Analyse

Heute wird Fringers Entlassung zum Thema

Der FCZ ist in einer schweren Krise und die Mannschaft in zwei Lager gespalten.

Wie lange noch? Rolf Fringers (m.) Position beim FCZ wird immer schwächer.

Wie lange noch? Rolf Fringers (m.) Position beim FCZ wird immer schwächer. Bild: Keystone

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Die Frage wurde gestellt, weil das in solchen Situationen immer der Fall ist: «Rolf Fringer, fürchten Sie um Ihren Job?» Mit der ihm eigenen Gelassenheit antwortete der FCZ-Trainer, der seit 25 Jahren im Geschäft ist und die Mechanismen des Fussballs kennt: «Damit beschäftige ich mich nicht, sondern einzig mit dem Problem, wie ich mit der Mannschaft aus dem Loch finde.» Es war Samstagabend, Viertel nach zehn Uhr. Tiefe Nacht im Letzigrund – für die Zürcher im wahrsten Sinne des Wortes. Sie waren dem Tabellenletzten Servette 0:2 unterlegen. Eine Woche zuvor hatte der FCZ am gleichen Ort gegen den Zweitletzten Luzern ebenfalls 0:2 verloren.

Die Heimbilanz von Fringer ist bedenklich. Er hat mit dem FCZ in neun Spielen sieben Punkte gewonnen, aus den letzten sechs Partien im eigenen Stadion resultierte nur ein Zähler. Mit seinen insgesamt 17 Punkten befindet sich der Club zwar noch im breiten Mittelfeld der Tabelle, der Abstand zu Servette und dem letzten Platz beträgt aber nur noch sieben Zähler. Die Genfer empfangen am kommenden Sonntag den FC Thun, der FCZ trifft im Derby auf GC. Für den FCZ könnte es schon sehr bald heissen: Willkommen im Abstiegskampf!

Verunsichert, leblos und fad

Fringer wurde auf diese Saison verpflichtet, um frischen und mutigen Fussball spielen zu lassen und die Mannschaft für den Europacup zu qualifizieren. Der FCZ ist von beiden Zielen meilenweit entfernt. Die Mannschaft ist völlig verunsichert, sie wirkt leblos, müde und fad, sie spielt kompliziert und durchsichtig, gelangt so gut wie nie in den Abschluss. Gegen Luzern wie auch gegen Servette kam sie nicht zu einer einzigen Torchance aus dem Spiel heraus. Dafür lud sie in der Defensive die Gegner mit stümperhaften Eigenfehlern zum Toreschiessen ein: Goalie Da Costa hatte gegen Luzern gepatzt, gegen Servette leitete Verteidiger Glarner die Niederlage mit einem dilettantischen Rückpass ein.

Sehr vieles stimmt nicht bei diesem FCZ. Er ist keine Einheit, kein Team, er besteht aus elf Einzelkämpfern. Viele von ihnen sind zwar einstige oder sogar aktuelle Nationalspieler, aber sie sind keine Persönlichkeiten, die vorangehen, kämpfen und dagegen halten, wenn eine Partie nicht so verläuft, wie sie sich das vorstellen. Der FCZ ist nicht im Gleichgewicht und nicht besonders gut zusammengestellt. Er hat im zentralen Mittelfeld zu viele ähnliche Spielertypen wie Buff, Kajevic, Kukuruzovic und neuerdings wieder Gajic. Sie alle haben den Ball am liebsten in den Füssen. Und der FCZ hat zu viele Zentrumsstürmer wie Gavranovic, Drmic, Jahovic und Chermiti, die immer in die Mitte drängen und sich gegenseitig den Raum nehmen, weil sie unbedingt ihr Tor erzielen wollen.

Wahrscheinlich ist das Potenzial der Mannschaft von den Verantwortlichen zu Saisonbeginn falsch eingeschätzt beziehungsweise überschätzt worden. Die letzte Verantwortung für die ungenügenden Ergebnisse trägt – neben den Spielern natürlich – der Trainer. Fringer hatte im Frühling zwei Monate Zeit, um sich von der Tribüne herab ein Bild vom FCZ zu machen. Gewiss wurde ihm nicht jeder Transferwunsch erfüllt, aber seine Bilanz mit nur einem gewonnenen Punkt pro Spiel ist dürftig. Sein Vorgänger Urs Fischer erreichte letzte Saison in den 24 Partien bis zu seiner Entlassung im März einen Schnitt von 1,2 Punkten. Die Zürcher sind keinen Schritt weitergekommen.

Falls Fringer auch das Derby verlieren und der FCZ in seinem letzten Spiel vor der Winterpause im Cup am Erstligisten Köniz scheitern sollte, ist er nicht mehr zu halten. Das ist klar. Einiges deutet aber darauf hin, dass es schon vor diesen Partien zur Trennung kommen könnte. Die Mannschaft ist tief gespalten, in eine Pro-Fringer-Fraktion mit Da Costa und Kukeli als Wortführer und in eine Anti-Fringer-Gruppe mit Beda, Guatelli und Chermiti. Letztere sollen sich bei Präsident Ancillo Canepa massiv über den Trainer beschwert haben. Und Canepa selber hat sich schon öfter darüber aufgehalten, dass der Trainer mit unbedachten Äusserungen seinen Spielern Alibis für ungenügende Leistungen verschaffe – wie zuletzt am Samstagabend, als Fringer behauptete, die Wirren in der Clubleitung hätten sich nachteilig auf die Mannschaft ausgewirkt.

Clubleitung entscheidet heute

Die Luft ist dünn geworden für Fringer. Heute Nachmittag tagt die Geschäftsleitung des Clubs, und auf den Abend soll eine ausserordentliche Sitzung des Verwaltungsrats anberaumt sein. Klar ist, dass die Trainerfrage diskutiert und vielleicht auch schon gegen Fringer entschieden wird. Ob Fringer nun aber entlassen wird oder (auf Zusehen) weiterarbeiten darf: Der Druck wird auch für Canepa und Sportchef Fredy Bickel grösser werden. Fringer war im März ihr Wunschtrainer gewesen – und nur acht Monate später ist er mehr oder weniger gescheitert. Canepa muss dies nicht so sehr kümmern: Er hat seine Position im Verwaltungsrat mit der Bereitschaft, den Jahresverlust (geschätzte fünf Millionen Franken) abzudecken, nachhaltig gestärkt. Bickel aber hat mit Fringer die erfolglose Mannschaft zusammengestellt und die sportliche Misere mitverschuldet.

Erstellt: 26.11.2012, 08:10 Uhr

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