Geschenke, Bankette, Cash

Fast alle Bewerber für die WM 2018 und 2022 spielten unsauber, stellt ein Report der Fifa-Ethikkommission fest. Die Turniere müsse man aber deswegen nicht neu vergeben.

Der umstrittene Zuschlag 2010: Fifa-Präsident Sepp Blatter beglückwünscht den Emir von Katar mit dem WM-Pokal für den Erhalt der Endrunde 2022.

Der umstrittene Zuschlag 2010: Fifa-Präsident Sepp Blatter beglückwünscht den Emir von Katar mit dem WM-Pokal für den Erhalt der Endrunde 2022. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Auf den ersten Blick sieht alles nach der lange ersehnten Entwarnung aus. Es habe bei der Vergabe der WM 2018/2022 zwar «Unregelmässigkeiten» gegeben. Diese seien aber nicht so schlimm, dass man den Gewinnern – Russland und Katar – die Turniere entziehen müsste. So legt sich Hans-Joachim Eckert fest.

Der Deutsche beschäftigt sich als Chef der Richterkammer in der Fifa-Ethikkommission mit den Korruptionsvorwürfen rund um die nächsten Weltmeisterschaften. Er hat einen vertraulichen, mehrere Hundert Seiten starken Untersuchungsbericht von Michael Garcia, dem Ankläger der Kommission, analysiert – und nun eine Zusammenfassung öffentlich gemacht.

Die Fifa reagierte erfreut. Mit Eckerts Fazit sei die Prüfung der Vergaben abgeschlossen. Nun könne man endlich vorwärtsschauen und sich um die Vorbereitung der Turniere von 2018 und 2022 kümmern, die «auf gutem Weg» seien. Auf den zweiten Blick ist die Sache weniger klar. Korrekt verhielten sich laut Eckert einzig die Kandidaturen von Belgien/Holland (2018) und jene der Vereinigten Staaten (2022). Bei allen anderen finden sich Hinweise auf verdächtige Vorgänge – mal besser, mal schlechter dokumentiert.

Australiens Entwicklungshilfe

In Australien stiessen die Fifa-Ermittler auf Zahlungen, die vom nationalen Verband zum amerikanischen Kontinentalverband Concacaf flossen – wo sie sich mit dem privaten Vermögen des damaligen Präsidenten Jack Warner vermischten. Der hatte als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees eine von 24 Stimmen bei der WM-Vergabe – und Australien kandidierte für das Jahr 2022.

Das australische Bewerberkomitee versuchte ausserdem, Regierungsgelder aus afrikanischen Entwicklungshilfe-projekten in Länder umzuleiten, die Verbindungen zu Mitgliedern des Exekutiv-komitees hatten. Um wie viel Geld es ging, ist nicht ersichtlich.

Englands Job-Vermittlung

Auch England (2018) kommt im Bericht schlecht weg. Warner versprach der englischen Kandidatur offenbar, ganze «Blöcke von Stimmen» im Fifa-Exekutiv-komitee kontrollieren zu können. Er überflutete die Engländer mit «untunlichen Anfragen», denen «oft» nachgekommen worden sei. Zum Beispiel sorgten die englischen Funktionäre dafür, dass eine Warner nahestehende Person eine Arbeitsstelle bekam. Zudem finanzierte Englands Verband auf Anregung von Warner ein Gala-Dinner für die karibische Fussball-Union im Wert von 55 000 Dollar.

Im Vergleich dazu waren die Japaner für 2022 zurückhaltend. Sie verteilten 2010 Geschenke an Fifa-Offizielle, Mitglieder des Exekutivkomitees und deren Frauen. Es ging um Kameras und Handtaschen im Wert von 700 bis 2000 Dollar pro Stück. Als die Ermittler die Komiteemitglieder danach fragten, mochten sich diese nicht mehr erinnern oder sagten, das sei «nicht weiter relevant».

Katars gesponserter Kongress

Grosszügiger waren die Vertreter von Katar. Sie zahlten 1,8 Millionen Dollar, um im Jahr 2010 einen Kongress des afrikanischen Fussballverbands in Angola zu sponsern – samt Gala-Dinner und Unterhaltungsshows. Im Gegenzug erhielten sie das exklusive Recht, am Kongress für ihre Kandidatur Werbung zu machen. Laut Eckert waren Sponsorings von solchen Anlässen damals nicht verboten.

Auch die Schlüsselfigur Mohamed bin Hammam taucht im Bericht auf. Die englische Zeitung «Sunday Times» hatte dem Katarer vorgeworfen, Millionen an afrikanische und karibische Funktionäre ausgeschüttet zu haben – und so die WM nach Katar geholt zu haben. Bin Hammam kooperierte nicht mit Garcia, der die Zahlungen im Wesentlichen bestätigt. Allerdings, so der Report, habe bin Hammam nicht zum Ziel gehabt, die WM nach Katar zu holen, sondern sich selbst zum Fifa-Präsidenten zu machen. Dafür wurde er bereits 2012 lebenslang von allen Fussball-Ämtern gesperrt.

Südkoreas 777-Millionen-Fonds

Südkorea, das ebenfalls für 2022 kandidierte, versuchte es wie Australien mit Entwicklungshilfe, jedoch mit einem speziellen Werkzeug. Der Ehrenpräsident der Korean Football Association schlug vor, einen «Fussball-Entwicklungsfonds» im Wert von 777 Millionen Dollar einzurichten. Die Gelder sollten auf der ganzen Welt verteilt werden. Der Fonds war eng mit der Kandidatur verknüpft.

Im Fall von Russland kamen die Fifa-Ermittler schnell nicht mehr weiter. Die Computer des Bewerbungsteams seien gemietet gewesen – und der Eigentümer habe sie inzwischen zerstört. Die Analysten, welche diese Kandidatur untersuchten, mussten feststellen, dass die vorhandenen Informationen nicht ausreichten, um den Russen Fehlverhalten vorwerfen zu können. Eine Aufbewahrungspflicht für Dokumente gab es nicht.

Ein Sonderfall ist Portugal/Spanien 2018 – darüber taucht im Bericht kaum etwas auf, es findet sich nur ein indirekter Hinweis: Das Komitee war gegenüber den Ermittlern «speziell unkooperativ». Aus Fifa-Kreisen ist zu vernehmen, dass weitere Untersuchungen und allenfalls Sanktionen folgen werden.

«Durchdacht, robust, fair»

Angesichts dieser vielen «Zwischenfälle» (Eckert) schlägt der Fifa-Richter eine Reihe von Reformen vor – darunter kürzere Amtszeiten für die Mitglieder des Exekutivkomitees, strengere Richtlinien für externe Berater und ein Reiseverbot in kandidierende Länder während der Bewerbungsphase. Trotzdem lobt er die Gastgeberwahl 2018/2022 als «durchdacht, robust, professionell, fair». Auch Sepp Blatters Verdienste hebt Eckert explizit hervor. Ohne den Präsidenten wären viele inzwischen angestossene Reformen nicht möglich gewesen. Verletzungen des Ethik-Kodex durch Blatter seien nicht ersichtlich.

Die Freude im Fifa-Hauptquartier über den wohlgesonnenen Bericht war jedoch von kurzer Dauer. Nur wenige Stunden, nachdem der Text online gestellt worden war, meldete sich Ankläger Garcia, der die Korruptionsvorwürfe untersucht und zusammengestellt hatte, mit einer Erklärung. Er übte scharfe Kritik an Eckerts Fazit: Dieses enthalte «zahlreiche Unvollständigkeiten und fehlerhafte Darstellungen der Fakten». Garcia will den Report nun bei der Berufungskommission der Fifa anfechten. Entwarnung vertagt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 16:20 Uhr

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