«Ich muss handeln, bevor ein Spieler aufmüpfig wird»

Gerardo Seoane steuert auf den Meistertitel zu. Im Interview gewährt er einen Einblick in sein Leben als YB-Trainer.

Auf Erfolgskurs mit YB: Trainer Gerardo Seoane.

Auf Erfolgskurs mit YB: Trainer Gerardo Seoane. Bild: Adrian Moser

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Vor 13 Monaten arbeitete er in Luzern noch in der Anonymität der 1. Liga, aber dann ging alles schnell: von der U-21 in die Super League, vom FCL zu YB im Sommer, Champions League – und eine überragende erste Hälfte in der Meisterschaft mit 19 Punkten Vorsprung auf den FC Basel: Gerardo Seoane, 40, hat als Trainer ein temporeiches und beeindruckendes 2018 hinter sich. Aber der steile Aufstieg hat aus ihm keinen anderen Menschen gemacht. Er ist ein hellwacher Zuhörer und interessierter Gesprächspartner, der alles aufsaugt, was ihm in seinem Job dienlich sein könnte.

Was hätten Sie beruflich gemacht, wenn es mit der Trainerkarriere nichts geworden wäre?
Kurz vor Schluss meiner Spielerkarriere war ich bei einem Berufsberater. Ich hatte in jüngeren Jahren das Lehrerseminar begonnen, aber abgebrochen, und wollte wissen, ob ich die Ausbildung fortsetzen könnte. Es wäre möglich gewesen, wenn ich die Berufsmatur nachgeholt hätte.

Grundsätzlich wäre es für Sie vorstellbar gewesen, Primarlehrer zu werden?
Eher Sportlehrer.

Wie war es für Sie, nach Jahren als Fussballprofi bei einem Berufsberater vorstellig zu werden?
Nicht speziell. Ich wollte meine berufliche Zukunft klären. Als Spieler war ich nebenbei schon Assistenztrainer im Nachwuchs, erwarb die ersten Diplome und merkte, dass mir das zusagt. Es bereitete mir viel Spass, Juniorentrainer zu sein, auch wenn es mit viel Aufwand verbunden war.

Inwiefern?
Bei den Junioren bist du nicht nur Trainer, sondern vieles mehr. Es kam zum Beispiel vor, dass ich an einem Freitagabend alles Material in einem Kleinbus verstaute. Am Samstag setzte ich mich ans Steuer und fuhr mit den Spielern an ein Hallenturnier nach Österreich, verbrachte dort ein Wochenende und war auf dem Heimweg natürlich wieder der Chauffeur. Gleiches galt für die Auswärtsspiele während der Meisterschaft.

Helfen solche Erfahrungen, demütig zu bleiben – erst recht, wenn man plötzlich in der Champions League einem José Mourinho begegnet?
Es hilft einzuordnen. Ich hätte zwar früher die Möglichkeit gehabt, beispielsweise in der Challenge League eine Mannschaft zu übernehmen. Aber als ich mich entschloss, Trainer zu werden, wollte ich diesen Beruf von Grund auf lernen.

Was macht Sie zu einem besonderen Jungtrainer?
Das Urteil überlasse ich anderen. Was sicher geholfen hat: Ich habe mich in den sieben Jahren im Nachwuchs intensiv mit dem Job aus­einandergesetzt. Und auf jeder ­Altersstufe veränderte sich das Jobprofil.

Sie liessen sich in Bereichen wie Leadership oder Kommunikation coachen. Haben Sie sich so einen Vorsprung erarbeitet?
Ich wollte einfach vorbereitet sein auf die Chance und sagte mir: Wenn sie sich bietet, muss ich bereit sein. Also überlegte ich mir: Was muss ich können? Wo muss ich dazulernen? Aber das endet nie. Ich bilde mich ständig weiter, lese Bücher und beobachte andere Trainer.

Haben Sie ein Beispiel?
Im vergangenen Herbst hatten wir mit YB zig englische Wochen. Darum interessierte es mich, wie Lucien Favre in Dortmund die Belastung der Spieler managt. Wie viele Wechsel nimmt er zwischen den Partien vor? Es war auffällig, dass er das Team normalerweise nur auf drei Positionen veränderte. Das Gerüst blieb meist dasselbe.

Wuchs in Ihnen das Bewusstsein: Wenn ich es nach ganz oben schaffen will, muss ich mehr leisten als andere?
Manchmal habe ich den Eindruck: Je mehr ich weiss, desto mehr weiss ich, dass ich fast nichts weiss... Enorm wichtig sind Leute, die mir ein ehrliches Feedback geben: der Berater, die Familie, Freunde. Oder auch mit Albi (der YB-Medienverantwortliche Albert Staudenmann, der neben ihm sitzt, die Red.) tausche ich mich oft aus. Wir schicken einander Interviews, die wir spannend finden, wie neulich eines von Favre. Ich versuche, herauszuspüren, worüber ein erfolgreicher Trainer spricht. Er kommuniziert mit seinen Spielern ja auch über die Medien.

Im Nachwuchs ging das nicht.
Dafür hatte das den Vorteil, auch einmal etwas probieren zu können.

Zum Beispiel?
Einmal sagte ich einem Spieler: «Heute kannst du so viele Fehler machen, wie du willst. Ich will einfach sehen, dass du Spass hast.» Mich interessierte, was dies beim Spieler auslöst. Blüht er auf? Oder wird er nachlässig?

Können Sie bei den Profis auch pröbeln?
Nein, es hat keinen Platz für Experimente. Ich muss wissen, was ein Spieler benötigt, um die optimale Leistung abrufen zu können. Aber von einem Guillaume Hoarau muss ich nicht gleich viel einfordern wie von einem 22-Jährigen, und ich muss Hoarau auch nicht erklären, wie er sich auf dem Platz bewegen soll.

Zeigen Sie ihm nicht die Laufwege auf?
Als routinierter Mittelstürmer weiss er das besser als ich. Aber wir haben einen Plan, wie wir ihn ins Spiel bringen können.

Bis im vergangenen Sommer hatten Sie erst ein halbes Jahr Erfahrung in der Super League – und bei YB doch kein Akzeptanzproblem. Wie haben Sie das hinbekommen?
Mit Überzeugung in der Ansprache, weil mir klar war: Meine Botschaften müssen ankommen. Entscheidend war sicher auch die Kompetenz, was die Trainingslehre angeht. Und ich profitierte von erstklassigen Mitarbeitern, von einem funktionierenden Team.

Spieler merken rasch, wenn ein Trainer Schwächen hat.
In der Regel sind Spieler schlitzohrig. In der Vorbereitung beobachtete ich alles sehr genau. Dann kam eine Phase, in der ich auch einmal unangenehm wurde. Aber es ist nicht so, dass ein Trainer nicht Schwächen und Menschlichkeit zeigen darf. Das Ziel muss sein, eine Sprache zu finden, mit der sich die Spieler anfreunden können.

Das heisst?
Als Trainer muss man verschiedene Facetten beherrschen. Man muss streng sein können, wenn etwas nicht passt, aber Zufriedenheit zeigen, wenn etwas gut gemacht wird. Manchmal ist ein Training von Spielfreude geprägt, in einem anderen geht es vor allem um Disziplin. Diese Flexibilität macht auch den Alltag für die Spieler spannend. Gleichzeitig versuche ich, eine gute Beziehung zu ihnen zu pflegen. Das stärkt den Zusammenhalt und kann ein Pluspunkt sein. Bei YB haben wir ein Team mit ausgezeichnetem Charakter, mit Führungsspielern wie Steve von Bergen, Guillaume Hoarau oder Marco Wölfli, die man sich als Trainer nur wünschen kann.

Müssen Sie schauspielern können?
Nein. Ich bin zu hundert Prozent davon überzeugt, dass alles, was ich vermittle, richtig ist. Und wenn ich einmal nicht in der Stimmung bin, um zwei Tage vor dem Spiel ein lockeres Training mit viel Spass zu leiten, übernimmt das einer der Assistenten für mich. Sonst müsste ich ja schauspielern. Aber das will und kann ich nicht.

«Es ist nicht so, dass ein Trainer nicht Schwächen und Menschlichkeit zeigen darf. Das Ziel muss aber sein, eine Sprache zu finden, mit denen sich die Spieler anfreunden können»

Als Spieler konnten Sie für einen Trainer unangenehm sein, weil Sie vieles hinterfragten…
… ja …

… dürfen Ihre Spieler aufmüpfig sein?
Ich habe meine Antennen immer ausgefahren und glaube, viele Strömungen zu erkennen. Wenn einer aufmüpfig ist, wie Sie es nennen, frage ich mich zuerst: Ist mir etwas entgangen, habe ich etwas verpasst? Sobald ich die Kontrolle verliere, habe ich etwas nicht gespürt. Das heisst: Ich muss handeln, bevor ein Spieler aufmüpfig wird.

Sie wirken stets sehr kontrolliert – gerade bei Fernsehinterviews. Wie schwierig ist es, die Emotionen nach einem aufwühlenden Match im Griff zu haben?
Emotionen zeige ich schon – vor allem, wenn ich coache. Aber nach einem Spiel… Ich habe mein Ritual. Ich gehe nach dem Schlusspfiff in die Kabine, rede kurz mit Sportchef Christoph Spycher, tausche mich mit dem Trainerteam aus, setze mich auf ein Sofa und atme durch, danach gibt es Kontakte mit den Spielern. In diesen Minuten habe ich die Gedanken so geordnet, dass ich danach den Medien Auskunft geben kann.

Sie können das auch nach einem 7:1 gegen Basel nüchtern tun. Ist das nicht anstrengend?
Nein, gar nicht. Ich bin fähig, die Emotionen zu kanalisieren. Und ich sage ja das, was mir durch den Kopf geht.

Kritiker sagen, Sie seien brav.
Mag sein. In mir drin sieht es gelegentlich anders aus. Aber meine Analyse soll sachlich bleiben, ich will einen klaren Kopf bewahren.

Sie schieben auch nie die Schuld für ein Gegentor oder eine Niederlage dem Schiedsrichter zu.
Er ist auch nie der Schuldige, weil er den schwierigsten Job hat. Wenn man in der 50. Minute einen Penalty hinnehmen muss, der vielleicht nicht gerechtfertigt ist, hat man danach genügend Zeit für die Korrektur.

Wann sind Sie nicht kontrolliert?
An der Fasnacht… (lacht laut) Nein, die wilden Phasen sind längst vorbei.

Wie schaffen Sie es, Abstand zum Job zu gewinnen?
Bei YB herrscht eine sehr gute Arbeitskultur. Wir fangen früh an, und wenn wir nach einem Trainingstag nach Hause gehen, haben wir in der Regel auch tatsächlich Feierabend. Ich habe mit Christoph Spycher die Abmachung, dass wir dann nicht mehr zusammen telefonieren – es sei denn, es gehe um dringende Sachen. Ich kann relativ gut abschalten. Und zwei Tage vor einem Spiel ziehe ich mich ­gerne auch einmal für ein paar Stunden zurück und gönne mir ­etwas Gutes.

Was?
Zum Beispiel eine Massage. Oder ich sitze aufs Velo. Oder ich treffe jemanden zum Essen, um auf ­andere Gedanken zu kommen.

Verfolgen Sie immer noch gerne Pressekonferenzen von spanischen Trainern am Radio?
Oh ja, das ist für mich Spass und Weiterbildung in einem. Ich freue mich, wenn um 21.30 Uhr eine Partie aus Spanien übertragen wird und ich danach im Radio höre, was die Trainer zu sagen haben. Bei Sendern wie Onda Cero reden und diskutieren Experten wie der ­frühere argentinische Weltmeister Jorge Valdano, der für mich ein Fussball-Philosoph ist – grossartig. Wenn ich allein im Auto unterwegs bin, höre ich selten ­Musik, sondern solche Sendungen. Für die Spanier hat das Radio einen hohen Stellenwert.

Sie haben spanische Wurzeln, aber nur noch den Schweizer Pass. Was ist das Spanische an Ihnen?
Ich bleibe gerne lange auf, esse relativ spät und bevorzuge die mediterrane Küche. Und natürlich liebe ich die Sonne, die Wärme.

Lange wach sein, früh mit der Arbeit beginnen …
... das beisst sich manchmal. Aber ich mache meinen Job so gerne, darum macht mir das nichts aus.

YB hat vor dem Start in die zweite Saisonhälfte 19 Punkte Vorsprung. Was kann da noch schiefgehen?
Wir haben eine andere Denkweise, wir fragen uns: Wie wollen wir auftreten? Was müssen wir tun, um das Niveau beizubehalten? Wir wissen, dass wir sehr gut sein können, aber dafür müssen wir auch sehr viel leisten.

Ist diese gewaltige Differenz zum Zweitplatzierten für Sie nicht überraschend?
Sie ist ungewöhnlich, und wir wünschen uns, dass es so weitergehen wird. Aber wir müssen damit rechnen, dass die Konkurrenz stärker sein wird und wir den einen oder anderen Match nicht mehr gewinnen werden.

Sportchef Christoph Spycher hat seinen Vertrag bei YB noch nicht verlängert. Hat das Einfluss auf Ihre Arbeit?
Nein. Wir sind im ständigen Austausch, ich weiss, woran ich bin. Und für die Mannschaft ist es auch kein Problem.

Welche Ziele verfolgen Sie als Trainer? Es ist nicht anzunehmen, dass Sie bei YB pensioniert werden…
… wieso nicht? (lacht) Ich lebe gerade meinen Traum, das fühlt sich wunderbar an. Ich kam vor einem Jahr in die Super League, machte den Schritt zu YB und will jetzt hier über einen gewissen Zeitraum gute Arbeit abliefern. Aber wenn Sie von Träumen und Zielen reden, kommen mir Namen wie Ottmar Hitzfeld oder Lucien Favre in den Sinn. Das sind schon hervorragende Beispiele für uns Schweizer Trainer, an denen wir uns orientieren können. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.01.2019, 11:23 Uhr

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Dreijahresvertrag bei YB

Gerardo Seoane, geboren am 30. Oktober 1978, wuchs als Sohn spanischer Gastarbeiter in der Luzerner Gemeinde Rothenburg auf. Der technisch begabte Mittelfeldspieler wechselte 1997 zum FC Sion, bevor er ein Jahr später dem Lockruf aus Spanien erlag. Seoane unterschrieb bei ­Deportivo La Coruña, aber beim Club aus der galicischen Heimat seiner Eltern blieb ihm der Durchbruch verwehrt. Er wurde an Bellinzona ausgeliehen, kehrte 2002 in die Schweiz zurück und spielte für Aarau bevor er via GC wieder beim FC Luzern landete, wo er 2010 seine Laufbahn beendete. Der frühere Schweizer U-21-Nationalspieler, dessen spanischer Pass abgelaufen ist, wurde Nachwuchstrainer in Luzern, trat bei der ersten Mannschaft im Januar 2018 die Nachfolge des entlassenen Markus Babbel an und erhielt im letzten Sommer einen Dreijahresvertrag bei Meister YB.

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