Hitzfelds Planspiele mit Problemspielern

Vor dem WM-Qualifikationsspiel am Samstag in Zypern muss der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld drängende Fragen beantworten.

In Hoffenheim nur Zuschauer, im Nationalteam ein Hoffnungsträger: Eren Derdiyok hat in Ottmar Hitzfeld einen geduldigen Mentor.

In Hoffenheim nur Zuschauer, im Nationalteam ein Hoffnungsträger: Eren Derdiyok hat in Ottmar Hitzfeld einen geduldigen Mentor. Bild: Keystone

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Gestern hat die Routine im Nationalteam wieder eingesetzt: Zusammenzug in Feusisberg, Training am späten Nachmittag in Jona. Ottmar Hitzfeld, sein ausführlicher Stab und 22 Spieler haben in vertrauter Umgebung begonnen, sich auf die Pflicht und das Spiel am Samstag in Zypern einzustimmen.

Pflicht heisst vor allem: die nächsten drei Punkte zu gewinnen. Wer wie die Schweiz den ersten Gruppenplatz zum Ziel dieser Qualifikation ausruft, für den darf Zypern höchstens ein Hindernis, aber gewiss kein Stolperstein sein. «Es geht um Brasilien», sagt Hitzfeld. Brasilien, WM 2014, Sehnsüchte.

Die ersten Schritte haben die Schweizer im Herbst mit einem überragenden Diego Benaglio im Tor und viel Willenskraft erfolgreich hinter sich gebracht. So wie ihre ersten vier Spiele gelaufen sind, in Slowenien, gegen Albanien, gegen Norwegen und in Island, gibt es Anzeichen, dass sie wirklich schaffen, was sie sich vorgenommen haben.

Sie profitieren vom Glück, dass ihnen aus dem ersten Topf Spanien, Deutschland oder Italien nicht zugelost wurde, sondern Norwegen. Es gibt darum gewiss grössere Leistungen und Herausforderungen, als sich in dieser Gruppe direkt für die WM zu qualifizieren. Und doch gilt auch jetzt: Der erste Platz ist nicht gottgegeben. Dafür haben die Schweizer erst noch ein paar Probleme zu lösen.

Dabei geht es nicht um die Absenz von Benaglio, der für Zypern gesperrt ist. Mit dem Basler Yann Sommer steht ein hervorragender und formstarker Stellvertreter bereit. Dass er spielt, hat Hitzfeld gestern offiziell bestätigt.

Der Coach hat weitere, drängendere Fragen zu beantworten. Fragen, die sich ihm stellen, weil ein paar seiner Spieler bei ihren ausländischen Clubs um ihre Anerkennung kämpfen müssen. Es geht um Ricardo Rodriguez, vor allem aber um Granit Xhaka, Tranquillo Barnetta und Eren Derdiyok.

Bislang ist alles gut

In einer idealen Welt sind der Linksverteidiger und die drei Offensivspieler für Hitzfeld unangetastet. Bislang haben sie von seinem Grundsatz profitiert, dass Automatismen und Kontinuität zu zentralen Begriffen für seine Personalentscheidungen geworden sind. Und bislang ist er damit gut gefahren: Platz 1, 10:2 Punkte, 7:1 Tore.

Hitzfeld ist im Nationalteam kaum als verwegener Trainer bekannt. Darum ist anzunehmen, dass er auch in Zypern auf Rodriguez setzt. Von ihm hält er so viel, dass er grosszügig über seine taktischen und athletischen Defizite hinwegsieht – wie auch zuletzt beim 0:0 in Griechenland, als er ihn trotz bescheidener Leistung ausdrücklich lobte. Solange das so ist, bleibt Reto Ziegler trotz seiner starken Position bei Fenerbahce Istanbul nur die Absicherung.

Mario Gavranovic hätte am Samstag gute Chancen auf die Rolle als Sturmspitze gehabt, wenn er sich Anfang Monat gegen Sion nicht ein paar Bänder im Fuss gerissen hätte. Gavranovics bestes Argument hätte geheissen: vier Tore in sechs Einsätzen. Hitzfeld hat auch darauf verzichtet, den derzeit bestens aufgelegten Josip Drmic zu berufen. Er sieht ihn eher als Stürmer, der über den Flügel vorstösst. Darum hat er Haris Seferovic den Vorzug gegeben. Um zu solchen Schlüssen zu kommen, ist Hitzfeld bezahlt.

Derdiyok ist bei Hoffenheim gescheitert, er ist da, gemessen an einer Ablöse von 6,6 Millionen Franken und einem Monatsgehalt von 170'000 Franken, gar eine bittere Enttäuschung. Bei den letzten zwei Spielen stand er nicht einmal mehr im Kader. Warum er aus seinem Talent nicht mehr macht, stellt ein Rätsel dar. Für Hitzfeld ist er gleichwohl auch jetzt erster Kandidat als zentraler Angreifer. So verwegen ist er dann doch.

Bleibt weiter Barnetta. Er, einst ein unbeschwerter Flügelstürmer, ist mit seinem Wechsel letzten Sommer von Leverkusen zu Schalke ins Abseits geraten. Bei Schalke ist er zum Kurzarbeiter degradiert. Seine Einsatzzeiten in den letzten fünf Bundesligarunden heissen: 1, 0, 14, 0, 7 Minuten. Vor sechs Wochen in Athen fehlte ihm alles, was ihn einmal stark machte, aller Schwung, alle Dynamik. Mit Valentin Stocker würde eine erstklassige Alternative bereitstehen, jener Stocker, der verzweifelt seine Anerkennung bei Hitzfeld sucht. Und sie möglicherweise auch diesmal nicht findet, weil Hitzfeld in seinen Überlegungen stur sein kann.

Der Sieg als Massstab

Da ist schliesslich Granit Xhaka, seit dem Umbruch im Sommer 2011 in 15 von 16 Länderspielen immer dabei. Xhaka ist in Mönchengladbach Ende Oktober zum Reservisten degradiert worden: Seine Leistungen passen so gar nicht zu seinem selbstgestellten Anspruch. «Bild» erklärt ihn darum zum «8,5-Millionen-Euro-Flop»; Gladbachs Sportdirektor Eberl fordert von ihm, dass er «ranklotzt»; er selbst schliesst einen Wechsel nicht aus, sollte seine Situation bis im Sommer gleich bleiben.

Die Idee mit Pirmin Schwegler in offensiver Rolle hat Hitzfeld seit Athen wieder verworfen. Nun heisst seine Frage, ob Blerim Dzemaili in Zypern hinter der Spitze vielleicht nicht doch besser wäre als Xhaka. Vier Trainings hat er Zeit, um die Antwort zu finden.

Sollte Hitzfeld wirklich auf Barnetta und Xhaka setzten und die tauglichen Alternativen ignorieren, wäre er wirklich verwegen. Recht geben kann ihm nur eines: ein Sieg auf Zypern. Das ist der einzige Massstab, der zählt.

Erstellt: 20.03.2013, 07:37 Uhr

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