«Ich bin nicht immer der liebe Raphi»

Raphael Wicky hat beim FC Basel gelernt, Trainer eines Profi-Teams zu sein. Er erklärt, wie er sich vor unliebsamen Einflüssen schützt, und woher er seine Gelassenheit nimmt.

Rapael Wicky: «Ich liebe diesen Job. Aber sollte ich ihn einmal nicht mehr haben, werde ich trotz allem ein gutes Leben führen.» Bild: Kostas Maros

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Ein Spiel noch, die letzte Aufgabe des Jahres bei GC, dann hat Raphael Wicky Ferien – und das erste halbe Jahr als Trainer eines Profiteams hinter sich. Im Sommer übernahm er den FC Basel mit dem Auftrag, die Meisterserie fortzusetzen. Und europäisch besser abzuschneiden als sein Vorgänger Urs Fischer. Die Zwischenbilanz: Platz 2 in der Super League und Achtelfinal in der Champions League.

15 Jahre war der Walliser Spieler gewesen, bei Sion, Bremen, Atlético Madrid, Hamburg und in Los Angeles bei Chivas, er hat es auf 75 Länderspiele und 3 Turnierteilnahmen gebracht (EM 1996 und 2004, WM 2006). Als er in Basel zum Chef befördert wurde, strahlte er Selbstbewusstsein aus: «Ich bin überzeugt von meiner Fussballkompetenz.»

Drei Tage vor der Begegnung mit den Grasshoppers sitzt Raphael Wicky im ­Medienraum des St.-Jakob-Parks. Er wirkt weder gestresst noch müde, und er vermittelt seine Botschaften auf eine wohltuend ruhige Art.

Gehen Sie am Montag als Trainer des Leaders in die Ferien?
Das hängt nicht von uns allein ab. Wir ­hatten vor ein paar Wochen noch acht Punkte Rückstand. Mittlerweile sind es noch zwei. Und wenn wir am Sonntagabend nach dem Spiel gegen die ­Grasshoppers nicht auf Platz 1 stehen, ist das kein Unglück. Es war so oder so ein gutes Halbjahr.

Was haben die vergangenen Monate mit Ihnen gemacht?
Ich glaube nicht, dass ich mich als Mensch verändert habe. Aber es ist logisch, dass ich viel dazugelernt habe. Wenn du ­diesen Job das erste Mal machst, wenn du zum ersten Mal Profis trainierst, lernst du sehr schnell sehr viel.

Ist die Arbeit so, wie Sie sich das vorgestellt haben?
Ich habe von Anfang an betont, dass es so wenig ein Selbstläufer wird wie in der ­vergangenen Saison, dass es Aufwand braucht, um Erfolg zu haben. Ich wusste, dass es nicht einfacher wird nach dem Umbruch, den wir im Sommer hatten, mit den vielen jungen Spielern. Das hat sich bewahrheitet. Aber warum es Phasen gab, in denen es nicht lief . . . Keine Ahnung.

Sie sagen, Sie hätten sehr schnell sehr viel gelernt. Was vor allem?
Menschen zu führen, inklusive Staff sind das etwa 50. Da kommen jeden Tag irgendwelche Probleme und Sorgen auf dich zu, da spielen ganz viele Menschen ganz verschiedener Herkunft und verschiedenen Alters ganz unterschiedliche Rollen. Ich habe gelernt, Chef zu sein. Es soll nicht blöd rüberkommen, aber es ist so: Ich bin kein Machtmensch. Ich bin nicht der Typ, der zu verstehen gibt: Es geht nur so, wie ich es sage. Aber ich muss extrem viele ­Entscheide fällen.

Freiburgs Trainer Christian Streich sagt über den Trainerjob: «Man kann sich vieles vorstellen. Aber erleben muss man es selbst.»
Das ist sicher so. Der Job bei den Profis ist nicht komplett ein anderer als der, den ich vorher im Nachwuchs hatte. Aber heute erlebe ich, wie es ist, alle drei Tage diesem Druck ausgesetzt zu sein, dieser Erwartungshaltung. Das spürst du.

Eine Niederlage belastet Sie doch sicher stärker als ein verlorenes Spiel mit der U-21 oder U-18, nicht?
Mich hat es ebenfalls belastet, wenn ich als U-14-Trainer verloren habe, da habe ich auch nicht gut geschlafen. Der Druck, den du dir selber machst, ist immer derselbe. So ist mein Charakter: Ich will gewinnen. Und wenn ich nicht gewinne, mache ich mir Gedanken. Die Emotionen dieses ­Berufs kenne ich, seit ich vor sieben Jahren als Trainer angefangen habe. Aber das Ausmass ist heute natürlich viel grösser. Wenn ich mit der U-16 von Servette verloren habe, hat mich in der Öffentlichkeit keiner beschimpft. Nach einer Niederlage mit dem FCB werde ich halt zum Teil etwas blöd angemacht. Dafür sind die positiven Emotionen umso grösser nach einem Sieg.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert?
Der Rhythmus ist intensiver. Als ich noch Trainer im Nachwuchs war, sass ich nicht am Morgen um sieben Uhr im Büro, um das Training vorzubereiten. Durchatmen können wir alle jeweils in den Länderspielwochen.

Können Sie ein paar Tage ohne Fussball sein?
Es ist wichtig, dass ich abschalten und mit Menschen reden kann, die nicht den ganzen Tag mit Fussball zu tun haben. Ich gehe gerne für ein paar Tage ins Wallis. Oder im Herbst reiste ich einmal mit meiner Freundin in eine europäische Stadt. Aber natürlich kreisen die Gedanken selbst dann oft um die Mannschaft, wenn ich frei habe.

Sie wirken, als ob Sie Kritik an sich abprallen lassen. Täuscht dieser ­Eindruck?
Kritik ist mir nicht egal. Aber ich schütze mich dagegen.

Wie?
Ich lese keine Artikel über den FC Basel. Mir geht es nicht gut, wenn wir nicht ­gewinnen. Da wäre es nur eine zusätzliche Belastung, wenn ich noch lesen würde, was über mich und uns in der Zeitung steht.

Wüssten Sie auch nicht, wenn ­geschrieben würde, dass Sie vor der Entlassung stehen?
Nein. Das wüsste ich nicht. Ich wusste zum Beispiel auch nicht, dass Präsident Bernhard Burgener gesagt hat: «Jetzt ­müssen Wicky und die Spieler liefern!» Dieser Satz wurde mir später zugetragen. Aber das musste ich nicht lesen. Mir war selber klar, dass ich liefern muss.

Ist diese Medienabstinenz eine ­vorbeugende Massnahme, damit Sie nicht plötzlich das Gefühl bekommen, die Welt sei in Freund und Feind unterteilt, wie es viele Profitrainer haben?
Dieses Gefühl ist eine Folge davon, wenn du zu viel liest. Ich habe es als Spieler in Hamburg erlebt. Da waren jeden Tag zwanzig Journalisten beim Training. Es kam vor, dass mir einer ins Gesicht lachte, obwohl er mich am gleichen Tag in einem Artikel zerrissen hatte.

Also haben Sie als Spieler Zeitungen gelesen?
Natürlich. Und es belastete mich. Darum beschloss ich, dass ich als Trainer solche Einflüsse ausschliessen will.

Gab es im Herbst einen Moment, in dem Sie befürchteten, jetzt könnte es eng werden?
Diesen Eindruck hat mir Marco Streller (der Sportdirektor) nie vermittelt. Ich hatte wirklich nie das Gefühl, ich stünde kurz vor der Entlassung. Nach der 1:2-Niederlage in St. Gallen waren erst acht Runden vorbei. Also, wenn du ein neues Projekt beginnst und nach so kurzer Zeit den Trainer freistellst… Dann vertrittst du deine Visionen nicht mit viel Glaubwürdigkeit.

Aber möchte ein Trainer in dieser Situation vom Präsidenten nicht eher hören, dass die Führung hinter dem Projekt steht, statt der Aufforderung, liefern zu müssen?
Von Marco, mit dem ich mich weitaus am meisten austausche, bekam ich das ja zu hören. Er sagte mir immer, dass wir diesen Weg weitergehen.

Zweifelten Sie irgendwann einmal an der Entwicklung des Teams?
Wir verlieren zum Saisonauftakt gegen die Young Boys, gewinnen danach dreimal mit teils sehr guten Auftritten. Und plötzlich hast du zwei, drei Partien, in denen du die Punkte nicht holst. Natürlich hinterfragst du dich da. Zuhause gegen Lausanne verlieren – das gibt es doch gar nicht! Aber Zweifel? Nein. Ich bin ruhig geblieben.

Holen Sie sich Rat bei anderen?
Das tue ich, ob es nun gut oder schlecht läuft. Mein Trainerteam ist mir extrem wichtig.

Können Sie unangenehm sein?
Ich muss nicht unangenehm sein, ich muss entschlossen sein. Wenn ich einem Spieler sage, dass er nicht im Kader steht, bin ich in dem Moment ebenso unangenehm für ihn, wie wenn ich ihm sage, dass sein letztes Training nicht gut war. Ich bin nicht immer der liebe Raphi, sondern muss entscheiden: Wer spielt, wer bleibt zu Hause? Oder in Zusammenarbeit mit Marco Streller: Wer bekommt einen neuen ­Vertrag, wer nicht?

Erklären Sie einem Spieler, warum er nicht im Kader steht?
Nicht gleich jedem 20-Jährigen. Ich erkläre ja auch nicht jedes Mal, warum jemand spielt. Ich muss versuchen, es so emotionslos wie möglich zu tun. Das fällt mir schwerer als einem Felix Magath, der mein Trainer war. Er wollte keine Nähe zu seinen Spielern, weil er sonst nicht mehr emotionslos hätte entscheiden können. Ich verstehe diese Haltung, obwohl sie mir als Mensch nicht entspricht. Aber Entscheide gehören zu meiner Arbeit. Und ich sage mir auch: Ich bin nicht da, um von den Spielern geliebt zu werden.

Trotzdem, reden Sie mehr mit Ihren Fussballern, als Sie es von Trainern in Ihrer Aktivzeit erlebt haben?
Ja, obwohl es schwierig ist, mit 26, 27 Spielern ständig im Austausch zu sein. Manchmal kommt es auf dem Trainingsplatz spontan zu einem kurzen Gespräch. Dabei kann es beispielsweise um Privates gehen, etwa darum, wohin der Spieler in die Ferien geht. Was mir ganz wichtig ist: dass ich ehrlich und direkt kommuniziere.

Hat Präsident Bernhard Burgener Sie nach der verlorenen Partie in St. Gallen angerufen und direkt gefragt, was da gerade los ist?
Nein. Aber vielleicht müsste das von mir aus kommen, dass ich den Kontakt etwas mehr suche. Er hat seine Art, wie er das Amt ausübt. Er ist weniger nahe an der Mannschaft als andere Präsidenten vor ihm. Aber das ist okay. Dafür ist Marco Streller da.

Allein gelassen haben Sie sich also nie gefühlt?
Nein.

Wie wichtig ist Ihnen, dass Sie in der Öffentlichkeit stets kontrolliert wirken?
Ich spiele nie etwas vor, sondern möchte mich stets so geben, wie ich bin.

Sind Sie denn so zurückhaltend, wie Sie gegen aussen wirken?
Ich lebe mit dem Team schon Emotionen aus. Aber ich muss nicht nach dem 1:0 gegen Manchester United im Fernsehen so tun, als sei ich der beste Trainer der Welt. Gleichzeitig frage ich nach einer Niederlage gegen Lausanne auch nicht gleich, welche Spieler der Sportchef mir hingestellt hat.

Geben Sie sich gegenüber Ihrer ­Mannschaft stets differenziert?
Nehmen wir das Lausanne-Spiel. Wir spielten 60 Minuten lang sehr gut. Und mein Lausanner Trainerkollege Fabio ­Celestini sagte, das sei das schlechteste Spiel der Lausanner gegen Basel seit Jahren gewesen. Aber wen interessiert das in der Öffentlichkeit, wenn wir 1:2 verloren haben? Intern gebe ich den Spielern das Feedback, dass nicht alles schlecht war. So, wie ich ihnen auch nach einem Sieg sagen kann, dass wir nicht gut gespielt haben, obwohl wir 1:0 gewannen.

Haben Sie eigentlich nach Ihrer Zeit als Spieler finanziell ausgesorgt?
Das kommt immer auf den Lebensstil an, oder? (lacht) Sagen wir es so: Ich habe gut verdient und ich habe gut gelebt, aber nicht exzessiv. Ich habe mich auch nicht ver­spekuliert, und eine Scheidung habe ich auch nicht hinter mir, die mich viel Geld gekostet hätte. Mir geht es gut. Aber wieso ­fragen Sie?

Vielleicht hilft das finanzielle Polster, den Trainerjob gelassener anzugehen.
Ich fand 2009 nach dem Ende meiner Zeit als Fussballer relativ einfach in das Leben danach. Die finanzielle Sicherheit gab eine gewisse Entspannung, aber ­keine emotionale Befriedigung. Mir war ­bewusst: Ich muss etwas finden, das mir Freude bereitet.

Aber die Angst vor der Entlassung wird weniger gross sein als bei ­Trainern, die noch nicht genügend Geld auf der Seite haben.
Ich denke trotzdem nicht, dass es die finanzielle Sicherheit ist, die mir hilft, meine Arbeit in diesem «Haifischbecken», wie es Urs ­Fischer genannt hat, gelassener anzugehen. Ich liebe diesen Job. Aber ich hatte nach meinem Karriereende keine Entzugserscheinungen, ich vermisste nicht das Gefühl, vor 30 000 Menschen zu ­spielen. Und sollte ich diesen Job einmal nicht mehr haben, werde ich trotz allem ein gutes Leben führen. Mit diesem Wissen versuche ich immer wieder, alles etwas zu relativieren, was mit dieser Arbeit zu tun hat.

Sie fühlen sich als Trainer des FC Basel nicht als etwas Besonderes?
Wieso sollte ich? Ich fühlte mich schon als Spieler des Hamburger SV oder als 75- facher Nationalspieler nicht als weiss ich was. Ich konnte gut Fussball spielen, ­besser als einige, schlechter als andere. Als ­Trainer des FC Basel bin ich stolz, wenn wir es schaffen, Menschen glücklich zu machen.

Ist es schwieriger, Trainer zu sein oder Spieler?
Es ist anders. Als Spieler bist du hauptsächlich mit dir selber beschäftigt. Du spielst und bist zufrieden, wenn es gut läuft; wenn du nicht spielst, bist du sauer; wenn du spielst und glaubst, du warst gut, liest aber in der Zeitung eine schlechte Note, bist du verunsichert. Aber nach ­anderthalb Tagen bist du wieder im ­Rhythmus, gehst ins Training. In der ­Kabine liegt die Beige mit den Kleidern, die geputzten Schuhe stehen auch da. Dann gehst du auf den Platz und denkst: So, was machen wir heute?

Und als Trainer . . .
. . . stehe ich vor den Spielern und muss ­ihnen sagen, was gemacht wird.

Standen Sie auch schon vor der Mannschaft und merkten: Mir fällt nichts ein?
Ich habe mir angewöhnt, nur dann zu ­reden, wenn es etwas zu reden gibt. Ich halte nicht jeden Tag eine Ansprache. Und wenn es eine gibt, soll sie nicht länger als zehn Minuten dauern.

Wie halten Sie es in der Pause eines Spiels?
Je nach Situation. Wenn es nicht läuft, wie wir das wollen, verdienen die Spieler konstruktive Lösungsansätze. Oder es geht über Emotionen, wobei man diese auch vermitteln kann, ohne nur laut zu werden.

Im Champions-League-Achtelfinal braucht es ganz gute Ideen, um Manchester City in Bedrängnis bringen zu können.
Stand jetzt ist Manchester City das beste Team in Europa. Aber wir wissen wenigstens, was auf uns zukommt. Wir wissen, dass wir wohl nicht 40 Prozent Ballbesitz haben werden. Aber wir gehen trotzdem nicht mit der Einstellung in die Spiele, dass da sowieso nichts zu holen ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2017, 20:22 Uhr

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