«Ich bin gottenfroh, dass ich so bin»

FCZ-Trainer Rolf Fringer erklärt, wieso er humorvoll, selbstironisch und trotzdem seriös ist.

Erinnerungen an die grossen Zeiten: Rolf Fringer vor der «Wall of Fame» im FCZ-Museum. Foto: Reto Oeschger

Erinnerungen an die grossen Zeiten: Rolf Fringer vor der «Wall of Fame» im FCZ-Museum. Foto: Reto Oeschger

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Was ist von jenem Rolf Fringer übrig geblieben, der 1996 vor seinem Debüt als Nationalcoach in Aserbeidschan pfeifend durchs Hotel lief?

Es ist heute noch meine Art, wenn ich zum Training komme: Da habe ich ein Lied vom Radio im Kopf und singe oder pfeife das für mich. Das war schon in Aarau so, vor 20, 25 Jahren, als die Spieler gefragt wurden, was ihnen bei Rolf Fringer am ehesten auffalle: «Er pfeift oder singt, wenn er ins Training kommt.»

Wo bleibt da die Ernsthaftigkeit?

Ich bin gottenfroh, dass ich so bin – dass ich zu den Menschen gehöre, die auch mit 55 Jahren noch Lebensfreude haben. Das heisst nicht, dass ich keine Ernsthaftigkeit habe. Man kann humorvoll sein und trotzdem topseriös in der Arbeit. Man muss nicht immer «en suure Stei» machen, jammern und einen Aktenkoffer tragen, um seriös zu wirken. Ich werde so sein, bis es mich nicht mehr gibt.

Trotzdem, was ist anders an Rolf Fringer, der 1993 mit Aarau und 1998 mit GC Meister wurde, verglichen mit jenem von 2012?

Die Art der Kommunikation und die Nähe zu den Spielern ist immer noch die gleiche. Ich bin einfach älter geworden.

Und haben kein graues Haar.

Sie sind einfach nicht mehr ganz so rot (schmunzelt).

Ist Ihnen die Unbeschwertheit nie zum Verhängnis geworden?

Nein! Entscheidend im Leben ist, dass man authentisch ist. Ich bin humorvoll und kann über mich selbst lachen. Aber das heisst nicht, dass mir alles in den Schoss fällt und dass zum Beispiel meine Ansprachen einfach aus dem Stegreif heraus kommen.

So wirkt das bei Ihnen aber.

Da steckt Arbeit dahinter. Ich mache mir am Abend daheim stundenlang Gedanken darüber, und wenn ich etwas nicht weiss, bin ich morgens früh wach. Ich bin so gut vorbereitet, dass es nachher heisst: Ah, der muss ja nichts überlegen.

Ihr Image bleibt das eines Lebenskünstlers.

Ich unterscheide mich vom Durchschnitt. Ich lache manchmal auch in einer Phase, in der es nicht so gut läuft. Dann heisst es: «Warum lacht der? Der ist ja nicht Erster in der Tabelle.» Zum Glück bin ich so. Ich kann einen Witz erzählen und trotzdem von einer Sekunde auf die andere konsequent sein.

Hat Ihnen nie ein Vorgesetzter gesagt, sei einmal ernster?

Die sind doch froh, dass ich so bin. Vor 20 Jahren bei Ernst Lämmli (in Aarau sein Präsident) erzählte ich vor jedem Match einen Witz, während andere in diesem Moment Fingernägel kauten. Er sagte: «Du machst das souverän, aber ich weiss, wie viel Arbeit dahintersteckt.»

Erzählen Sie uns einen Witz!

Wissen Sie, warum die Formel-1-Fahrer in Österreich zum Schutz eine Roger-Staub-Kappe tragen? Sie gingen auf ein Hochhaus, warfen einen Helm und eine Kappe runter. Und sagten: «Siehst du: Der Helm ist kaputt, die Kappe nicht.»

Sie sagen, man müsse authentisch sein.

Und ich sage auch: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Ich bin keiner, der den Kopf verliert, wenn ein Schiedsrichter gegen uns pfeift. Gegen GC bekamen wir einen Elfmeter nicht, der hundertprozentig einer war. Das passte mir einen Moment lang gar nicht. Aber danach sagte ich: GC war einfach etwas reifer und besser, darum verdienten wir es nicht, diesen Match zu gewinnen.

So wie Sie denken nicht gerade viele Trainer.

René Rogalla (der frühere Schiedsrichter) kam vor der Saison zu uns, um zu erklären, welche Regeln die Schiedsrichter strikt befolgen würden. Ich erklärte der Mannschaft: «Wenn ich Schiedsrichter wäre, würde ich schon lange daheim bleiben und sagen: Macht den Mist selbst! Und warum? Einer flankt dreimal hinters Tor, einer verstolpert jeden Ball, einer vergibt fünf Chancen. Aber einmal sieht der Schiedsrichter ein Offside nicht, wir verlieren 0:1, und danach jammern alle nur wegen dieser Szene. He, wenn wir selbst zwanzig Fehler machen, darf der Schiedsrichter auch einen begehen.» So habe ich schon immer gedacht.

Die Mannschaft ist immer das Spiegelbild ihres Trainers. Wie viel von sich erkennen Sie bei diesem FCZ nach den ersten vier Monaten?

Ach, wir befinden uns erst auf dem Weg, um unbekümmert, frech, euphorisch, selbstbewusster zu sein. Nicht zuletzt deshalb wurde ich vor dem Spiel in Thun aktiv, um die Jungen zu kitzeln. Damit sie aus sich herauskommen, damit sie positive Emotionen zeigen.

Sie warfen ihnen jüngst vor, sie würden immer Kopfhörer tragen und sich mit dem Handy beschäftigen, aber nicht miteinander reden.

Ja. Und um meine Art auf dem Feld zu sehen, müssen wir stabiler und besser sein. Das sind wir nicht, weil wir viel zu viele Baustellen haben.

Und Sie sagten damals auch: «Man kann nicht einfach aus Schlaftabletten Alphatiere machen.»

Intern habe ich das schon seit Monaten angesprochen. In jedem Training sage ich: «Maul auf!» Nun habe ich das einfach einmal öffentlich gesagt. Ich habe das nur getan, weil ich die Spieler verbessern will – nicht nur fussballerisch, sondern auch im Kopf. Letztes Jahr war ja noch Grümpelturnier. Da konnten gerade die Jungen «tschüttele» und gefahrlos Achter werden. Jetzt müssen sie lernen, ein Spiel unbedingt zu gewinnen.

Wimmelt es denn in Ihrer Mannschaft von Schlaftabletten?

Das war übertrieben, nur um zu Provozieren. Es wimmelt einfach von Spielern, die zu ruhig sind. Ich muss die Emotionen aus ihnen herausholen. Und wenn jeder nur ein paar Prozent mehr macht, kommt das der Mannschaft zugute. In Thun (beim 4:1) war das der Fall.

Fragt sich dennoch: Wo sind da die Leader?

Ein Magnin wäre das gewesen, ein Beda wäre es, wenn er gesund ist. Aktuell sind es vor allem Kukeli und Da Costa, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Sie mussten im Sommer doch erkennen, dass Sie wegen all seiner Probleme nicht mehr auf Magnin setzen können.

Das wusste ich ja auch. Aber wir hatten keine Möglichkeit, in neue Spieler zu investieren. Das Geld fehlte. Darum spielte ich mit den Spielern, die mir zur Verfügung standen. Wissen Sie: Spielen die Routiniers nicht, sorgen sie für Unruhe. Alles fällt zusammen, und der Trainer ist nach zehn Spielen weg. Darum ist er verpflichtet, sie starkzumachen. In der Hoffnung, dass es gut geht. Blauäugig waren wir nicht. Eine Mannschaft ist wie ein Haus. Wenn das Fundament zittert, kann man nicht denken, man könne die Attikawohnung teuer verkaufen.

Und das heisst?

Die Attikawohnung, sprich: die Offensive hat ihren Wert, wenn das Fundament, also die Abwehr, stabil ist. Erst wenn das der Fall ist, kann eine Mannschaft Qualität auf den Platz bringen.

Damit wären wir also bei den Baustellen, von denen Sie sprachen.

Genau. Ich übernahm nicht nur einen Beda und einen Magnin, sondern auch einen Kajevic, Benito und Philippe Koch, die alle monatelang verletzt gewesen waren. Wir hatten personell derart viele Baustellen, da war es logisch, dass wir keinen guten Start hatten.

Und Sie übernahmen Chikhaoui …

… ja, und der war auch verletzt. Der auch noch!

Um ihn herum wollten Sie die Mannschaft aufbauen. Das war doch naiv, weil jeder seine Krankenakte kennt.

Wir hatten kein Geld für einen Transfer, im Gegenteil: Wir müssen noch sparen. Und als ich meinen Plan mit Chikhaoui publik machte, war er wieder gesund und hatte einige Spiele bestritten. Also hatte das seine Berechtigung. Aber eben: Leider hat er sich wieder verletzt. Jetzt muss er beweisen, dass er hart gegen sich selbst sein kann.

Die Verletzten …

(unterbricht) … und die vielen Abgänge, die wir in den letzten Monaten hatten, sind der Grund für unseren schwierigen Start. Kein Stein blieb auf dem anderen. Damit fertig zu werden, braucht Zeit.

Erkennt das die Führung beim FCZ?

Wir sind vernünftige Leute.

Aber nicht alle.

Wer die Probleme nicht erkennt, dem kann ich nicht helfen. Der gesunde Menschenverstand sagt: So ist es schwierig, gut zu spielen. Man muss jetzt nur sukzessive die Verbesserungen erkennen.

Und? Erkennen Sie die?

Ja. In den ersten fünf Spielen erhielten wir zehn Gegentore. Danach erhielten wir noch zehn Gegentore in zehn Spielen. Wenn wir ein Tor erzielen, freuen sich alle, auch die Ersatzspieler. Denn, und das war auch eine Baustelle: Hier gab es extreme Gruppenbildungen. Ich übernahm ein Chaos, wie ich das als Trainer noch nie angetroffen hatte.

Eine Gruppe waren die Tunesier …

… und eine die Alten, die nicht mehr konnten. Und eine die Jungen, die nicht auf die Alten hörten. Aber jetzt ist das anders. Die Spieler lernen, dass sie sich in den Dienst der Mannschaft stellen müssen. Sie kämpfen füreinander. Und das heisst: Hier herrscht wieder ein guter Geist. Das ist ein Schritt vorwärts.

Das hat auch mit Ihnen zu tun: Sie versetzten zur Strafe Schönbächler vorübergehend in die U-21, Sie kritisierten Drmic öffentlich ...

… zu Chermiti sagte ich: «Wenn du nochmals auf eine Nichtnomination beleidigt reagierst, fahre ich dich sofort zum Flughafen.» Ich musste einiges machen, damit wir alle am gleichen Strick ziehen.

Was ist in der Rückrunde vom FCZ zu erwarten?

Wir haben ein gutes Kader, wenn alle gesund sind. Dann haben wir eine Spitzenmannschaft. Davon bin ich überzeugt. Leider haben wir bereits jetzt einiges an Boden verloren. Aber für die Zukunft bin ich absolut positiv eingestellt.

Und wenn alle fit sind und der FCZ spielt trotzdem nicht an der Spitze mit, ist der Trainer schuld?

Ja (lacht).

Erstellt: 17.11.2012, 10:54 Uhr

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