«Ich werde nicht dafür bezahlt, beliebt zu sein»

Stephan Lichtsteiner ist der neue Captain der Schweizer Nationalmannschaft. Der 32-Jährige spricht über seinen Charakter als Profi – und seine Lust, Geschichte zu schreiben.

«Was sich im Kopf abspielt, ist sehr entscheidend», sagt Lichtsteiner, hier im Training in Lugano. Bei Kollege Behrami spielt sich vieles auf dem Arm ab. Foto: Reto Oeschger

«Was sich im Kopf abspielt, ist sehr entscheidend», sagt Lichtsteiner, hier im Training in Lugano. Bei Kollege Behrami spielt sich vieles auf dem Arm ab. Foto: Reto Oeschger

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Als er 2011 von Lazio Rom nach Turin wechselte, fing für Stephan Lichtsteiner die Zeit des pausenlosen Titelsammelns an. Fünfmal in Folge wurde er mit ­Juventus Meister, vor einer Woche mit seinen Kollegen zum zweiten Mal in Folge Doublegewinner, und das nicht etwa als Hilfs-, sondern als Stammkraft. Der 32-Jährige mit Vertrag bis 2017 hat ungestillten Erfolgshunger und Lust – das gilt auch für die Nationalmannschaft, mit der er heute (16.15 Uhr) in Genf gegen Belgien den vorletzten Test vor Frankreich absolviert. Nun ist er auch deren neuer Captain, der nichts ­dagegen hat, wenn für die EM sehr hohe Ziele formuliert werden.

Das Schweizer Nationalteam glänzte zuletzt nicht. Freuen Sie sich ­trotzdem auf die EM?
Ja, klar. Es wird eine echte Herausforderung. Noch steht es etwas in den Sternen, wo wir derzeit als Mannschaft ­stehen.

Ist das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft gar nicht ­abzuschätzen?
Wir haben im vergangenen Jahr inklusive Qualifikation für die EM bewiesen, dass wir über viel Substanz verfügen. Okay, die letzten zwei Testspiele im März gegen Irland und Bosnien-Herzegowina waren nicht besonders gut. Aber das hat schon auch seine Gründe, unter anderem den, dass einige Spieler in ihren Clubs nicht regelmässig zum Einsatz gekommen sind – und eben auch den, dass die Schweiz mittlerweile eine andere Rolle hat.

Wie meinen Sie das?
Wir sind nicht mehr der kleine Aussenseiter wie einst, sondern oft der Favorit. Und damit kommt noch nicht jeder Spieler gleich zurecht, weil er das aus seinem Verein nicht kennt. Aber bei aller Kritik, die es zuletzt gab und die nicht unberechtigt war: Diese Mannschaft verdient es, unterstützt zu werden. Sie hat schon viel Freude bereitet.

«Wir wollen die Schweiz stolz machen»: Stephan Lichtsteiner im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Video: Sebastian Rieder

Neigen einige Spieler nicht dazu, die Stärke der Mannschaft zu überschätzen?
Das glaube ich nicht.

Und wenn Sie einen sagen hören, er wolle Europameister werden?
Warum soll er das nicht sagen? Selbstbewusstsein und Ambitionen soll und darf man haben.

Selbstbewusstsein verkörpert zum Beispiel Granit Xhaka ...
... ja, und das zu Recht, weil er eine richtig gute Saison mit Mönchengladbach hinter sich hat. Er ist eine grosse Persönlichkeit und ein Superfussballer, für den Arsenal als nächster Club der ­perfekte Schritt ist, die perfekte Herausforderung. Granit wird sich auch dort durchsetzen. Er ist ein Kämpfer, ein Beisser, der hässig wird, wenn er verliert. In dieser Hinsicht ticken wir genau gleich.

Sie gelten als unnachgiebig, auch als verbissen und immer auf 180. Wird dieses Image Ihnen gerecht?
Ich gehe auf den Platz, um zu gewinnen und um hundert Prozent für mich, meine Teamkollegen und meinen Verein zu geben. Da kann ich durchaus auch mal verbissen wirken.

Sind Sie beliebt?
Beliebt bin ich da, wo es für mich ­entscheidend ist: bei meiner Familie und bei meinen Freunden. Ich werde als Fussballspieler nicht bezahlt, um ­beliebt zu sein, sondern dafür, meine Mannschaft zum Sieg zu führen. Grundsätzlich gehe ich immer als gutes Beispiel voran. Und ich stehe für meine Werte ein.

Welche zum Beispiel?
Ehrlichkeit. Eine eigene Meinung zu ­haben und zu dieser auch zu stehen. ­Respekt zu zeigen und sich für begangene Fehler entschuldigen zu können.

Wann gönnen Sie sich eine Pause?
In den Ferien zum Beispiel. Oder nach Spielen.

Und dann sind Sie nicht so streng mit sich selber?
Ein Glas Wein darf es sein, auch dann, wenn die Saison läuft. Selbst eine Meisterzigarre liegt drin. Wenn man Genussmittel mit Mass konsumiert, ist das kein Problem. Sobald man übertreibt, die Leistungen nicht mehr stimmen und die Qualität leidet, büsst man. Wer bei einem Topclub spielen kann, muss sich dessen bewusst sein.

Ihre Qualität hat offensichtlich nicht nachgelassen.
Es wäre sonst nicht möglich, bei Juventus Turin während fünf Jahren Stammspieler zu sein. Dazu braucht es zum einen taktische und fussballerische ­Fähigkeiten, zum andern aber auch eine starke Mentalität. Was sich hier oben ­abspielt (tippt an den Kopf), das ist sehr entscheidend.

Wo ordnen Sie sich unter den ­grossen Schweizer Fussballern der Geschichte ein?
Das überlasse ich lieber andern. Ich messe meine Leistung an der Anzahl der gewonnenen Pokale. Und davon habe ich in meiner Karriere bis jetzt ein gutes Dutzend holen können. Über 200 Spiele für Juventus mit fünf italienischen Meistertiteln, insgesamt vier Supercup- und drei italienische Cuptitel (mit Juventus und Lazio Rom) – das kann sich schon ­sehen lassen. Was ich guten Gewissens sagen darf: Ich habe im europäischen Fussball mit Juventus viel erreicht und dazu aktiv einen Beitrag geleistet.

Spüren Sie Genugtuung denen gegenüber, die Ihnen diese Karriere nicht zugetraut haben?
Nein. Mir geht es nicht darum, jemandem zu beweisen, dass er falsch liegt. Ich strebe Pokale nicht an, um dann ­sagen zu können: «Euch habe ich es ­gezeigt.» Ich wusste immer, dass ich die Qualität für ganz Grosses habe. Ich hielt mich stets an den Grundsatz: Qualität setzt sich durch. Ich bekam häufig aufs Maul, und es mag sein, dass mich genau das auch angetrieben und in meinem Denken bestärkt hat: Lass dich nur nicht unterkriegen. Dass es tatsächlich so gekommen ist, erfüllt mich mit Genug­tuung und Stolz.

Können Sie nie genug bekommen von Titeln?
Nein. Wenn man den einen gewonnen hat, geht es schon darum, zu überlegen: Was müssen wir tun, um auch den nächsten zu gewinnen? Das hat jeder, der bei Juventus unter Vertrag steht, verinnerlicht. Und das macht auch die Stärke dieses Clubs aus. Da zieht sich dieses Denken, diese starke Vision, dieser Hunger durch alle Bereiche, wie ein roter Faden. Und solange ich dieses ­Gefühl und diese Vision in mir habe, weiss ich: Ich bin am richtigen Ort.

Das heisst aber auch, dass Sie ­Niederlagen nicht ausstehen können.
Ich habe Mühe damit. Das Aus gegen die Bayern im Champions-League-Achtel­final oder der verlorene Final vor einem Jahr gegen Barcelona, das alles habe ich noch immer nicht ganz verdaut. Ich bin Fussballer geworden, weil mich Siege antreiben. Und als Schweizer Spitzensportler weiss ich auch: Ich muss doppelt so viel leisten, um es in einer grossen Nation weit zu bringen.

Wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen, zeigen Sie das gern. Dann lassen Sie Dampf ab bei Schieds­richter, Gegner oder Mitspieler.
Auf dem Platz, ja. Früher musste es raus, wenn mir etwas nicht passte. Heute melde ich mich dann zu Wort, wenn ich es als wichtig erachte.

Das heisst?
Es passiert bewusster, dass ich reklamiere und so einen Entscheid provozieren will. Wenn der Schiedsrichter drei-, viermal dem Gegner nach einem Foul keine Gelbe Karte zeigt, melde ich mich gezielt. Wenn ich ruhig bleibe, wird er auch nach dem achten Mal auf eine Verwarnung verzichten. Aber ich bin nie ­respektlos gegenüber dem Schiedsrichter. Laut schon, und die Gesten sehen manchmal vielleicht rabiat aus. Aber ich vergreife mich ganz sicher nie in der Wortwahl.

Haben Sie das in der Serie A ­gelernt?
Nein, dieses Bewusstsein hatte ich schon immer, nur war es in jüngeren Jahren schwieriger für mich, die Dosierung zu finden. Mit 20, 21 kommt man in eine Welt, in der man viel Geld und Aufmerksamkeit bekommt. Man muss jeden Tag Topleistungen bringen und perfekt für jeden sein. Da kommt vieles zusammen, und man braucht viel mehr als nur fussballerische Qualitäten, um das zu verarbeiten.

Wie sehr hat Sie die Zeit in Italien als Mensch geprägt?
Ich bin mittlerweile seit acht Jahren in diesem Land. Da bleibt schon einiges hängen. Mir gefällt der Lebensstil, auch wenn es nicht immer einfach gewesen ist, zu akzeptieren, dass gewisse Dinge halt anders gemacht werden als in der Schweiz. Es kommt vor, dass nicht alles sofort, sondern erst morgen erledigt wird. Oder übermorgen. Anderseits bin ich Gast im Land, also passe ich mich an und kann nicht das Gefühl haben, den Leuten zeigen zu müssen, was sie zu tun haben. Als Ausländer habe ich mich an die Regeln zu halten. Und es ist für mich auch eine Frage des Respekts, dass ich die Sprache spreche, um mich mit allen verständigen zu können.

Sie sind 32. Wie lange können Sie auf diesem Niveau noch mithalten?
Mindestens drei Jahre möchte ich schon noch dabei sein. Ich betreibe zwar einen intensiven Aufwand für mein Spiel, aber ich habe das Glück, dass ich über einen robusten Körper verfüge. Muskelverletzungen waren mir bis jetzt fremd, wobei ich versuche, möglichst vielem vorzubeugen, mit gutem, gezieltem Training, mit richtiger Ernährung und ausreichend Schlaf. Das sind alles Faktoren, die im Alter an Bedeutung gewinnen.

In der Nationalmannschaft sind Sie der neue Captain. Ist Ihr Team­kollege Gianluigi Buffon das beste Beispiel für Sie, wie diese Aufgabe optimal erledigt werden kann?
Von einem wie Buffon kann jeder lernen, er ist einer von denen, die für Italien noch mehr sind als Weltklasse, er gehört zur «fuoriclasse». Und als Captain ist er so, wie er rüberkommt: gelassen, ruhig, souverän. Ich möchte aber auf keinen Fall versuchen, ihn zu kopieren. Das würde auch gar nicht funktionieren.

Weil Sie nicht ruhig sein können?
Ich habe einen anderen Charakter und eine andere Persönlichkeit als er. Ich will meinen eigenen Weg finden, um dieses Amt auszuüben. Aber ich kann auch ruhig sein, wenn es drauf ankommt.

Wie lange bleiben Sie noch ­Nationalspieler?
Solange ich Kraft habe.

Und Lust?
Lust auf die Nationalmannschaft habe ich immer, weil es ein Kindheitstraum war, Länderspiele für die Schweiz zu ­bestreiten. Diesen Traum habe ich ­wahr gemacht. 80 Länderspiele, nun das vierte Turnier in Serie, das ist ein schöner Leistungsnachweis.

Wollen Sie weitermachen, bis Sie 100 Einsätze haben?
Ich strebe nicht nach Rekorden, ich muss nicht so lange dabei bleiben, weil ich dann eine schöne Zahl in meinem Palmarès habe. Der Spass ist eine wichtige Voraussetzung. Und mein Ehrgeiz, Geschichte zu schreiben mit und für die Schweiz.

Was heisst das für die EM in ­Frankreich?
Über den Achtelfinal hinauszukommen. Das wäre etwas, was der Schweiz noch nie gelungen ist.

Welche Grundvoraussetzung braucht es dafür?
Wir müssen als Einheit auftreten. Bei Juventus sind wir nicht eine Gruppe aus lauter engsten Freunden. Aber wir sind eine Mannschaft, die nur deswegen ­Erfolge feiern konnte, weil die individuellen Begehrlichkeiten zurückgestellt wurden. In Frankreich muss sich jeder zusammenreissen, es verträgt keinen Egoismus, wenn wir Erfolg haben wollen. Persönliche Interessen und Befindlichkeiten müssen daheim gelassen werden. Dann bin ich extrem zuversichtlich, dass wir es sehr weit bringen und unserem EM-Ziel ein grosses Stück näherkommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2016, 22:51 Uhr

Zwei Premieren in Genf?

Die Schweiz trifft heute auf Belgien. Vladimir Petkovic gewährte vor dem zweitletzten EM-Test einige Einblicke.

Das Schweizer Nationalteam hat sein Campo Lugano Richtung Genf verlassen, wo es heute auf Belgien trifft. Nach der Ankunft in Genf zeigte sich Coach Vladimir Petkovic vor den Medien gut gelaunt: «Wir haben sehr hart trainiert, aber auch viel gelacht. Die Stimmung ist positiv». Abwehrchef Johan Djourou sagte mit Blick auf die Niederlagen von Ende März in Irland (0:1) und gegen Bosnien-Herzegowina (0:2): «Dieser Gegner bietet uns eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass wir es besser können.» Weil Fabian Schär aufgrund einer Verstauchung des Sprunggelenkes nicht spielen kann, ist noch unklar, wer neben Djourou verteidigt. Nico Elvedi von Borussia Mönchengladbach wird es nicht sein. «Er spielt nicht von Beginn weg», so Petkovic. Das Gleiche gelte für YB-Mittelfeldspieler Dennis Zakaria. Beide könnten im Verlaufe der Partie aber zu ihrem ersten Länderspiel für die Schweiz kommen. Nicht mehr dabei ist hingegen die Nummer 4 im Schweizer Tor, Yvon Mvogo. Er wird dem 23-Mann-Kader für die EM nicht angehören.

Belgien, die Fifa-Nummer 2, wird die Schweizer Zuversicht auf eine erste Probe stellen. Marc Wilmots’ Auswahl bietet nahezu in jeder Achse Spieler von Weltklasseformat. Thibaut Courtois, Jan Vertonghen, Thomas Vermaelen, Mousa Dembélé, Kevin de Bruyne, Eden Hazard, Christian Benteke, Yannick Carras­co – die Stars von Chelsea, Barcelona, Tottenham, Liverpool oder Atlético Madrid spielen an besten Adressen erstklassige Rollen. Der Viertelfinalist der letzten Endrunde in Brasilien verfolgt an der EM hohe Ziele. (SDA)

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