Hitzfelds heikelster Entscheid

Der Coach der Nationalmannschaft wird Mitarbeiter von Ringier – auch zum Wohl des eigenen Bankkontos.

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Ottmar Hitzfeld besucht an diesem Mittwoch das Schulhaus Burg in Wald ZH. Die Schüler bestürmen ihn, als er auftaucht, «überwältigend» sei das, sagt er. Er ist da, weil sein Gastspiel der Preis für die Mädchen ist, die den Credit Suisse Cup 2012 gewannen.

Hitzfeld sitzt in der Klasse, erzählt den Schülern aus seiner Jugend in Lörrach und kommt dabei zum Schluss: «Jeder hat im Leben die Möglichkeit, Weichen zu stellen und Träume zu verwirklichen.»

Es ist genau zu der Zeit, als bekannt wird, dass er in seinem Berufsleben auf einer weiteren Stufe angelangt ist. «Ringier nimmt Ottmar Hitzfeld unter Vertrag», steht über dem Communiqué, das der Verlag von der Zürcher Dufourstrasse verbreitet.

Das ist nicht gleich ein Karriereschritt wie einst sein Wechsel von den Grasshoppers nach Dortmund oder später von Dortmund zu Bayern München, es ist auch nicht vergleichbar mit seinem Engagement bei der Schweizer Nationalmannschaft, das er vor gut vier Jahren begann. Das alles sind für den Fussballtrainer Hitzfeld einschneidende Erlebnisse gewesen.

Was seit gestern bekannt ist, hat eine ganz andere Qualität und Bedeutung. Es ist die problematischste, heikelste Entscheidung überhaupt, die er je getroffen hat. Eine Entscheidung, die seine Unabhängigkeit betrifft, die ihn angreifbar macht, weil er zum Teil eines Medienunternehmens wird, das in den letzten Jahren immer mehr zum Unterhaltungskonzern geworden ist.

Die Wahrheit über Hitzfeld

Hitzfeld gibt vor, er habe sich das Angebot von Ringier-CEO Marc Walder, dem er freundschaftlich verbunden ist, lange überlegt. «Ich habe es intensiv geprüft wegen der Aussenwirkung», erklärt er. «Weil es heisst: Hitzfeld schreibt jetzt für Ringier. Hitzfeld ist nicht mehr neutral.» Für sich selbst ist er zum Schluss gekommen: «Ich werde neutral bleiben, ich werde alle anderen Medien betreuen und behandeln wie bisher.»

Sein Aufgabengebiet umfasst repräsentative und kommunikative Auftritte, er wird pro Jahr sechs Kolumnen schreiben (lassen), nicht zum Schweizer, nur zum internationalen Fussball. Er selbst betont: «Ich werde nicht für Primeurs bezahlt.» Das ist nicht weiter wichtig, es spielt auch gar keine Rolle, was er im Detail macht. Entscheidend ist, dass er bei Ringier unter Vertrag steht. Dass er Mitarbeiter eines Unternehmens ist, das sich seiner Nähe zu Sportlern und Prominenten rühmt; dass er ohne Not Angriffsflächen bietet; dass er sich dem Verdacht aussetzt, in Abhängigkeit eines Medienhauses zu stehen.Hitzfeld ist normalerweise keiner, der etwas unüberlegt macht. Manchmal verlässt er sich bei seinen Entscheiden auf sein Bauchgefühl. In diesem Fall hat er alle rationalen Argumente über Bord geworfen. Es ist schwer vorstellbar, dass in Deutschland Joachim Löw als Bundestrainer eine Kooperation mit der Axel Springer AG («Bild») eingehen würde. Und hätte ein Politiker einen vergleichbaren Interesenkonflikt wie Hitzfeld, müsste er wohl umgehend zurücktreten.

Der Entscheid sagt mehr über Hitzfeld aus, als er das selbst wahrhaben möchte. Es sagt viel über seine Neigung aus, sich auf die Seite der Mächtigen zu schlagen, und über seine Lust am Geldverdienen. 1,2 Millionen Franken bezieht er jährlich als Lohn vom Schweizer Fussballverband. Und dieser Verband, dem Coach treu ergeben, gewährt ihm Freiheiten, um ihn überhaupt beschäftigen zu können. Hitzfeld ist für rund 600 000 Franken Experte beim deutschen Bezahlsender Sky. Der Verbandssponsor CS ist auch sein Privatsponsor, mit 250 000 Franken jährlich. Hitzfeld hält gerne gut bezahlte Vorträge. Alles darf er machen. Jetzt schritt der Verband nicht einmal ein, als es um die mehrjährige, sicher grosszügig entschädigte Zusammenarbeit mit Ringier ging.

«Ich stehe noch mehr unter Beobachtung», sagt Hitzfeld. Er kann nur eine überzeugende Antwort darauf geben: die Schweiz an die WM 2014 zu führen. Wenn er scheitert, hat er wenigstens einen Trost: Ringier wird ihn sicher nicht fallen lassen.

Erstellt: 31.08.2012, 08:51 Uhr

(Bild: Ruedi Widmer, Tages-Anzeiger)

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