sich Ihnen nähern und Sie grüssen.
Es gibt nichts Gesünderes als Kinder, vor allem wenn sie noch klein sind, frei von jeder List. Sie sehen mich und sind geniert, wie versteinert. Sie bringen keinen Ton heraus, verstehen nicht, dass ich neben ihnen stehe und mit ihnen rede, weil sie es gewohnt sind, mich nur im Fernsehen zu sehen. Ein Kind glücklich zu machen – es gibt nichts, was mich mehr erfüllt.

Es kommen aber auch grössere Kinder auf Sie zu. Ihre Berühmtheit setzt Sie einer ständigen Beobachtung aus. Belastet Sie das nicht?
Nein, weil ich nie geschauspielert habe. Ich bin so, wie ich bin, auf und neben dem Fussballplatz. Man muss mich so nehmen, wie ich bin. Auch die Anfangsscham legst du mit der Zeit ab.

Sie sagten einmal, es sei schwieriger, so zu spielen wie Xavi und Iniesta, als so wie Sie. Ist Ihr Spiel denn einfach?
Was die beiden machen, könnte ich nicht. Das sind ganz andere Rollen. Ich sehe mich als Werkzeug für den Sieg. Dafür gehe ich auf den Platz: allein für den Sieg. Wie viele Tore ich dabei schiesse, ist mir egal.

Lässt sich Ihre Spielweise erarbeiten und antrainieren?
Das weiss ich nicht, ich glaube nicht. Genau so habe ich schon als Kind gespielt.

Das sagt auch Ihr Trainer, Tito Vilanova.
Was sagt er genau?

Er sagt, zu seiner grossen Verwunderung würden Sie noch genau so spielen wie als Kind – mit dem einzigen Unterschied, dass Sie jetzt nicht mehr gegen 14-jährige Bengel spielen, sondern gegen die besten Fussballer der Welt.
Es stimmt schon, meine Spielweise hat sich nicht stark verändert, obschon ich natürlich einiges dazugelernt habe über den Sport. Mir hat es viel gebracht, nach Barcelona zu kommen, in die Cantera (die Nachwuchsakademie, Red.). Ich war erst gestern wieder dort und habe zugeschaut, wie die siebenjährigen Jungs trainieren. Diese Art, wie sie gecoacht werden, wie man ihnen das Verständnis für das Spiel und für den Ball beibringt, ist einzigartig in der Welt. Schon als Kinder spielen die so wie wir!

Von Ihnen heisst es, Sie seien im Nachwuchs der Einzige gewesen, an dessen Spielweise nichts korrigiert worden sei, dass man die Eigenheiten Ihres Spiels immer respektiert habe.
Ab und zu korrigierten sie mich, aber ich kann mich nicht mehr an die Korrekturen erinnern. Ja, sie haben meine Spielart hingenommen. Obschon hier ja die Philosophie gilt: «Stoppen und direkt passen», gab ich den Ball früher niemandem. Man sagte mir dauernd: «Spiel den Ball früher ab.» Bis sie merkten, dass mir das einfach nicht gelingen wollte, dann liessen sie mich in Ruhe. Natürlich habe ich dann immer mehr zu passen begonnen. Doch zu Beginn, als ich hier ankam, da gab ich den Ball wirklich nie ab!

Noch etwas überrascht: Warum ist es so schwierig, Sie von den Beinen zu holen? Sie fallen fast nie hin.
Ja, und auch das war schon als Kind so: Ich habe immer schon versucht, die Spielaktionen zu vollenden, auf den Beinen zu bleiben. Ich will einfach nicht hinfallen, ich suche das Foul nicht.

Als der Mannschaft mitgeteilt wurde, dass Vilanova Nachfolger von Pep Guardiola würde, sollen Sie nichts gesagt haben: Nur gelächelt haben Sie. Und dieses Lächeln habe den ganzen Verein beruhigt.
Gut möglich, dass ich gelächelt habe. Ich kenne Tito, seit ich ein Kind bin. Er war es, der mich in der Jugend zum Stammspieler machte, bis dahin sass ich ja meist auf der Bank. Er ist eine umgängliche, offene Person. Er sagt einem die Dinge direkt und gerade ins Gesicht. Ich mag das sehr.

Ein bisschen Ärger gab es ab und zu aber schon damals, wie man hört.
(er lacht) Daran erinnere ich mich nicht mehr.

Ist es wahr, dass Piqué Sie immer beschützte, als man Ihnen auf die Knochen stieg?
Ja, er war damals schon der Grösste von uns allen, der Rest der Mannschaft war viel kleiner gewachsen: «Papa» verteidigte uns immer.

Reden Sie viel auf dem Platz?
Nein, ich rede nicht viel.

Das sehen Ihre Gegner und die Schiedsrichter aber anders!
Ah, ja, mit denen rede ich mehr. Bei den Kollegen aber reicht ein Blick, um sich zu verstehen. Wir spielen schon so lange zusammen.

Nun ja, kürzlich gab es auf dem Rasen Ärger zwischen Ihnen und David Villa (Messi herrschte den Sturmkollegen ungewohnt hitzig an, weil der mit einem Zuspiel einen Tick zu lange gewartet hatte, Red.). Wo ist da die Idylle geblieben?
Suchen Sie bitte keine Probleme, wo keine sind. Suchen Sie anderswo. Dieses Team funktioniert weit über das Sportliche hinaus. Einfach wunderbar, vor allem menschlich. Nach so vielen Jahren ist das gar nicht so selbstverständlich. Von draussen macht man sich keine Vorstellung davon, wie gut wir uns verstehen.

Ist das die grosse Stärke Barças?
Nein, das Beste an dieser Mannschaft ist es, dass wir seit fünf Jahren mit derselben Ambition und derselben Lust jeden Sieg suchen – überall. Guardiolas Verdienst?
Ja, er impfte uns diese Attitüde ein, diese Selbstsicherheit, dass wir immer die Initiative übernehmen und gewinnen können. Er war ein grossartiger Analysator von Spielen.

Was halten Sie von José Mourinho, dem Trainer von Real Madrid?
Ich kenne ihn nicht, habe nie mit ihm gesprochen. Und wenn ich jemanden persönlich nicht kenne, rede ich nicht über ihn.

Mourinho sagt, Barças Fussball sei langweilig, und die spanische Nationalmannschaft spiele nur defensiv.
Ach ja, sagt er das? Spanien spielt ja wie wir bei Barça. Denen kannst du den Ball nicht wegnehmen. Für einen Spieler ist das grossartig, sofern du auf der Seite jener stehst, die den Ball verwalten. Ich habe mit Argentinien gegen Spanien gespielt und bin dem Ball fast immer hinterhergerannt, ohne ihn je zu erwischen. Ich kann mich nicht erinnern, je so viel ohne Ball gerannt zu sein wie bei unseren Spielen gegen Spanien.

Und wie ist es denn, gegen Madrid zu spielen? Gibt es etwas, was sie an Mourinhos Real bewundern?
Ihr Konterspiel ist tödlich. Die haben wahnsinnig schnelle Stürmer. Die Überbrückung zwischen Verteidigung und Sturm dauert keine fünf Sekunden, dann fällt schon das Tor. Real muss nicht gut spielen, um drei Tore zu schiessen. Die machen Tore aus dem Nichts. Wie läuft es in der argentinischen Nationalmannschaft?
Alejandro Sabella hat genaue Vorstellungen und kann die auch vermitteln. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

Ihr Traum ist es, in zwei Jahren Weltmeister zu werden – ausgerechnet in Brasilien.
Natürlich, das wäre fantastisch. Für Argentinien wäre das das Grösste überhaupt.

Kann es sein, dass Sie einmal mit dem Fussball aufhören, ohne je das Trikot der Newell’s Old Boys aus Ihrer Heimatstadt Rosario getragen zu haben?
Oh, keine Ahnung! Ich hab immer gesagt, dass ich gerne einmal in Argentinien spielen würde. Als Kind war die Primera mein ganz grosser Traum. Bis ich hierherkam. Der Traum ist also noch pendent. Mal sehen, es ist ja noch viel Zeit.

Übersetzung aus dem Spanischen: Oliver Meiler. © «El País» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 13:07 Uhr

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