«Heiko Vogel ähnelt Lucien Favre»

Captain Marco Streller erklärt den Höhenflug des FC Basel – und hält ein Plädoyer für Heiko Vogel als Cheftrainer.

Grosser Trainer, langer Stürmer: FCB-Coach Vogel und Schlüsselspieler Streller nach dem Triumph über Manchester United.

Grosser Trainer, langer Stürmer: FCB-Coach Vogel und Schlüsselspieler Streller nach dem Triumph über Manchester United. Bild: Keystone

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Zwischen Schlusspfiff und Interview liegen zwei Nächte und nur wenig Schlaf. Die Bilder vom Mittwochabend laufen wie ein Film ab, ständig ist dieses überwältigende 2:1 des FC Basel gegen Manchester United präsent, und Marco Streller fragt sich manchmal: «Ist es ein Traum?»

Der 30-jährige Captain ist mit Gratulationen in jeder Form eingedeckt worden wie nie in seiner Karriere. Der Erfolg macht für ihn die Marke FCB noch wertvoller, «weil um die Welt ging, was wir vollbrachten. Sogar in Taiwan konnten sie im Pub sehen, wie Manchester an uns scheiterte».

Marco Streller, wer sind die fünf besten Stürmer in Europa?
Messi, Cristiano Ronaldo, Benzema, Gomez und Rooney.

Was ist mit Streller?
Zählt nicht zu diesen fünf.

Warum nicht?
Wenn man Tore und Assists der Champions League zusammenzählt, bin ich vorne dabei. Aber die genannten Stürmer haben über Jahre Weltklasseniveau bewiesen. Ich würde mich nie mit diesen fünf vergleichen.

Auch nach dem Abend gegen Manchester United nicht?
Nein. Natürlich stehen Torschützen stärker im Fokus, aber das wird unserer Mannschaft nicht gerecht. Wir holten in einer schwierigen Gruppe elf Punkte und verloren auswärts kein Spiel. Dazu braucht es ein Team, nicht bloss Frei oder Streller. Das Duo Abraham und Dragovic ist etwas vom Besten in Europa. Wir haben starke Junge, einen Steinhöfer, der einen Topmatch ablieferte . . .

. . . einen Sommer im Tor . . .
. . . ein Topgoalie in Europa!

Aber Ihr Marktwert dürfte gestiegen sein.
Vielleicht machen sich Vereine, zum Beispiel englische, Gedanken darüber, ob sie einen erfahrenen Stürmer wie mich als Nummer drei oder vier holen möchten, der dann trotzdem auf 25 bis 30 Spiele pro Saison kommt.

Gibt es Interessenten?
Ich habe von Angeboten gehört.

Also könnten Sie im Winter nach England wechseln?
Ja. Ich bin in der Form meines Lebens – aber dafür brauche ich ein Umfeld wie in Basel. Deshalb verschwende ich auch keinen Gedanken daran, wegzuziehen.

Fühlen Sie sich dem FCB moralisch verpflichtet?
Ich bin ein bekennender England-Fan, und ich habe gelernt, dass man nichts ausschliessen kann. Aber ich kann mir einen Weggang nicht vorstellen. Ich bin Captain des FCB, habe einen guten Draht zum Trainer und Präsidium, das passt einfach. Und in Europa gehören wir zu den besten Teams. Das gebe ich nicht einfach auf.

Früher galten Sie als talentierter Stürmer, der aber oft verletzt war und es mit der Seriosität nicht immer genau nahm. Jetzt sind Sie 30, gesund und zu einer Persönlichkeit gereift. Ist diese Entwicklung erklärbar?
Vielleicht musste ich früher auf die Nase fliegen, um gewisse Dinge zu ändern. Ich hatte nicht immer die nötige Seriosität und Demut dem Beruf gegenüber. Ich landete in einer Welt, in der Aufsteiger gefeiert werden, ein negatives Wort war kaum zu hören. Innert drei Jahren wurde aus einem Drittliga-Kicker ein Nationalspieler. Es war nicht einfach, damit umzugehen. Nach schmerzhaften Erfahrungen schaffte ich es aber, ein seriöser Profi zu werden.

Womit hat das zu tun?
Die Geburt meiner Kinder machte mich erwachsen. Mein Wandel blieb mir selber auch nicht verborgen. Und ich spüre erstmals in meiner Karriere den Respekt in der ganzen Schweiz. Teilweise war die Kritik ungerechtfertigt, teilweise war ich aber auch selber schuld. Jetzt ist die Berichterstattung fast beängstigend gut.

Wie verarbeiteten Sie Kritik?
Ich sagte mir stets: Irgendwann kommt wieder ein Highlight. Meine Karriere war ein Auf und Ab. Ich nahm die Arbeit eines Mentaltrainers in Anspruch und kann heute besser entspannen und Distanz gewinnen.

Bereuen Sie heute einen Entscheid von früher?
Ich lernte auch aus den negativen Erlebnissen, sonst wäre ich heute kaum so weit. Wenigstens war es nie langweilig in meiner Karriere (lacht). Ich würde nicht mehr so früh ins Ausland wechseln.

Dann sind Sie für die jungen Basler ein warnendes Beispiel.
Es ist doch logisch: Xherdan Shaqiri wird den Sprung ins Ausland machen. Und ihm wäre niemand böse, wenn er jetzt gehen würde.

Für Murat Yakin ist der FCB der Konkurrenz um Jahre voraus. Was macht der Klub besser?
Das Modell, 27- bis 30-Jährige zurückzuholen, die noch im Saft und aus der Region sind, funktioniert hervorragend. Dieses Gerüst hält vier, fünf Jahre. Früher übernahmen Ausländer tragende Rollen, ein Gimenez, ein Rossi. Heute sind es Einheimische. Das ist nicht nur in der Schweiz, sondern in Europa eine Seltenheit.

Sie werden nächstes Jahr 31, Frei 33, Huggel 35 …
. . . Huggel ist ein gutes Beispiel. Er wurde anfänglich kritisiert, aber in den entscheidenden Phasen war er immer präsent. Seine Zeit ist noch nicht vorbei.

Trotzdem: Weiss jeder, wann es Zeit für den Rücktritt ist?
Ich will nicht aus dem Stadion gejagt werden, sondern aufhören, wenn ich noch leistungsfähig bin.

Sind die Stunden seit Mittwoch die intensivsten Ihrer Karriere?
Auf jeden Fall. Gegen Liverpool vor neun Jahren war es zwar lauter im Stadion, aber gegen ManU – ich kriege sofort wieder Gänsehaut – schaute ich ins Publikum und sah in ungläubige Gesichter. Ich gehe in eine Bäckerei und werde von Leuten umarmt, die ich nicht kenne. Im Restaurant klatschen Leute, die am Essen sind. Oder im Auto hupen sie, zeigen mit dem Daumen nach oben. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Daumen gesehen!

Was sagt Ihnen das?
Dass wir den Leuten Freude machen, darum geht es doch. Wir haben sehr gute Verträge, es wäre scheinheilig, etwas anderes zu behaupten. Aber ich versuche trotzdem immer, die emotionale Schiene zu fahren. Vor dem entscheidenden letzten Spiel der vergangenen Saison gegen Luzern lief ich mit dem Laptop durchs Hotel und zeigte den neuen Spielern Bilder vom Barfüsserplatz, wie wir einen früheren Titel feierten, was da los ist. Mittwochnacht war es wieder so, morgens um eins. Es waren Tausende Leute da. Das nenne ich Liebe.

Es freuen sich auch Leute ausserhalb von Basel.
Das ist das erste Mal seit 2002, dass ich eine Solidarität weit herum wahrnehme, dass der FCB wieder der sympathische Klub ist, selbst für Nicht-Basler.

Und Sie selber werden kaum mehr ausgepfiffen.
Die Pfiffe klingen ab. Ich habe mir schliesslich nie eine abschätzige Geste gegenüber der Kurve eines Gegners erlaubt. Natürlich kamen manchmal auch von mir Äusserungen, die nicht besonders clever waren. Aber dazu stehe ich. Und die Leute schätzen das.

Dann ist es zum Comeback im Nationalteam nicht mehr weit.
(lacht) Der wievielte Rücktritt vom Rücktritt wäre das dann? Nein, das ist kein Thema mehr. Ich habe sehr gerne für die Schweiz gespielt, aber in der Nationalmannschaft passte es nicht mehr. Es ist eine neue Generation gekommen, und in der fühlte ich mich nicht vollends wohl.

Beim FCB haben Sie mit Heiko Vogel seit Mitte Oktober einen neuen Chef. Ahnten Sie, dass es mit ihm gut kommen wird?
Ich wusste es! Er hat immense Fachkompetenz und eine unglaublich gute Art. Er hatte schon vorher den Fussball von Thorsten Fink mitgeprägt, seither hat er einige Nuancen verändert. Dass wir defensiv noch sicherer stehen zum Beispiel.

Wie nehmen Sie ihn als Chef wahr?
Als Assistent stand Heiko Vogel uns Spielern sehr nahe. Nach seiner Beförderung ging er etwas auf Distanz, ohne sich zu sehr zu verändern. Um einen solchen Prozess zu vollziehen, braucht er Führungsspieler, die das nicht missbrauchen. Da verträgt es keine Charakterlumpen.

Nach Ihrem Tor in Bukarest gegen Galati, stürmten Sie zu Vogel und umarmten ihn innig. War das Ihr Zeichen für die Vereinsleitung, Vogel zum offiziellen Trainer zu ernennen?
Nein, gar nicht. Niemals würde ich Bernhard Heusler (den Klubchef) so unter Druck setzen wollen. Das kam von Herzen nach meinem ersten Champions-League-Tor. Und als Captain bin ich der verlängerte Arm des Trainers, wir reden viel miteinander und vertrauen uns sehr.

Für Sie gibt es also keinen anderen Cheftrainer als Vogel?
Soll mir einer ein Argument bringen, das gegen Vogel spricht, nur eines! Es gibt keines. Heiko wird ein guter Cheftrainer. Alles andere würde mich überraschen.

Als Thorsten Fink Basel verliess, gab es Tränen. Die sind ziemlich schnell getrocknet.
Ein Wahnsinn, nicht? Damals sagte ich, dass ich unter Thorsten Fink die schönste Zeit im Fussball erlebt habe. Doch bei aller Wertschätzung für Thorsten: Nun sind die zwei Monate mit Heiko Vogel die schönsten meines Lebens.

Allein wegen der Resultate?
Ich habe beim FCB Christian Gross erlebt und nachher Thorsten Fink. Nach nur einem Spiel ist aber weder der eine noch der andere von der Muttenzerkurve gefeiert worden. Vogel schon.

Vogel sagt von sich: «Wer mich unterschätzt, macht einen Fehler.» Einverstanden?
Hundertprozentig. Er ist nicht der Gute-Laune-Bär, für den ihn alle halten. Er kann laut werden, sehr laut. Er hat auch genug Selbstvertrauen, um harte Entscheidungen zu treffen.

Wenn Vogel sagt: «Streller, so nicht!»
Dann akzeptiere ich das. Selbstverständlich. Vogel würde einen Spieler eiskalt rasieren, wenn er merkt, dass der nicht mitzieht.

Und Sie würden ihm helfen.
Natürlich. Wenn jemand das Wohl der Mannschaft gefährdet, bekommt er mit mir Probleme. Aber bei uns macht das ja keiner.

Sie haben zahlreiche Trainer erlebt: Gross, Latour, Fink . . .
... Magath, Sammer, Trapattoni.

Und dann kommt Vogel, der Mann, der den Eindruck vermittelt, ein ewiger Assistent zu sein. Was macht er besser als die anderen?
Er ist taktisch ein Genie, hochintelligent. Es ist schwierig, ihm das Wasser zu reichen. Vogel ähnelt Lucien Favre, dessen Handschrift bei Mönchengladbach klar erkennbar ist. Das gilt auch für Heiko Vogel hier in Basel. Und das nach so kurzer Zeit.

Hat der Achtelfinal in der Champions League mehr Wert als ein Meistertitel?
Nein. Für einen Meistertitel kämpfen wir 36 Runden. Aber natürlich: Eine Nacht wie am Mittwoch ist unvergesslich, darüber wird man in 20 Jahren noch reden. Das meinte ich, als ich nach Basel zurückkam: Ich will mit dem FCB Geschichte schreiben. Dass mir das gelungen ist, ist ein wunderbares Gefühl.

Erstellt: 11.12.2011, 13:35 Uhr

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