«Hitzfeld wird sich nicht mehr ändern»

Wie Alain Sutter und andere Experten über den Zustand der Nationalmannschaft denken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ob Fans oder Fachleute, ob frühere Nationalspieler wie Alain Sutter und Ciriaco Sforza, Direktbetroffene wie Verbandspräsident Peter Gilliéron und der Nationalteam-Delegierte Peter Stadelmann – alle beschäftigen sich mit der Nationalmannschaft. Und sorgen sich um sie. Und immer wieder dringt vor dem kapitalen EM-Qualifikationsspiel morgen Dienstag in Basel gegen Wales durch: Die Schweiz muss unter Trainer Ottmar Hitzfeld endlich mutiger auftreten.

Alain Sutter, TV-Experte: Eine andere Einstellung

«Meine Hoffnung ist, dass es für die Schweiz dank ihrer Qualitäten weiterhin möglich ist, den 2. Platz zu erreichen. Gehen wir davon aus, dass der 1. Platz an England vergeben ist, dann ist keiner der übrigen Gegner in dieser Gruppe Furcht einflössend. Keiner hat international die Erfahrung wie die Schweiz, die zuletzt viermal an einem grossen Turnier war.

Die Problematik der Schweiz ist ihre Verunsicherung. In diesem Zusammenhang komme ich zurück auf den Sieg gegen Spanien an der WM. Der war für mich gar nicht so toll für die Entwicklung der Mannschaft. Vielmehr hat er dazu beigetragen, dass sie weiterhin defensiv ausgerichtet ist, weiterhin so auf den Platz geht wie damals beim 1:0. Sie geht auf den Platz, um nicht zu verlieren.

Ich denke, Ottmar Hitzfeld sagte am vergangenen Freitag: Ein Punkt ist gut, dann fallen wir nicht weiter hinter Montenegro zurück. Wir spielen aus einer sicheren Abwehr heraus, wir versuchen zwar auch, nach vorn zu spielen, aber nicht um jeden Preis. Dass das so war, sagt mir meine Wahrnehmung, mein Gefühl, meine Erfahrung, weil Ottmar Hitzfeld mein Trainer war und ich seinen Weg seither genau verfolgt habe. Die Schweiz agierte nicht, sie reagierte nur. Wenn bei solchen Auftritten das Resultat nicht stimmt, sind Tür und Tor offen für Kritik. So ist das eben, wenn resultatsorientierter Fussball gespielt wird. Hitzfeld hat mit diesem Fussball in seiner Karriere immer recht bekommen. Er wird sich nicht mehr ändern.

Der Basler Block hat seine Qualitäten. Aber es gibt zwei Einwände. Erstens: Drei von vier haben im Nationalteam eine andere Position als im Verein. Da sind sie Stars, im Nationalteam sind sie nicht einmal richtige Stammspieler, hier fehlt ihnen die Lockerheit. Zweitens: Im Klub spielen sie einen anderen Fussball. Da gehen sie auf den Platz, um zu siegen, selbst gegen Bayern München. Der FCB agiert viel aktiver, die Nationalmannschaft passiver.

Und was das jetzt alles für morgen Dienstag heisst? Die Ausgangslage ist klar: Ein Unentschieden reicht den Schweizern nicht mehr. Das bedingt eine andere Einstellung.»

Ciriaco Sforza, GC-Trainer: Mehr Stolz, mehr Mut

«Es ist als Aussenstehender schwierig zu beurteilen, wo das Hauptproblem liegt. Ottmar Hitzfeld hat die Spieler aufgeboten, die er für die derzeit Besten des Landes hält, das muss man akzeptieren. Als ich am Freitag vor dem Fernseher sass, sah ich eine Mannschaft, die gegen Ende der ersten Halbzeit zu grossen Chancen kam, als sie mutiger wurde. Das war für mich ein klares Zeichen: Wenn das Team an sich glaubt, eröffnen sich sofort Möglichkeiten. Aber ein Gegentor lag eben auch ständig in der Luft, das leider in der zweiten Halbzeit schliesslich fiel.

Was mir insgesamt fehlte, war ein freches Auftreten. Fast alle, die im Kader stehen, spielen im Ausland oder haben ihre Erfahrungen in einer grossen Liga bereits gesammelt. Aber davon war in Montenegro nicht besonders viel zu sehen. Ich wünsche mir mehr Stolz, mehr Selbstbewusstsein, die Spieler sollen zeigen, wer das Sagen hat. Ich will nicht behaupten, dass man damit garantiert zum Erfolg kommt, es gibt Tage, da probiert man alles und verliert trotzdem. Aber zumindest erhöht es die Chancen, ein positives Ergebnis zu erzielen. Um in einem Spiel Glück zu haben, muss man auch etwas dafür tun. Genau das erhoffe ich mir nun für den Dienstagabend.»

Peter Gilliéron, SFV-Präsident: Ruhe bewahren

«Ich versuche immer, das Gleichgewicht zu behalten und jetzt, mit Blick auf Dienstagabend, die Ruhe zu bewahren. Wir müssen akzeptieren, dass nicht immer alles so kommt, wie man sich das wünscht. Was ich nicht akzeptieren könnte, wäre ein Mangel an Einsatz. Aber diesen Vorwurf konnte man der Mannschaft am Freitag nicht machen. Der Trainer ist nun gefordert, das Selbstvertrauen der Spieler zu festigen und sie mental optimal vorzubereiten. Ich glaube nicht, dass Ottmar Hitzfeld ratlos ist, das ist er nie, er sucht jetzt nach Lösungen. Das 0:1 gegen Montenegro hat ihn mitgenommen, aber das hat jeden von uns beschäftigt.

Wir müssen alles unternehmen, um Wales zu bezwingen, danach setzen wir uns zu einer Analyse zusammen, wie wir das immer tun. Je nach Resultat fällt sie möglicherweise intensiver aus, wobei es nicht Sinn macht, heute über Eventualitäten zu diskutieren. Von Ottmar Hitzfeld bin ich weiterhin überzeugt. Und ich glaube daran, dass wir am Dienstag siegen. Es wäre verrückt, wenn sich das, was in Podgorica passierte, wiederholen würde.»

Toni Esposito, TV-Experte: Kritik an Hitzfeld

«Der Mannschaft mangelt es bei allem Grundpotenzial an der nötigen Qualität. Ich sehe gegenwärtig keinen Leader, keinen Spielmacher, keinen, der die anderen mitreisst und das Spiel lenkt. Und im Angriff hat Alex Frei auch seine Probleme. Ich mache mir auch meine Überlegungen zu Ottmar Hitzfeld. Er ist ein Trainer mit einem grossen Ausweis, er hat in seiner Karriere sehr viel erreicht, das verdient Anerkennung.

Aber in den zwei Jahren, in denen er Schweizer Nationalcoach ist, hat er meines Erachtens zu wenig herausgeholt und keinen hervorragenden Job gemacht. Ich bin der Meinung, er muss mehr investieren, in den Trainings taktisch mehr arbeiten und die wenige Zeit, die er mit seinen Nationalspielern zusammen ist, noch intensiver nützen. Sollte es am Dienstag gegen Wales auch schiefgehen, muss man sich Gedanken darüber machen, ob es mit Hitzfeld weitergehen kann.»

Peter Stadelmann, Funktionär: Den Ball ins Tor würgen

«Wir müssen die Harmlosigkeit ablegen, wir dürfen nicht mehr so brav auftreten. Was ich mir wieder einmal wünsche, ist – Stichwort Dreck – ein schmutziger Sieg. Dass wir den Ball mit aller Macht über die Torlinie würgen. Wir müssen wieder über den Kampf, über die Verbissenheit zum Erfolg kommen. Ich sehe derzeit keine Lösung, wie man das Problem der Harmlosigkeit beheben kann. Ich dachte mir vor dem Spiel in Montenegro, dass der Basler Block ein sehr guter Schachzug sein könnte. Aber ich musste feststellen, dass der nicht im gewünschten Mass für Wirbel sorgen konnte – um es diplomatisch zu formulieren.

Ich bin vollends überzeugt, dass Ottmar Hitzfeld Ideen hat, die zum Ziel führen können. Er macht sich andauernd Überlegungen. Jetzt muss er eine Lösung für Dienstag finden im Rahmen von vorgegebenen Grenzen. Wir haben keinen Mirko Vucinic. Aber für uns ist klar: Am Dienstag muss ein Sieg her. Gut, diese Worte brauchten wir schon vor Montenegro, aber jetzt sind sie richtiger denn je.»

Erstellt: 11.10.2010, 06:53 Uhr

«So ist das eben, wenn resultatorientierter Fussball gespielt wird»: Alain Sutter.

Artikel zum Thema

«Steilpass»-Blog: Was tun gegen die hässlichste Fratze des Fussballs?

Der vergangene Dienstag war der schwärzeste Tag in der jüngeren Geschichte des europäischen Fussballs. Nicht wegen der Pfiffe gegen Alex Frei in Basel. Zum Blog

Nach dem Wales-Match steht Hitzfelds Zukunft zur Debatte

Peter Gilliéron, Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, ist überzeugt von Hitzfelds Arbeit. Eine Vertragsauflösung schliesst er dennoch nicht mehr explizit aus. Mehr...

Benaglio ist bereit für die Schicksalspartie

Der Goalie von Wolfsburg hat übers Wochenende wieder am Training der Schweizer Nati teilgenommen. Diego Benaglio dürfte am Dienstag gegen Wales dabei sein. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...