«Ich weiss, wo ich herkomme»

Admir Mehmedi stürmt heute im Titelkampf für den FCZ gegen Thun und steht vor dem ersten Aufgebot für die Schweizer Nationalmannschaft.

Auf dem Fussballplatz und in der Schule auf dem Prüfstand: Admir Mehmedi, mit 20 Jahren und 10 Toren bester Torschütze beim FC Zürich.

Auf dem Fussballplatz und in der Schule auf dem Prüfstand: Admir Mehmedi, mit 20 Jahren und 10 Toren bester Torschütze beim FC Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Bevor das Interview beginnt, erklärt Admir Mehmedi: «Ich bin immer positiv.» Also müsse man gar nicht mehr lange über die Ausgangslage vor der letzten Runde reden. Für den 20-jährigen Aufsteiger der Saison beim FC Zürich steht fest: «Wir können noch Meister werden.» Um die Begründung ist er nicht verlegen. Wenn die Basler derart souverän wären, wie sie es sich selber so gerne einredeten, dann hätten sie ja wohl zuletzt in St. Gallen gewonnen. Und das Fazit für das zu Ende gehende Fussballjahr nimmt er vorweg: «Ob Erster oder Zweiter, der FCZ hat eine fantastische Saison gespielt.»

In diesen Tagen wird Mehmedi, der als 2-Jähriger von Mazedonien in die Schweiz kam, nicht nur auf dem Fussballplatz gefordert. An der United School of Sports schliesst er das KV ab, bisher hat er alle Prüfungen mit guten Noten bestanden. Ein zweites Standbein neben dem Fussball ist ihm wichtig. Er will nach der Karriere eine Perspektive haben. Er sagt: «Ich kann mir vorstellen, später in einer Bank zu arbeiten.»

Admir Mehmedi, Sie sind mit zehn Treffern bester FCZ-Torschütze und in dieser Saison zum Leistungsträger geworden. Wie erklären Sie Ihren Aufstieg?
Ich habe immer gewusst, dass ich viel Talent für den Fussball mitbringe. Und ich konnte doch schon einige Erfahrungen sammeln, obwohl ich erst 20-jährig bin. Bernard Challandes holte mich ins Kader der ersten Mannschaft, als ich 17 war. Ich spiele also schon meine dritte Saison in der Super League.

Was ist anders geworden in den drei Jahren?
Am Anfang hatte ich Mühe, mich zu behaupten und in der neuen Umgebung Fuss zu fassen. Mittlerweile habe ich genügend Selbstbewusstsein, mich durchzusetzen.

Wie kamen Sie überhaupt zum FCZ?
Ich spielte beim FC Winterthur und durfte als 14-Jähriger ein paar Mal mit Lucien Favre und der ersten Mannschaft mittrainieren – mit Keita und Raffael! Und danach sagte Favre: «Admir behalten wir im Klub.»

Wem verdanken Sie denn Ihr Talent?
Das weiss ich nicht. Ich stürmte einfach jede freie Minute dem Ball nach.

Begann das schon in der Kindheit im Tessin?
Ja. Ich kam mit meiner Mutter und dem Bruder 1993 aus Mazedonien nach Bellinzona. Mein Vater hatte schon vorher ein paar Jahre im Tessin als Pizzaiolo gearbeitet. Seit gut zehn Jahren leben wir alle in Winterthur. Mein älterer Bruder und ich fühlen uns zu Hause sehr wohl.

Wie sind Sie aufgewachsen?
In sehr bescheidenen Verhältnissen. Wenn ich vom Papi einen Zweifränkler als Sackgeld erhielt, fühlte ich mich als reicher Mann. Mein Vater verdiente nicht viel, 3500 Franken im Maximum. Und damit musste er die vierköpfige Familie durchbringen. Dabei hatte er in Mazedonien ein Studium abgeschlossen und später als Direktor eine Firma geführt. Aber er hat dort noch weniger verdient und keine Zukunft mehr gesehen.

Und Sie können sich heute als Fussballer alles leisten.
Ich könnte mir vieles leisten. Aber ich vergesse meine Wurzeln nie, ich weiss, wo ich herkomme. Ich gehe mit Geld sorgfältig um.

Was haben Sie Ihrer Familie zu verdanken?
Alles. Ohne sie wäre ich heute niemals Spieler beim FC Zürich. Meine Eltern haben immer für mich gesorgt, sie unterstützten mich immer, ohne mich zu drängen. Sie liessen mich auf dem Schulhausplatz tschutten, wann immer ich es wollte. Und wenn ich abends todmüde und schmutzig nach Hause kam, hat die Mutter etwas Feines gekocht. Danach hat sie meine Sportsachen gewaschen, ohne sich jemals zu beklagen.

Welchen Einfluss hat Urs Fischer auf Ihre Entwicklung?
Er gibt mir Vertrauen und die nötige Einsatzzeit.

Wie nehmen Sie ihn bei der täglichen Arbeit wahr?
Er ist offen und ehrlich, er sagt einem die Meinung ins Gesicht. Er ist mir gegenüber schon oft laut geworden, wenn ihm etwas nicht passte.

Wie gehen Sie damit um?
Ganz gut, er will ja nur mein Bestes.

Was haben Sie von Fischer gelernt?
Dass ich in jedem Spiel an die Grenze gehen muss. Unter Fischer bin ich torgefährlicher geworden und spiele im Abschluss effizienter. Früher hänselten mich die Mitspieler und sagten: «Da kommt der Chancentod.»

Am Freitag werden Sie höchstwahrscheinlich erstmals in die Schweizer Nationalmannschaft aufgeboten.
Ich weiss nicht, ob mich Herr Hitzfeld für das Spiel in England einladen wird. Ich habe noch nichts gehört. Aber ich würde mich unheimlich freuen, es wäre die Krönung einer schönen Saison.

Gibt es für Sie ein Leben neben dem Fussball?
Ja klar, es gibt das KV, die Schule. Der Grossteil meiner Kameraden hat mit Fussball nichts zu tun. Das ist mir ganz recht.

Für diese sind Sie ein Kollege und nicht der kommende Nationalspieler Admir Mehmedi?
Das ist so. Auch deshalb fühle ich mich unter ihnen wohl. Nur weil ich diese Saison für den FCZ ein paar Tore erzielt habe, bin ich weiss Gott nichts Besonderes. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2011, 07:59 Uhr

Heute live

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet heute ab 20 Uhr live mit Web-TV und Tickern von der Finalissima in der Axpo Super League. Im Fokus stehen die Partien FC Basel gegen FC Luzern und FC Zürich gegen den FC Thun.

Zudem wird auch live über Auf- und Absteiger berichtet. Der Live-Ticker zur Challenge League beginnt um 19.15 Uhr.

Nach Ende der letzten Runde folgen hier Reaktionen, Video-Interviews und Kommentare.

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