Zürcher Strassenschlacht: Warum die Polizei diesmal eingriff

800 FCZ-Fans kesselte die Polizei auf der Badenerstrasse ein. Für die Sicherheitshüter war diesmal die Grenze überschritten.

Eingekesselte FCZ-Fans hantierten an der Badenerstrasse mit 2000 Grad heissen Seenotfackeln. Bild: Petar Marjanovic (watson.ch)

Eingekesselte FCZ-Fans hantierten an der Badenerstrasse mit 2000 Grad heissen Seenotfackeln. Bild: Petar Marjanovic (watson.ch)

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Einen Moment lang durfte man am Samstagabend hoffen, dass sich die Geschichte wiederholen würde. Auf der einen Seite waren die Fans des FC Zürich, die auf ihrem unbewilligten Umzug zum Stadtderby Böller und Pyros zündeten, bis zu 2000 Grad heisse, verbotene Seenotfackeln. Auf der anderen Seite die Polizei, die darauf reagierte, indem sie die Fans mit einem Grossaufgebot einkesselte. Verblüffend ähnlich war die Ausgangslage im Mai 2013 schon einmal gewesen. Doch damals beruhigte sich die Situation – obwohl sich diverse Fans bereits vermummt hatten und Gummi­schrot in die Menge geflogen war.

Am vergangenen Samstag nahmen die Ereignisse einen anderen Lauf. Die Bade­nerstrasse wurde zum Schauplatz stundenlanger Strassenschlachten zwischen Polizei und Anhängern des FCZ.

Ziel war es, Pyros einzuziehen

Den Ausschlag, den Fanmarsch zu stoppen, gaben nach Darstellung der Stadtpolizei die vielen Pyros, die gezündet worden waren. Mediensprecherin Brigitte Vogt legte sich gestern nicht auf eine Schätzung fest, sagte aber, die Grenze sei eindeutig überschritten worden. Es sei zwingend gewesen einzugreifen; dies habe der Gesamteinsatzleiter entschieden. Aus dem Lager der Fans kam gestern der Einwand, der Pyro­einsatz habe sich im üblichen Rahmen gehalten und die Stimmung sei friedlich gewesen. In der Regel duldet die Polizei die Fanumzüge inklusive einzelner Böller und Fackeln, solange sich niemand vermummt und nichts beschädigt wird.

Diesmal fanden sich um 16.30 Uhr etwa 800 FCZ-Fans eingekesselt auf der Badenerstrasse wieder. Per Megafon wurden sie aufgerufen, sich kontrollieren und fotografieren zu lassen und ihre Personalien anzugeben. Dann könnten sie gehen. Ziel dieses Vorgehens war es laut Vogt, alles illegale Feuerwerk einzuziehen. Zudem sollten jene Fans ausfindig gemacht werden, die bereits Pyros angezündet und damit gegen das Sprengstoffgesetz verstossen hatten.

Die eingekesselten Fans aber weigerten sich. Sie fürchteten, «fichiert» zu werden. In dieser brenzligen Situation hatte 2013 ein besonnener Fan Schlimmeres verhindert, indem er zwischen den Fronten verhandelte, wie FCZ-Fans später erzählten. Das Ergebnis dieser Krisendiplomatie: Die Polizei verzichtete auf die Personenkontrollen, die Fans beendeten dafür ihren Marsch ohne Radau. Ob es am Samstag ähnliche Bemühungen gab, ist nicht bekannt. Jedenfalls beharrte die Polizei diesmal auf den Kontrollen. Die Situation sei eine andere ­gewesen, begründet Vogt dies.

Es flogen Steine und Flaschen

Alle paar Minuten griffen sich die Beamten nun einzelne Fans aus dem Pulk heraus. Während dieser Kontrollen wurden sie laut Vogt andauernd «massiv bedrängt». Es flogen Steine und Flaschen, ein Beamter wurde mit einer Stange verletzt, ein anderer mit einer brennenden Fackel angegriffen. Die Polizei reagierte mit Gummigeschossen, Wasserwerfern und Tränengas. Nach 18 Uhr erhielt die Strassenschlacht neuen Zustrom. Jene hartgesottenen FCZ-Fans, die es ins Stadion geschafft hatten, hatten mitbekommen, was draussen geschah. Sie entschieden, das Spiel zu boykottieren und es sich anderswo anzusehen. Ein Teil von ihnen allerdings eilte den eingekesselten Kollegen zu Hilfe. Vor dem Letzigrund brannten Container, zwei Polizeifahrzeuge wurden demoliert, und an der Bade­nerstrasse gab es Sachschäden in noch unbekannter Höhe. Sprecher der FCZ-Fankurve machen die Polizei dafür verantwortlich, dass die Lage eskalierte. Sie habe die Ausschreitungen mit ihrem «unverhältnismässigen Vorgehen» in Kauf genommen. Die eingekesselten Fans, darunter auch «unbeteiligte», hätten stundenlang im kalten Regen stehen müssen. Laut Augenzeugen befand sich eine Handvoll nach 22 Uhr noch dort. Dass sich andere mit ihnen solidarisieren würden, sei absehbar gewesen.

Keine «Hooligan-Fichen»

Die Polizei wiederum spricht von einem «Mob» und von «schwerwiegenden Angriffen» durch «Chaoten». Trotz der widrigen Umstände gelang es ihr, im Verlauf des Abends über 800 Personen zu kontrollieren. 11 wurden vorübergehend festgenommen, unter anderem wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte. Mehr ist über die Ergebnisse der Aktion noch nicht bekannt. Mediensprecherin Vogt weist aber darauf hin, dass alle ande­ren entgegen ihren Befürchtungen nicht «fichiert» würden. Ihre Namen kämen je nach Verdacht zwar in die Polizei-Datenbank Polis, nicht aber in die Hooligan-Datenbank Hoogan.

Die Polizei setzte am Samstagnachmittag auch gegen den Fanzug der Grasshoppers Gummischrot ein, als dieser von der vorgesehenen Route abweichen wollte – ohne weitere Folgen. Neben der Stadtpolizei war die Kantonspolizei im Einsatz. Die politischen Verantwortlichen waren gestern nicht erreichbar.

Erstellt: 23.02.2015, 06:37 Uhr

Kommentar

Die Grenzen der Repression

Keine Frage: Wer in einer Menschenmenge Knall­petarden zündet, ist ein Idiot und handelt verantwortungslos. Das sehen auch jene FCZ-Anhänger so, die laut Augenzeugen die Unverbesserlichen in ihren Reihen vor dem Zürcher Derby wiederholt zur Besinnung aufriefen. Vergeblich: Die Polizei rückte mit dem Wasserwerfer vor, kesselte alle Fanmarschteilnehmer ein, es flogen Steine und Bierflaschen, Fussballfans gingen mit Stangen auf Polizisten los. Ein Zürcher Fussballabend endete – wieder einmal – im Desaster.

Am meisten über diese Ausschreitungen könnten sich jene 85 Prozent der kantonalen Stimmberechtigten ärgern, die im Juni 2013 dem Hooligan-Konkordat zugestimmt haben. Hatte ihnen die Politik nicht vollmundig versprochen, unter anderem mit verschärften Stadion- und Rayonverboten endlich ein griffiges ­Instrument gegen die Gewalt in und um die Stadien in der Hand zu haben?

Es war ein trügerisches Versprechen. Schon nach Zusammenstössen zwischen GC-Fans und Polizisten auf der Duttweilerbrücke im März 2014 musste die Stadtpolizei einräumen, dass sich solche Vorfälle durch das verschärfte Hooligan-Konkordat nicht verhindern liessen. Und auch der Samstag hat bewiesen, dass sich das Problem der Fangewalt nicht einfach lösen lässt, indem man Grundrechte einschränkt und die Macht der Polizei ausweitet. Wenn wegen Pyros und Knallkörpern eine Stadt in stundenlange Scharmützel verwickelt wird, zeigt das vielmehr, dass Repression zuweilen ihre Wirkung verfehlt – und die Diskussion um Fangewalt nach wie vor in einer Sackgasse steckt.

Es liegt an allen Beteiligten, den Weg aus dieser Sackgasse zu finden. Aufgabe besonnener FCZ- und GC-Fans ist es, sich deutlich von den Verirrten in ­ihren Kurven zu lösen und sich dem Dialog mit den Vereinen und Behörden zu öffnen. Den Clubs obliegt es, in eine Fanarbeit zu investieren, die diesen Namen auch verdient. Und die Polizei steht in der Pflicht, in der Hitze des Gefechts ihre Einsatzmittel verantwortungsvoll und verhältnismässig einzusetzen. Denn wenn sich die Gewaltspirale munter dreht, werden sich am Ende nur die Idioten als Gewinner fühlen.

Patrick Kühnis

Nach dem Zürcher Derby FCZ gegen GC kam es zu Ausschreitungen. Video: Leserreporter

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