«Ich wollte auf hohem Niveau Adiós sagen»

Xabi Alonso war nicht ein Solist, er war immer der Stratege – in Liverpool, bei Real und zuletzt bei Bayern München. Jetzt beendet der Spanier mit 35 Jahren seine wunderbare Karriere.

Xabi Alonso und der Rücktritt – jetzt ist ein neues Leitmotiv fürs Leben gefragt.<br />Foto: A. Pretty (Getty)

Xabi Alonso und der Rücktritt – jetzt ist ein neues Leitmotiv fürs Leben gefragt.
Foto: A. Pretty (Getty)

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Haben Sie sich schon an den ­Gedanken gewöhnt aufzuhören?
Ich habe ihn angenommen. Der wirk­liche Abschluss steht zwar noch aus. Aber ich habe alles mit mir letztgültig ausgemacht.

Was war das für ein Moment, als Sie sich sagten: bis hierher und nicht weiter?
Es war kein Augenblick. Es war ein Prozess. Ich hatte schon vor langer Zeit für mich entschieden, den Zeitpunkt meines Abschieds selbst zu wählen. Und ich hatte immer den Wunsch, auf hohem Niveau Adiós zu sagen. Alles ist in Er­füllung gegangen: Ich habe den Zeitpunkt wählen können, ich habe es beim FC Bayern machen können, und ich habe hier bis zum Schluss um alles mitgespielt.

Warum gehen Sie nicht ein, zwei Jahre in die USA oder nach China?
Ich habe den Fussball so intensiv gelebt, dass ich den Chip schon komplett auswechseln müsste, um den Fussball in solchen Ligen zu geniessen. Liverpools Anfield Road, das Bernabéu-Stadion, die Allianz-Arena, das sind Synonyme des Fussballs, den ich mag. Old-School-Football. Die USA oder China hätten nicht zu mir gepasst.

Xabi Alonso, seine schönsten Tore. Quelle: Youtube

Haben Sie keine Zukunftsängste?
Natürlich bereitet einem so eine Entscheidung auch Schwindelgefühle. Ich nähere mich einer neuen Etappe, einem neuen Leben, nach 17, 18 Jahren als Profi, in denen ich immer wusste, was nach einer Saison passieren würde. Vier, fünf Wochen Urlaub, dann ging alles wieder von vorne los. Jetzt muss ich neue Motivationen suchen, meine Zeit anders verwalten – ein neues Leitmotiv für mein Leben finden.

Was gab Ihnen die Zeit in München beim FC Bayern?
Enorm viel. Man kann von aussen die ­Dimension des Clubs erahnen. Aber erst, wenn du drinnen bist, bekommst du ein Gespür für die Bedeutung, die Bayern in Deutschland hat, für die Struktur, die Organisation. Es dürfte nur ­wenige Vereine von vergleichbarer Grösse geben, die finanziell so gesund sind. Was mich im Moment besonders be­eindruckt, ist, wie der FC Bayern global wächst – und trotzdem ein Ambiente beibehält, das von Nähe geprägt ist.

Woran machen Sie das fest?
Am Alltag. Hier auf dem Trainings­gelände an der Säbener Strasse ist eine Schranke, aber sie ist durchlässig, in beide Richtungen. Die Fans kommen, schauen beim Training zu, und wenn wir hinausgehen, stehen wir mitten in einem Wohnviertel, in einer normalen Strasse. Es ist so ganz anders als bei Real Sociedad, bei Liverpool oder Real Madrid.

«Mich beeindruckt, dass Bayern global wächst und trotzdem ein Ambiente von Nähe beibehält.»

Man ist hier weniger eingekapselt?
Es ist anders. Und solange man in Ruhe arbeiten kann, finde ich das toll.

Wenn Sie die Organisationsstruktur der Bayern betrachten – wo ist der Unterschied zu den anderen Clubs Ihrer Vita?
Man muss sich nur den Vorstand anschauen. Der Nukleus, der die Entscheidungen trifft, ist schon einzigartig.

Ist es nicht schwierig, so dominante ehemalige Profis wie Karl-Heinz ­Rummenigge und Uli Hoeness in der Führung zu haben, die sich mit dem Gewicht ihrer fussballerischen Erfahrung immer wieder zu den sportlichen Dingen zu Wort melden?
Es funktioniert. Und es wird bewahrt werden, da bin ich mir sicher. Durch Leute, die das Wesen des FC Bayern von jeher aufgesogen haben.

2014 hatten Sie sich explizit kein Urteil über die deutsche Fussballkultur erlauben wollen. Und heute?
Ich habe allein in diesen drei Jahren einen Fortschritt bei den deutschen Mannschaften gesehen. Man erkennt das an den Spielern, aber vor allem an den Trainern und ihren taktischen Entwürfen. Physisch war der deutsche Fussball schon immer stark, und er ist es bis heute. Aber taktisch ist er reicher geworden. Überhaupt finde ich den ­Generationenwechsel auf den Trainerbänken extrem spannend. Es gibt immer mehr junge Trainer, und sie haben den Mut, mit Systemen zu experimentieren, sie mitten in Spielen umzuwerfen.

An wen denken Sie?
An Julian Nagelsmann in Hoffenheim, an Alexander Nouri in Bremen, an Ralph Hasenhüttl in Leipzig, natürlich an ­Thomas Tuchel in Dortmund. Da bewegt sich was. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: Die Mentalität des deutschen Fussballs ändert sich. Diese jungen ­Trainer gehen nicht einen deutschen Weg, sie versuchen, einen technisch-taktischen Reichtum zu entwickeln, den ich als europäischen empfinde.

Xabi Alonso, seine besten Tricks. Quelle: Youtube

Worauf führen Sie das zurück?
Ich glaube, das hat viel mit den Erfolgen der Nationalmannschaft zu tun. Sie war der Vorreiter für die Entwicklung. Diese war 2006, 2010 schon da, aber der Titel in Brasilien 2014 hat noch einmal viel ­bewirkt.

Den grössten Qualitätssprung haben in den letzten 10, 15 Jahren allerdings die Spanier gemacht. Ist Spaniens Liga der Bundesliga noch immer voraus?
Es fehlt hier (in Deutschland) noch ­etwas, um sich mit den besten Teams Europas zu messen. Die Herausforderung der Bundesligisten ist jetzt ganz klar: dass nicht nur Bayern oder Dortmund in der Champions League mit­spielen, sondern dass Teams wie Mönchengladbach oder in der Vergangenheit Wolfsburg auch einmal etwas in Europa erreichen. Auch in der Europa League. Und das nicht nur einmal in fünf Jahren, sondern konstant über einen längeren Zeitraum.

Zwei Ihrer drei Meistertitel mit Bayern gewannen Sie unter Pep Guardiola. Sie hatten bei Real Madrid jahrelang gegen Barcelona-Teams gespielt, die Guardiola ­trainierte. Hat er in München Ihr Spiel verändert?
Die Stile der Mannschaften waren anders. Bei Real Madrid spielten wir einen bebenden Fussball, wegen Figuren wie Gareth Bale, Karim Benzema, Ángel Di María, Cristiano Ronald . . ., extrem schnellen Spielern. Es war ein bisschen Rock ’n’ Roll. Beim FC Bayern war der Rhythmus ein völlig anderer. Es ging mehr um Kontrolle und darum, welche Schritte man gehen muss, um zum ­gegnerischen Tor zu kommen. Mich hat das sehr an das spanische Nationalteam erinnert.

Ist der heutige Fussball sehr weit von dem entfernt, den Sie als junger Profi kennen gelernt haben?
Ja, das habe ich an mir selbst gemerkt. Ich habe früher weit weniger im Spiel und über das Spiel nachgedacht. Wie ich ein Spiel lese, das hat sich sehr verändert. Was machen wir gut? Was schlecht? Was müssen wir korrigieren? Solche Fragen stelle ich mir heute viel bewusster. Das liegt auch daran, dass die Vorbereitungen der Partien viel detaillierter geworden sind oder dass die Figuren ­während eines Spiels viel häufiger verschoben werden. Das Einzige, was gleich blieb, ist die individuelle Qualität, weil da die Verbesserungsmöglichkeiten ­limitierter sind.

«Mourinho ist von Angesicht zu Angesicht am stärksten. Er ist enorm fordernd.»

Und nun denken Sie wohl: Wie ungerecht das Leben doch ist, dass Sie ausgerechnet jetzt aufhören müssen, da Sie das Spiel verstanden haben?
Nein. So eine Form von Zorn liegt mir fern. Die Gesetze des Lebens sind, wie sie sind.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie gute Spieler um sich herum brauchen, um gut zu spielen.
Ich habe nie zwei Mann ausgedribbelt und dann ein Traumtor geschossen. Ich musste den Raum sehen und dann ­jenen, die um mich herum waren, ihr Spiel ermöglichen. Und je besser die­jenigen waren, die an meiner Seite ­standen, desto besser war ich.

Wie sähe die Mannschaft der besten Spieler aus, mit denen Sie zusammengespielt haben?
Das kann ich nicht. Das wäre ungerecht.

Einigen wir uns auf einen pro Team.
In San Sebastián hatten wir einen Spieler, der ein Genie war, wenn er wollte: De Pedro. Von Liverpool würde ich ­natürlich Steven Gerrard nennen. Bei Real Madrid: Cristiano Ronaldo, klar. Und Luka Modric. Für ihn habe ich eine Schwäche, wegen seiner Fähigkeit, kurz zu spielen, lang zu spielen, zu dribbeln, das Tor zu suchen.

Und beim FC Bayern?
Philipp (Lahm). Das ist einer der taktisch besten Spieler, die ich je kennen gelernt habe.

Wie war das mit Ihren Trainern? Mit Rafael Benitez etwa, der Sie nach Liverpool geholt hatte?
Er setzte auf mich, als ich 22 war, er gab mir sofort viel Verantwortung. Ein ­wahrer Kenner des Fussballs, sehr ­analytisch.

Und mit José Mourinho? Was macht ihn anders, zu einer der prägenden Figuren der jüngeren Geschichte?
Vor allem der emotionale Aspekt. Mourinho ist von Angesicht zu Angesicht am stärksten. Er ist enorm fordernd, sich selbst als auch seinen Spielern gegenüber. Wenn du ihm das Gefühl gibst, dich nicht verpflichtet genug zu fühlen, wirst du für ihn kein wichtiger Spieler sein. Und so holt er das Beste aus dir heraus.

Von aussen wirkt es oft so, als kehre er nicht nur das Beste, sondern auch das Schlimmste aus einem Spieler hervor.
Von aussen sieht es immer anders aus. Als ich einst in Liverpool und er bei Chelsea war, hatte ich auch einen ­anderen Eindruck als später, als wir in Madrid ­zusammenkamen. Es hat mich gelehrt, keine Urteile ohne Infos aus ­erster Hand zu fällen.

Lässt sich definieren, welcher ­Trainer Sie am meisten geprägt hat?
Was mich geprägt hat, war immer das erste Gespräch. Und ich würde sagen, dass ich mich an jedes meiner ersten ­Gespräche erinnern kann. Mit Rafa, Mou (Mourinho), Pep, Carlo (Ancelotti). Da erfährst du, was sie von dir wollen, wie sie dich motivieren, wie sie einen Spieler einnehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 22:56 Uhr

Xabi Alonso (35)

Vereine als Profi
1999–2004 Real Sociedad San Sebastián
2000–2001 Eibar (Leihe)
2004–2009 FC Liverpool
2009–2014 Real Madrid
2014–2017 FC Bayern München

Grösste Erfolge
Weltmeister mit Spanien 2010
Europameister mit Spanien 2008 und 2012
Champions-League-Sieger 2005 und 2014
Englischer FA-Cup-Sieger 2006
Spanischer Meister 2012
Spanischer Cupsieger 2011 und 2014
Deutscher Meister 2015, 2016 und 2017
DFB-Pokal-Sieger 2016

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