Im Namen der Familie

Franck Ribéry muss nach seinem Aussetzer eine hohe Geldstrafe zahlen. Ein Aussetzer, der viel über den Franzosen aussagt.

Ribéry und sein goldenes Kalb: Das kommt nicht überall gut an. Video: Twitter

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Was eine hohe oder eine sehr hohe Strafe ist, liegt auch immer an der Perspektive, das gilt auch beim FC Bayern. Als Sven Scheuer und Mario Basler im Herbst 1999 nach einer Schlägerei in einer Pizzeria suspendiert wurden, endete für beide die Zeit auf der ganz grossen Bühne.

Als Philipp Lahm nach einem kritisch-konstruktiven Interview zehn Jahre später eine Geldstrafe zahlen musste, wie es sie «beim FC Bayern bisher nicht gegeben hat» (Clubboss Karl-Heinz Rummenigge), war diese Summe - dem Vernehmen nach 50 000 Euro - das wahrscheinlich am besten investierte Geld des späteren Jungunternehmers Lahm; er wurde noch mehrmals deutscher Meister, Champions-League-Sieger und irgendwann sogar Liebling des Trainergurus Pep Guardiola. Eine ähnlich empfindliche Strafe hatte der FC Bayern danach fast zehn Jahre lang nicht mehr verhängt. Bis zu diesem Wochenende.

Am Sonntag stellte sich auf der Trainingsanlage in Doha Hasan Salihamidzic zu den Journalisten, er sagte: «Ich habe ihm mitgeteilt, dass er eine hohe Geldstrafe bekommen wird.» Auf die Nachfrage, wie hoch diese sein wird, antwortete der Sportdirektor: «Wir beim FC Bayern haben nie über diese Zahlen gesprochen. Aber die wird sehr hoch ausfallen.» Es ist nun eine Frage der Perspektive, ob Franck Ribéry eine hohe oder sehr hohe Strafe erhalten hat oder ob er nicht vielleicht sogar ganz gut weggekommen ist mit einer Geldstrafe. Sicher ist nur, dass die Goldsteak-Affäre um den Flügelspieler eine neue Dimension angenommen hat.

Ribérys goldenes Kalb

Kurz vor dem Trainingslager der Mannschaft in Katar hatte Ribéry einen Zwischenstopp im nahen Dubai eingelegt und dort das Restaurant Nusr-Et besucht, in dem ihm der Betreiber Nusret Gökçe nicht nur ein mit Blattgold überzogenes Tomahawk-Steak servierte, sondern ihn auch auf dieses einlud, wie Salihamidzic am Sonntag sagte. Anschliessend startete vor allem in den sozialen Netzwerken eine Debatte, die von Unverständnis, Spott, Häme geprägt war, und in der Ribéry laut Salihamidzic «auf übelste Weise beschimpft und beleidigt» worden sei, und zwar nicht nur er selbst, sondern auch seine schwangere Frau Wahiba sowie seine Mutter, die gerade erst operiert worden war. Es war eine Debatte, auf die Ribéry offensichtlich nicht vorbereitet war. Das zumindest legt seine wilde und impulsive Reaktion nahe.

Auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken postete Ribéry am Samstag eine unversöhnliche Botschaft an seine Kritiker, auch er schimpfte wüst, mit vulgärer Wortwahl. Gerichtet waren seine Beleidigungen an die «Neider und Hasserfüllten», denen er selbst wiederum viel Hass entgegenschleuderte, zitierfähig war am ehesten die Aussage, dass all jene, die nicht an ihn geglaubt hätten, «nicht mehr als Kieselsteine in meinen Schuhen» seien.

Beim FC Bayern waren sie am Wochenende bemüht, diese Eskalation in all ihren Facetten darzustellen. Salihamidzic sagte, dass Ribéry sich «gewehrt» und «die Familie verteidigt» habe, «dazu hat er auch jedes Recht, da unterstütze ich den Spieler auch». Erst auf diese doch sehr verständnisvolle Einleitung folgte die Kritik: «Leider ist ihm das in einem Punkt total entgleist.»

Ribéry, der im April 36 Jahre alt wird, habe Worte benutzt, «die wir als FC Bayern München nicht akzeptieren können und die Franck als Vorbild, als Spieler des FC Bayern nie benutzen darf». Sein Mitspieler Thomas Müller sagte: «In diesen Momenten, in denen er sich ungerecht behandelt fühlt, wo er überhart attackiert wird, dann gehen die Pferde mit ihm durch. Er kann sich da eben nicht so kontrollieren.»

Ribéry spielt gerade seine zwölfte Saison beim FC Bayern, er ist in München heimisch geworden, nach turbulenten ersten 25 Jahren in seinem Leben. Der Autounfall als Zweijähriger, von dem ihm die Narben im Gesicht geblieben sind. Der Rauswurf aus dem Internat. Die Monate als Strassenarbeiter. «Jeder Tag», hat Ribéry einmal über diese Jahre gesagt, «war schwierig». Gerade wegen dieser Zeit ist er stolz auf seinen Erfolg, darauf, dass ihm gegen alle Widerstände eine der erfolgreichsten Karrieren im Fussball des 21. Jahrhunderts gelungen ist.

Aus dieser Zeit stammt allerdings auch die Erkenntnis, dass es sich für ihn nie lohnt, wenn er Einsicht zeigt. Einen Spieler wie ihn trifft daher eine Geldstrafe weniger empfindlich als eine mit Ehrverlust verbundene Suspendierung. Die Strafe, die der FC Bayern seinem Spieler nun aussprach, war also wieder einmal eine sehr nachsichtige.

In viele Konflikte verstrickt

Auch in seinen zwölf Jahren in München war Ribéry oft in Konflikte verstrickt, erst Anfang November, nach einer Niederlage in Dortmund, hatte er einen französischen Journalisten geohrfeigt. Auch auf dem Spielfeld war er mit ruppigen Aktionen aufgefallen, dem damaligen Dortmunder Gonzalo Castro steckte er einmal einen Finger ins Auge. In München aber spürte Ribéry immer die Unterstützung des Clubs; er, der Schwererziehbare, war schnell ein Liebling von Uli Hoeness. Der Präsident hielt auch zu ihm, als Ribéry in Frankreich angeklagt wurde, weil er in einem Münchner Hotel Sex mit einer Minderjährigen gehabt hatte. In München erhielt er also die Zuneigung, die ihm in seinem Heimatland immer verwehrt wurde.

In Frankreich sahen die Menschen Ribéry einst als Nachfolger von Zinédine Zidane, sie machten sich aber auch über seine Grammatik lustig – Ribéry hatte sich von seinen eigenen Landsleuten nie respektiert gefühlt. Als er bei der WM 2010 einer der Rädelsführer im Streik gegen Trainer Raymond Domenech war, brachen die Franzosen endgültig mit einem ihrer bekanntesten Fussballer. In Umfragen sprach sich nur eine Minderheit dafür aus, dass er seine Karriere in der Nationalmannschaft fortsetze, und so endete diese ganz leise, mit seiner Absage für die WM 2014, aufgrund von Rückenbeschwerden.

Seine Heimatsprache vermeidet Ribéry meist auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken, auf denen er sich bevorzugt auf Englisch äussert, gerne mit einer Prise Gangstertum. Dass er die Beleidigungen am Wochenende auf Französisch formulierte, war daher auch von seiner Seite der unwiderrufliche Bruch mit seinen Landsleuten. Es war aber auch der Bruch mit seinem Image als Filou, der für lustige Scherze und sonstige Albernheiten steht.

Ob die Geldstrafe hoch oder sehr hoch ausfallen wird, spielt dabei keine Rolle, es ist ja auch nur eine Frage der Perspektive. Für Ribéry, der leidenschaftlich um einen neuen Vertrag kämpft, dürfte die empfindlichste Konsequenz ohnehin die sein, dass er in diesem Kampf um ein weiteres Jahr in München am Wochenende die besten Gegenargumente geliefert hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2019, 17:43 Uhr

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