Gross sagt, wie man England schlägt

Christian Gross über die Leidenschaft in der Premier League, die Schwierigkeiten des englischen Nationalteams und Lösungsansätze für einen Schweizer Sieg.

Hat in England eine neue Welt angetroffen: Christian Gross über seine Zeit bei Tottenham.

Hat in England eine neue Welt angetroffen: Christian Gross über seine Zeit bei Tottenham. Bild: Keystone

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Christian Gross, die Schweiz startet gegen England in die EM-Qualifikation. Sie waren zwischen November 1997 und September 1998 Trainer bei Tottenham. Was bedeutet Ihnen der englische Fussball?
Enorm viel. Für mich war es ein wesentlicher Schritt in meiner Karriere, das Angebot von Tottenham anzunehmen und die Verpflichtung einzugehen, alles zu unternehmen, damit der Klub nicht absteigt. Ich habe in England eine neue Welt angetroffen, in der die Bedeutung des Fussballs um einiges grösser ist als in der Schweiz. Die Identifikation der Fans mit dem Verein geht schon fast ins Religiöse. Die Anhänger stehen ihren Klubs enorm nahe. Oft sagten mir Tottenham-Fans: «Bitte tun Sie alles, damit wir nicht absteigen, sonst gehen wir am Montag nicht mehr zur Arbeit.»

Das klingt nach grosser Leidenschaft, aber auch nach grossem Druck für die direkt Beteiligten.
Das habe ich gespürt, vor allem im Stadion, wo Mannschaft und Publikum sehr eng beieinander sind und es in der Premier League praktisch keine leeren Sitze gibt. Die Leute leben extrem mit, jeder Spielzug ist schon im Kopf. Wenn auf der Seite ein Durchspiel gelungen ist, sehen sie bereits die Flanke und den erfolgreichen Kopfball kommen. Der Druck, der unter diesen Umständen von den Fans entsteht, ist immens. Ich habe die Faszination des englischen Fussballs und damit die Unterschiede zu anderen Ligen immer mit den vier «P» umschrieben: Power, Pace, Pleasure, Pressure (Kraft, Tempo, Freude, Druck).

Waren Sie dem englischen Fussball schon vor Ihrer Zeit bei Tottenham so sehr verbunden?
Nein, das wuchs mit meinem Engagement.

Und jetzt: Bereuen Sie, vor Ihrer Trainerkarriere nie selbst in England gespielt zu haben?
(Lacht) Nein, ich habe als Fussballer die Karriere gemacht, die ich machen konnte. Aber es war wunderbar, dass ich als Trainer bei Tottenham arbeiten und dem Klub helfen konnte.

Welche unvergesslichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem englischen Fussball?
Unvergesslich ist der Startsieg bei Everton. Und dann das 6:2 gegen Wimbledon mit vier Toren von Klinsmann, das uns den Ligaerhalt sicherte. Dazu kam die Möglichkeit, mit Weltstars zusammenzuarbeiten. David Ginola war einer der besten Fussballer, mit denen ich je zusammenarbeitete.

Gab es auch brutale Momente?
Die trifft man im Ausland einfach an. Es war neu für die Engländer, dass ein Schweizer Trainer kommt. Es gab Stimmen, die fanden, die Schweizer sollten sich aufs Skifahren und Uhrenmachen konzentrieren – die Klischees, die im Ausland über uns verbreitet sind.

Werden diese Klischees auf der Insel noch stärker bemüht, weil die Engländer ein so hohes Selbstwertgefühl haben, wenn es um den Fussball geht – ihren Fussball?
Sie leben auf der Insel und haben das Gefühl, das alles, was vom Kontinent kommt, genau überprüft werden muss. Sie sind eng verwurzelt und haben ein extrem nationales Denken. Es braucht viel, um sie überzeugen zu können.

Hat England mit der Premier League noch immer die beste Liga der Welt?
Absolut. Das zeigen allein die vergangenen Jahre in der Champions League. Chelsea, Manchester United und Liverpool waren die drei Mannschaften, die den Klubfussball zusammen mit Barcelona zuletzt bestimmt haben. Diese Überlegenheit wird sicher weitergehen. Das hängt mit den finanziellen Möglichkeiten zusammen, die dank dem TV-Anbieter Sky und seinen hohen Zahlungen für die Rechte gegeben sind.

Die Nationalmannschaft kann nicht Schritt halten mit den Erfolgen der Klubs. Sind die englischen Spieler aufgrund der Qualität der von ausländischen Spielern stark mitgeprägten Liga überbewertet?
Nicht überbewertet, aber sie sind in den Klubs eingespielter. Die englische Nationalmannschaft kann im Gegensatz zu anderen Nationalteams auf keinen Block von Spielern aus demselben Klub zurückgreifen, und das ist ein Nachteil.
Fabio Capello aber ist einer der weltweit besten Trainer. Unter ihm spielte England eine hervorragende WM-Qualifikation. An der WM waren seine Spieler ausgebrannt, sie konnten sich nicht als Einheit formieren und wurden vom Goaliefehler im ersten Match durchgeschüttelt. Für die Engländer kommt die WM nach den vielen Spielen während der Saison immer zum ungünstigsten Zeitpunkt. Für sie sollte die WM eigentlich um die Weihnachtszeit stattfinden. Nach dem 4:0 gegen Bulgarien werden sie jetzt aber mit stolzer Brust nach Basel kommen. Selbstbewusstes Auftreten ist ohnehin ihr Markenzeichen.

Welchen englischen Spieler hätten Sie gerne in Ihrer Mannschaft?
Sie sind alle gut (lacht). Ich bin ein grosser Bewunderer von Verteidiger Ledley King, er ist aber leider immer wieder verletzt. Und Steven Gerrard ist in absoluter Topverfassung das Hirn, die Schaltstation einer Mannschaft. Er kann das Tempo bestimmen und ist abschlussstark. Er ist ein Mittelfeldspieler modernster Prägung.

Sie haben mit Basel gegen Liverpool nicht verloren und kamen auswärts gegen Manchester United zu einem 1:1, Sie besiegten Middlesbrough im Heimspiel 2:0. Wie muss ein Schweizer Team gegen ein englisches auftreten?
Entscheidend ist, dass die Mannschaft mit riesigem Herz und kühlem Verstand in den Match geht. Unser Spiel damals gegen Liverpool hat gezeigt, wie man es machen kann, man muss bei einer Führung allerdings auch auf die Bremse stehen können (der FCB führte damals im Champions-League-Herbst 2002 nach 29 Minuten 3:0, kassierte in der letzten halben Stunde aber noch drei Gegentore zum 3:3). Grundsätzlich gilt: Ohne Euphorie besiegt man England nicht.

Erstellt: 06.09.2010, 16:10 Uhr

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