Köbi Kuhn, einer für alle

Er hatte als Spieler «Honig an den Füssen» und blieb als Nationaltrainer einer fürs Volk. Seine Siege und Schicksalsschläge bewegten das Land. Ein Nachruf.

Er verkörperte, was in diesem Land so sehr geschätzt wird: Mit Köbi Kuhn geht einer der Grossen des Schweizer Fussballs. Video: SDA
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Es war jeweils im alten Letzigrund, seinem Letzigrund, vor einem Spiel des FC Zürich, seinem FC Zürich, und Köbi Kuhn sass noch draussen vor dem Stadion auf einer Holzbank. «Köbi» hatten sie gerufen, alle riefen immer nur «Köbi», und er war zu ihnen gegangen, und sie redeten miteinander, alte und auch junge Fans, die einfach mit ihm plaudern wollten. Er fühlte sich in solchen Momenten wohl, es ging um Fussball, er war Nationaltrainer, und jeder hatte seine Meinung, weil alle sich irgendwie als Nationaltrainer fühlen. Über Fussball reden war für ihn das Schönste.

Jakob Kuhn, der für alle immer nur der Köbi war, obwohl er das anfänglich nicht so mochte, war ein Mann des Volkes. Während Jahren war er vielleicht der populärste Schweizer überhaupt, zum «Schweizer des Jahres 2006» gewählt, was ihm fast etwas peinlich war. Ärzte oder Forscher, fand er, hätten doch so eine Auszeichnung eher verdient.

Beliebt bei Alt und Jung: Köbi Kuhn als Nationaltrainer während eines öffentlichen Trainings. Bild: Keystone

Alle hatten ihn gern. Vielleicht auch, weil er durch und durch Schweizer war und verkörperte, was in diesem Land so sehr geschätzt wird. Nicht auffallen, um auffallen zu wollen, sich nicht in den Vordergrund schieben, zwar überzeugt sein von dem, was man will, aber nicht blenden damit. Sein Gesicht strahlte vieles aus, eine ansteckende Ruhe, eine gewisse Demut, etwas Melancholie, auch Bescheidenheit, es war ein liebes Gesicht, vertrauenswürdig und sanft, manchmal wirkte er gar etwas scheu, nachdenklich, aber er hatte immer auch etwas Schalkhaftes. Er konnte ein Lausbub sein, im Gespräch, wenn er sich wohl fühlte, laut und herzlich lachen. Er nahm nicht immer alles ernst, auch sich selber nicht. «Zum glatten Köbi» hiess bei den grossen Fussballturnieren jeweils eine Bar in Zürich-West.

Köbi und das Zauberwort

Ruhig, ehrlich, respektvoll, so beschrieb er sich selber, vom lieben und netten Köbi Kuhn wurde geschrieben, und nicht immer war es nur positiv gemeint, er sei zu gutmütig, doch für ihn waren das oft nur Klischees, viele Leute würden offenbar Gutmütigkeit mit Höflichkeit verwechseln, sagte er. Nach seinem letzten Spiel als Nationalcoach, 2008 bei der EM im eigenen Land und dem Ausscheiden bereits nach drei Spielen in der Vorrunde, schrieb die «Süddeutsche Zeitung» in ihrer Kolumne auf der Frontseite: «Die Schweiz ist raus. Köbi macht Schluss. Kuhn geht in Rente. Das ist tatsächlich jammerschade, denn in den vergangenen Jahren hat man Köbi liebgewonnen - Köbi, den Mann, und Köbi, das Wort. Den Mann, weil er ein feiner alter Herr ist, der so gar nicht in die lärmende Egotruppe der Weltfussballtrainer passt. Das Wort, weil es ein Kinderwort ist, ein Zauberwort, weil es jeden, der es hört, sogleich besänftigt.»

Das Dankeschön des Teams: Die Nationalspieler verabschieden ihren Trainer an der EM 2008. Bild: Keystone

Kuhn ein typischer Schweizer, aber er war vor allem eines: ein Zürcher, das war seine Stadt, der FCZ sein Klub, der Kreis 3 sein Quartier und auch Spielfeld, er sagte gerne, er sei der einzige seiner Familie, der es nur von Wiedikon nach Wiedikon geschafft hat, und viel weiter weg wohnte er auch nie.

Auf der Fritschiwiese und der Bullingerwiese tschuttete er als Kind, die Kuhns wohnten gleich nebenan zu siebt in einer städtischen Vierzimmerwohnung, und er hatte nur ein Ziel, auch einmal ein Grosser zu werden, wie jene, die er am Wochenende jeweils mit dem Vater, einem Schreiner, auf dem Hardturm und Letzigrund spielen sah. Er war schon damals sehr ehrgeizig, gar jähzornig, wenn er verloren hatte, sagte er selber. Ferenc Puskas, der ungarische Wunderstürmer, war sein Vorbild, und als Zehnjähriger hat er 1954 bei der WM Programme verkauft, nicht viele, er versteckte die übrigen bald in einer Ecke, weil er im Hardturm ganz nach vorne zum Spielfeldrand schleichen wollte, vom 9:0 der Ungarn gegen Korea erzählte er oft.

Der junge Köbi: Ein Idol, das den Fussball auf Zürcher Wiesen lieben lernte. Bild: Keystone

Und dann der FCZ. Edy Naegeli, der stets stumpenrauchende Präsident, hatte ihn entdeckt, natürlich, Naegeli entdeckte ganz viele, aber Kuhn war sein «bestes Pferd im Stall», wie er einmal sagte. Mit 17 spielte Kuhn erstmals in der ersten Mannschaft, 125 Franken war sein Monatslohn, 40 Franken zusätzlich für jeden Sieg, fünf Franken für jedes besuchte Training, dreimal in der Woche abends fuhr der Tiefdruckätzer-Lehrling mit dem Velo oder dem Tram hin.

Von 1961 bis zum Juni 1977 war Kuhn das Gesicht des FCZ, die 6 seine Nummer, er war der Stratege im Mittelfeld, ein feiner Techniker, unermüdlicher Läufer, ein Ästhet, er lenkte und dirigierte und wies seine Mitspieler sehr fordernd an, wohin sie laufen mussten. Er hatte, wie das Fachblatt «Sport» einst schrieb, «Honig an den Füssen», weil der Ball an seinen Schuhen zu kleben schien. Kuhn war einer der Besten, den die Schweiz je hatte, im Juni 1977, nach 396 Spielen und vielen Titeln, trat er ab. Es gab noch ein Abschiedsspiel für ihn, das er selber organisierte und bei dem er auch das finanzielle Risiko trug, gegen die AC Milan. 20 000 kamen in den Letzigrund, in der Sänfte eines Sponsors sollte er nochmals um den Platz getragen werden, doch ihm war das zu viel, er stieg bald aus.

Filigrantechniker: Köbi Kuhn war einer der Besten, den die Schweiz je hatte. Bild: Keystone

Er, der nie Profi war, dachte damals, das sei auch sein Abschied vom Fussball. Aber Kuhn, dem es immer schwer fiel «nein» zu sagen, der sich auch deshalb, um jemandem einen Gefallen zu tun, für die SVP auf die Kandidatenliste für den Gemeinderat und später den Kantonsrat setzen liess (und beinahe gewählt worden wäre), verlor sein ganzes Vermögen. Unter der Rubrik «Konkurseröffnung» stand 1987 im «Tagblatt der Stadt Zürich»: Gemeinschuldner Jakob Kuhn, geb. 12. Oktober 1943, von Zürich. Kuhn hatte sein Geld, man sprach von über einer Million Franken, in die «Köbi Kuhn Versicherungen» investiert und einem blind vertraut, von dem er meinte, er sei sein Freund.

Der FCZ gab ihm eine zweite Chance. Sven Hotz, der Präsident, holte ihn als Nachwuchstrainer, später ging Kuhn zum Verband für die U-21, und 2001 wurde er Nationalcoach, als Nachfolger von Enzo Trossero. Daniel Jeandupeux, einst ebenfalls Nationalcoach und beim FCZ Mitspieler von Kuhn, sagt: «Für mich eigentlich unverständlich, dass Köbi erst so spät Trainer wurde.» Kuhn sah das Nationalteam als Familie, und er war der Vater dieser Familie, er vertraute den Spielern, wollte umgekehrt aber, dass sie sein Vertrauen erwidern. Und weil er selber Spieler war, wusste er, wie diese ticken, er konnte sie schnell durchschauen. Er sagte, «wenn ich am Spielfeldrand wie ein Clown herumspringen würde, dann wäre das nicht ich»; er wusste, wenn das Spiel läuft, ist er der Unwichtigste, die Spieler würden ihn sowieso nicht hören, wenn er etwas reinschreit.

Auch eine Klublegende: Köbi Kuhn feierte mit dem FCZ grosse Erfolge. Bild: Keystone

Kuhn führte die Schweiz 2004 an die EM, 2006 an die WM, 2008, bei der EM im eigenen Land, war sie automatisch qualifiziert, und diese zwei Jahre vor dem Turnier, ohne Ernstkämpfe, waren auch seine schwierigsten. Es gab Zweifel an ihm, «Köbi du Wurst», schrieb der «Blick» nach einem 0:4 gegen Deutschland, es traf ihn mehr, als er zugab.

Sie starb in seinen Armen

Aber kurz vor der Europameisterschaft war für ihn etwas anderes als Fussball viel wichtiger geworden. Seine Frau Alice, die er 1965 geheiratet hatte und die auch seine Beraterin und Managerin war und seine Termine koordinierte, erlitt einen epileptischen Anfall, zwei Jahre später einen Hirnschlag. Sie erholte sich nie mehr davon, Köbi Kuhn wurde zum Pfleger, der alles für sie tat, es war für ihn die neue Lebensaufgabe. Sie starb im April 2014 in seinen Armen. Er fiel in ein grosses Loch, erschöpft und voller Reue, wie er in seiner Autobiographie kürzlich schrieb. 2018 verlor er auch seine Tochter Viviane, die mit dem Leben nicht zurecht kam, süchtig war und tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, 46-jährig erst war sie. «Es gibt nichts Schlimmeres, als sein eigenes Kind zu beerdigen», schrieb Kuhn.

Als Köbi Kuhn 70 wurde, sagte er in einem Gespräch: «Meine Mutter wurde 103, ohne grosse Beschwerden, und ich habe die Prognose, dass ich drei Jahre älter werde, also 106.» Er lachte dazu herzhaft, er sagte aber auch, nun ernsthafter: «Man ist sich bewusster, je älter man wird, dass ein Ende kommt.»

Bei Köbi Kuhn, seit zwei Jahren zum zweiten Mal verheiratet, wurde 2013 eine chronische lymphtatische Leukämie (Altersleukämie) diagnostiziert, mehrere Male war er seither wegen einer Lungenentzündung in Spital eingeliefert worden. Nun ist er im Zollikerberg verstorben, er wurde kürzlich 76.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 26.11.2019, 20:43 Uhr

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