Geschiebe mit Ball, Cash und Wein

Frankreichs Fussballwelt wird 19 Monate vor der EM von zwei Betrugsaffären getroffen. Eine spielt in ­Nîmes, eine in Marseille.

Wohin flossen Gelder bei seinem Transfer zu Marseille? Torschützenleader und Nationalstürmer André-Pierre Gignac. Foto: Keystone

Wohin flossen Gelder bei seinem Transfer zu Marseille? Torschützenleader und Nationalstürmer André-Pierre Gignac. Foto: Keystone

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400 Flaschen Wein für ein dienliches ­Unentschieden – was sich wie eine barocke Posse anhört, zieht gerade wie ein «Sturm» über den französischen Fussball, wie «L’Equipe» titelt. Andere Zeitungen schreiben von einer «schwarzen Stunde», einem «Albtraum», gar von der «Apokalypse». Eineinhalb Jahre vor den Europameisterschaften in ihrem Land beschäftigen die Franzosen gleich zwei Skandale, in denen es um mutmassliche Spielmanipulationen, Bestechung, Korruption, dunkle Transferkommissionen, falsche Rechnungsführung und Verbindungen zur Unterwelt geht. Mehrere Vereinspräsidenten, aktive und ehemalige, wurden verhört – in Polizeigewahrsam.

Aber zunächst zurück zum Wein. Die Szene trug sich im letzten Mai in der ­Normandie zu, beim Spiel Caen gegen ­Nîmes, Ligue 2. Nîmes kämpfte um den Ligaerhalt, Caen um den Aufstieg. Beiden Teams reichte ein Punkt für ihr Ziel. Die Präsidenten redeten miteinander, man fand sich schnell. Es gibt eine Aufzeichnung des Telefongesprächs. Nîmes-Präsident Jean-Marc Conrad sagt darin, er werde sich mit einem Geschenk erkenntlich zeigen. Und so reisten im Gepäckabteil des Busses der Nîmois auch 400 Flaschen Wein mit, die dann vor dem Spiel in die Kabine Caens getragen wurden. Das Spiel endete 1:1, es gab Pfiffe von den Rängen: Die letzten 20 Minuten waren trostloses Ballgeschiebe.

Hauptaktionär im Gefängnis

Nun erfahren die Franzosen, dass die «Krokodile», wie der Verein aus Südfrankreich auch genannt wird, in etlichen weiteren Fällen versucht hatten, ihre Gegner zu bestechen. Oft mit viel Cash statt nur mit Wein. Der Hauptaktionär des Clubs, Serge Kasparian, Betreiber ­eines Pariser Wettbüros, hatte sich im Frühling in den Verein eingekauft und fürchtete um sein Investment. Ein ­Abstieg hätte ihn viel Geld gekostet. ­Kasparians Leumund war nie der beste, seit diesem Herbst sitzt er im Gefängnis. Die Schieberei im Fussball gelang nicht immer: Bastia etwa liess sich auch mit 100'000 Euro nicht schmieren. Doch was war zum Beispiel mit Angers, gegen das Nîmes 3:2 gewann? Die Ermittler fanden auch Fährten zu Verhandlungen mit Brest, Laval und Créteil. Ein System?

Die zweite Affäre kreist um den ­aktuellen Tabellenführer der Ligue 1, Olympique Marseille, und um dessen Goalgetter André-Pierre Gignac, 28 Jahre alt, 10 Tore in 13 Spielen der laufenden Saison. Als Gignac 2010 für 18 Millionen Euro von Toulouse nach Marseille wechselte, sollen hohe «Retrokommissionen» geflossen sein – also undeklarierte ­Kommissionen an Drittpersonen, die den Deal hinter den Kulissen gesteuert haben. Ähnliche Geschäfte soll es schon 2004 beim Transfer von Didier Drogba von OM zu Chelsea, bei jenem von Samir Nasri zu Arsenal 2008 und jenem von Souleymane Diawara von den Girondins Bordeaux nach Marseille 2009 gegeben haben. Nun mussten sich die früheren Präsidenten des Vereins, Jean-Claude Dassier und Pape Diouf, sowie der amtierende Vorsitzende Vincent Labrune vor der Justiz erklären.

«Boss von Marseille»

Und es gibt viel zu erklären. OM wurde schon oft von Skandalen umwittert. Der Verein steht im Verdacht, den korsischen Mafiaclans als Geldmaschine zu dienen. Regelmässig tauchen in seinem näheren oder weiteren Dunstkreis Figuren als Mittler auf, die auf der Insel dem «grand banditisme», dem Grossgaunertum, angehören. Auffällig oft kreuzt sich auch die Welt des Nachtlebens der ­Region mit jener von Olympique Marseille. Und auch diese Szene ist ganz in den Händen von Emissären der korsischen Unterwelt.

Gignac selber wird bisher nichts vor­geworfen, abgesehen von einigen grenzwertigen Freundschaften. Die Zeitung «Le ­Parisien» berichtet, der Spieler reise seit einigen Jahren sehr oft nach Korsika. In der Spielerkabine lässt er sich offenbar scherzhaft «Boss von Marseille» rufen. Der Titel klingt nun etwas schief. Doch vielleicht löst sich der Fall Gignacs schon bald, fussballerisch. Sein Vertrag läuft Ende Jahr aus. Der Verein würde ihn gerne behalten, nun, da er endlich richtig in Form ist. Früher hiess es jeweils, er schleppe sich mit überflüssigen Kilos über den Platz. Fände Gignac bereits im Winter-Mercato einen neuen Arbeitgeber, könnte er Marseille ablösefrei verlassen – mitsamt aller Probleme. Inter Mailand, so schreibt die «Gazzetta dello Sport», soll besonders stark an einem Transfer interessiert sein. Und wahrscheinlich auch an einigen Agenten und Mittlern.

Erstellt: 19.11.2014, 23:24 Uhr

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