Im Fussball dirigiert Darwin – nicht Moral

Josef Hochstrasser, Autor und Biograf von Ottmar Hitzfeld, erklärt, wieso der ehemalige GC-Trainer Uli Forte kein Charakterlump ist.

Hat vernünftig gehandelt: Uli Forte.

Hat vernünftig gehandelt: Uli Forte. Bild: Keystone

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Uli Forte wird Trainer der Young Boys. Zuerst ein grosses Erstaunen im Land. Dann ein grosses Wehgeschrei: Uli – ein charakterloser Lump? Mitnichten. Es ist bemerkenswert, wie der Entscheid von Uli Forte auf einen Schlag die Geister der Moral hervorgerufen hat. Plötzlich wird im Fussball an eine differenzierte Ethik appelliert. Dabei wird doch jedem Junior eingetrichtert: du oder der Gegner. Entweder du setzt dich durch, oder der Gegner lässt dich alt aussehen. Es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Die Löhne richten sich nach der freien Marktwirtschaft. Im Fussball dirigiert Meister Darwin. Und darüber soll man nicht klagen – denn der Fussball lebt vom simplen Entweder-oder: gewinnen oder verlieren. Ich kann als Trainer nicht ein bisschen nett sein zu meinem Präsidenten, privat schon, aber nicht im Geschäft. Zu Recht gilt der Fussball als eine Weltreligion. Er ist, genauso wie die klassischen Religionen, in der Lage, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu trösten, sie zu fanatisieren, ihnen Orientierung zu verleihen oder in eindrücklichen Ritualen das Leben als Spiel zu feiern. Allein, eine eigenständige Moral kennt der Fussball nicht. Die muss er sich von den klassischen Religionen ausleihen. In diesem Punkt fehlt dem Fussball denn auch das Gütesiegel «Weltreligion». Aber er ist durchaus gewillt, etwa dem Christentum die Reverenz zu erweisen und Verhaltensweisen wie Fairness oder Rücksicht auch in den eigenen «Kirchenbänken» – also in den Stadien dieser Welt – zu propagieren. Selbst die Fifa unternimmt immer wieder ethische Gehversuche. Doch nun fordern Journalisten und Fans, es müsse auch im Kerngeschäft des Fussballs – nämlich im Wettbewerb zwischen den Mannschaften um die besten Leute – mehr Ethik herrschen. Man wundert sich ein bisschen: Gerade von den Journalisten wird der Kirche regelmässig Naivität vorgeworfen, wenn sie mehr ethische Werte einfordert. Uli Forte hat nach dem Gesetz des Fussballgeschäfts gehandelt. Also hat er vernünftig gehandelt.

Erstellt: 04.06.2013, 08:09 Uhr

Josef Hochstrasser (r.): Der Autor ist reformierter Pfarrer und schrieb mehrere Bücher, darunter eines über Fussballtrainer Ottmar Hitzfeld.

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