Hungrige Füchse

Leicester City und die Frage: Dürfen wir nicht wenigstens im Sport noch an Wunder und Märchen glauben?

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Wenn Verlierer sich zusammenfinden mit Verlierern, Gestrandeten und Gescheiterten im Leben und daraus eine Erfolgsgeschichte entsteht, so unerklärlich und unfassbar, dass alle gar von einem Wunder reden – woran liegt das?, fragt Bruno im Bistro.

Luca versucht gar nicht, eine Antwort zu finden. Er kennt Bruno, er ist Werber, von Berufes wegen kreativ und manchmal versponnen, und überrascht ist er nur, dass er ihm die Geschichte von Leicester City erzählen will, dem englischen Club, von dem bis vor kurzem die meisten nicht mal wussten, wo dieser Ort liegt – in der mittelenglischen Provinz, irgendwo zwischen London und Manchester. 5000:1 war die Quote bei den Buchmachern zu Beginn der Saison, Leicester war erster Kandidat für den Abstieg und ist seit gestern Abend Meister.

«Du und England?» Luca weiss, dass Brunos Liebe zum Ball in anderen Ländern verwurzelt ist.

Aber Bruno ist fasziniert, von Menschen, die fallen, wieder aufstehen, sich bald wieder am Boden finden, zurückkommen, erneut scheitern, überall hören, dass sie keine Chance hätten, trotzdem nicht aufgeben, und dann kommt der eine Moment im Leben, der alles verändert. Leicester ist die Geschichte von Claudio Ranieri, dem Trainer, notorisch erfolglos, bei seinen vielen Clubs blieb er meist nicht länger als zwei Jahre und wurde immer wieder entlassen, zuletzt in Griechenland, nach nur vier Spielen und einem 0:1 gegen die Schaf-Fussballer von den Färöer-Inseln. Nur eines verlor er nie: sein nettes Lächeln im Gesicht mit der Buchhalterbrille. Als er in Leicester begann, lud er die heimische Rockband Kasabian ein, wohl weil der Gitarrist Sergio ein Italiener ist, den Song «Fire» mussten sie spielen, Feuer für «The Foxes», die Füchse, wie Leicesters Fussballer genannt werden.

Leicester ist die Geschichte von Robert Huth, dem deutschen Verteidiger, der vor zehn Jahren für kurze Zeit mal Nationalspieler und damals Kult war, nicht, weil er besonders gut mit dem Ball umging, sondern keinen Zweikampf scheute, und deshalb huldigten sie ihm in den Stadien mit «Huuuuth»-Rufen. Bald erinnerte sich niemand mehr an ihn. Leicester ist die Geschichte von Jamie Vardy, dem sie mit 15 sagten, er sei zu klein für eine Karriere als Stürmer. Der entnervt aufhörte. Wieder anfing. Wegen einer Schlägerei in einer Kneipe zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Mit elektronischen Fussfesseln spielen und bei Auswärtsspielen jeweils früh vom Platz musste, damit er es rechtzeitig vor der Ausgangssperre nach Hause schaffte. Er spielte vor wenigen Jahren noch in der 8. Liga, jetzt ist er Nationalspieler.

Bruno erzählt diese Geschichten, dann unterbricht ihn Luca und fragt: Aber warum, meinst du, entstand nun daraus dieses Wunder? Bruno sagt, sie seien hungrig. Claudio Ranieri habe es in einem Interview mit dem «Corriere della Sera» so erklärt: «Manchmal sitzen wir beim Abendessen, und es macht mir fast Angst, wie viel sie essen. Ich habe noch nie so hungrige Spieler gesehen. Anfangs war ich überrascht, aber ich habe gelernt, darüber zu lächeln. Wenn sie so viel rennen, können sie essen, was sie wollen.» Ranieri bestellt nach Siegen oft Pizza für alle und befiehlt den Spielern eine Partynacht.

Schön, schön, sagt Luca, romantisch tönt das, aber gemäss der «Sunday Times» habe ein britischer Arzt auch Fussballer von Leicester mit Dopingmitteln versorgt, es gibt doch diesen Vorwurf.

Bruno steht auf, unwirsch. Luca, sagt er, dürfen wir nicht wenigstens im Sport noch an Wunder und Märchen glauben? Er glaube an Pizza und Pasta.

Erstellt: 03.05.2016, 07:16 Uhr

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