Grande Walter

Der Pressesprecher der Fifa arbeitete früher für «Das Magazin». Und er hielt schon damals den Mund, wenn es drauf an kam. Ex-Kollege Miklos Gimes erinnert sich.

Wie ein klassischer Libero: Walter De Gregorio bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Zürich.

Wie ein klassischer Libero: Walter De Gregorio bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Zürich. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Gestern Vormittag um elf Uhr trat Walter de Gregorio vor die Weltpresse. Hellblaues Hemd, blau gestreifte Krawatte, dunkelblauer Anzug mit dem Emblem der Fifa. Die «New York ­Times» war da, das britische Fernsehen, Associated Press. Für einen Moment ging es auf dem Zürichberg zu und her wie im Presseraum des Weissen Hauses in Washington; kein Wunder, die Fifa ist auch eine Art Weltregierung, bloss mit anderen Themen auf der Tagesordn¨ung: Bleibt die WM 2018 in Russland? Was ist mit Katar 2022? Was hat Blatter mit all dem zu tun?

Walter hielt den Strafraum sauber, als die Fragen der Journalisten auf ihn niedergingen. Souverän, wie ein klassischer Libero. Ich fieberte mit ihm. Verfolgte seine kernigen Handbewegungen, las im undurchdringlichen Gesicht, entdeckte ein angedeutetes Lächeln.

«Das ist gut für uns»: de Gregorio bei der Pressekonferenz. (Video: Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Walter ist Pressesprecher der Fifa. Er war mal unser Kollege gewesen auf der Redaktion des «Magazins». Er hatte sich als Sportjournalist einen Namen gemacht, Fussball, er war mit berühmten Spielern befreundet, Kubilay Türkyilmaz, Thomas Bickel, diese Generation. Er erfuhr einiges von dem, was abgeht in der Garderobe, die Spieler erzählten ihm mehr, als er schreiben durfte, viel mehr. Sie schienen ihm zu vertrauen. Offenbar hielt Walter dicht.

Schweigen ist Gold: «Ich kann nichts bestätigen». (Video: Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Er brachte die Leute zum Reden

Später war er berühmt für seine Interviews, er konnte Leute zum Reden bringen. Einmal hatte er eine junge Geliebte von Silvio Berlusconi aufgespürt, als der frühere italienische Regierungschef noch im Amt war. Sie erzählte Walter alles: die nächtlichen Besuche im Präsidentenpalast, die Fahrten durchs menschenleere Rom hinter dunkel getönten Autoscheiben.

Irgendwann kam der Ruf aus der Fifa-Zentrale, und wieder war Diskretion gefragt. Walter wurde Blatters Mediensprecher, begleitet ihn auf seinen Reisen. Dabei sieht er mehr in einer Woche als wir in einem ganzen Journalistenleben, am Morgen Audienz beim Papst, dann Tee bei den Scheichs, bei Putin, beim Parteichef in China, dann die Medienzaren, die Bosse von Adidas und Nike. Das ist jetzt nicht mehr die Garderobe von GC, das ist die Garderobe der Welt.

Walters Leben ist aus dem Stoff gemacht, von dem wir Journalisten träumen. Dieser Blick hinter die Kulissen, diese Ahnung, wie es wirklich läuft, dieser heisse Atem der Realität. Wenn wir ihn sehen auf der Strasse, sind wir freundlich, wir quälen ihn nicht mit den Fragen, die wir gerne stellen möchten. Wir wissen: Walter muss schweigen. Wir werden Komplizen im Gelübde der Diskretion. Aber schweigen, das müssen auch die Banker, wenn sie zurückkommen vom Segelturn mit einem russischen Oligarchen oder von einem Poloturnier in St. Moritz. Schweigen ist ein Zürcher Beruf.

Wenn wir am Abend ein Bier trinken in unserer kleinen Stadt, taucht immer wieder Walters Name auf, und wir fragen uns, ob er glücklich ist in der Machtzentrale oben auf dem Zürichberg, dem Sitz der anderen Weltregierung. Vielleicht wird er uns irgendwann alles erzählen, wie es wirklich war. Grande Walter.

Erstellt: 28.05.2015, 09:20 Uhr

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