In den Achtelfinal gestrauchelt

Nach dem 1:2 gegen Kamerun erhielt die Schweiz die nötige Schützenhilfe und erreicht die K.-o.-Phase der WM trotz Niederlage. Im Achtelfinal trifft sie auf Gastgeber Kanada.

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Sie tanzten und lachten, ihre Fans in der Kurve feierten, selbst vom einsetzenden Regen liessen sie sich nicht stören. Soweit die Gefühlslage bei den Kamerunerinnen. Die WM-Neulinge aus Afrika haben mit dem 2:1-Sieg gegen die Schweiz den Achtelfinal erreicht.

Auf der Gegenseite herrschte zunächst Katerstimmung. Die Schweizerinnen hatten mit dem 1:2 im dritten WM-Gruppenspiel ihre gute Ausgangslage preisgegeben und rutschten trotz 1:0-Führung zur Pause auf den dritten Gruppenrang ab. Zittern mussten sie allerdings nicht allzu lange: Drei Stunden später stand mit dem knappen 1:0 der USA gegen Nigeria fest, dass die Schweiz den Achtelfinal trotz der Niederlage erreicht hat.

Die zweite, positive Seite daran: Während Kamerun gegen China spielen wird, erwartet die Schweiz im Achtelfinal eine reizvolle, prestigeträchtige Aufgabe: eine Partie gegen WM-Gastgeber Kanada. Das Spiel am kommenden Sonntag in Vancouver dürfte ausverkauft sein. Gut 54'000 Zuschauer finden Platz im BC Place Stadium. Angepfiffen wird es um 1.30 Uhr am Montagmorgen Schweizer Zeit.

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Ein Schreckmoment ereignete sich eine halbe Stunde vor dem Anpfiff: Beim Einspielen prallten Rachel Rinast und Fabienne Humm mit den Köpfen zusammen. Beide blieben ein paar Minuten benommen liegen und mussten gepflegt werden, Rinast etwas länger, die Reaktion ihrer Augen wurde getestet. Beide konnten aber spielen.

Es war eine überraschende Aufstellung, die sich Martina Voss-Tecklenburg ausgedacht hatte. Nicht so sehr, was die Namen betrifft – aber die taktische Anordnung. Rahel Kiwic spielte im Mittelfeld statt in der Abwehr, Mittelfeldspielerin Lia Wälti dafür in der Innenverteidigung. Lara Dickenmann, die rechtzeitig fit wurde, und Ramona Bachmann griffen über die Flügel an, im Sturmzentrum lief Ana-Maria Crnogorcevic an Humms Seite auf. Nur fünf Schweizerinnen spielten noch auf jener Position, die sie zum WM-Auftakt gegen Japan eingenommen hatten.

Im Vorteil, aber ohne Effizienz

Sie brauchten entsprechend ein paar Minuten Zeit, um sich zu finden, doch bald schufen sie sich ein Übergewicht. In der 20. Minute scheiterte Bachmann noch an Annette Ngo Ndom im Tor, doch vier Minuten später war auch die kamerunische Keeperin machtlos. Nach einem herrlichen Angriff über Dickenmann und Bachmann traf Crnogorcevic zum 1:0. Die Thunerin jubelte sichtlich erleichtert, ihr war in den ersten beiden Gruppenspielen wenig gelungen. Sie lief zu den Physiotherapeuten; diese hatten sie vor der Partie von Waden- und Adduktorenproblemen befreit.

1:0 war der Pausenstand, doch die Schweizerinnen hätten höher führen können. Humm scheiterte mit einem Kopfball (36.), Bachmann mit einem Schuss (38.) und alleine vor Ngo Ndom noch einmal (40.). Defensiv liessen sie hingegen wenig zu, und die Kamerunerinnen konnten ihre Schnelligkeit zunächst nicht ausspielen. Am gefährlichsten war noch ein Kopfball von Captain Christine Manie (18.), der nach einem Corner knapp am Tor vorbeistrich.

Doppelschlag nach der Pause

Wie wenig der Konjunktiv im Fussball wert ist, zeigte sich allerdings unmittelbar nach der Pause: Die Schweizerinnen wurden eiskalt erwischt. Nach einem fälschlicherweise den Afrikanerinnen zugesprochenen Einwurf, liess sich in der 47. Minute Wälti von Raissa Feudjio narren, deren Querpass zur Mitte erreichte die heranstürmende Gabrielle Onguene, und die traf freistehend zum Ausgleich.

Und es kam noch schlimmer für das Team von Voss-Tecklenburg. Nach einem gar hastigen Befreiungsschlag von Humm verlor wieder Wälti ein Duell an der Grundlinie, diesmal gegen Onguene, und deren Flanke verwertete Madelaine Ngono Mani mit dem Kopf. 2:1, nun tanzten die afrikanischen Fans auf der Tribüne. Die Schweizerinnen hielten vor dem Wiederanpfiff eine kurze Besprechung ab, um sich neu zu ordnen.

«Ich habe die Verunsicherung gespürt»

Allein: Es nützte wenig. Sie fanden nicht mehr ins Spiel, daran änderte auch die Einwechslung der zunächst geschonten Vanessa Bernauer nichts. Sie fanden kein Mittel gegen den physisch starken Gegner. In der Offensive gelang gar nichts mehr, das Mittelfeld war mit der Zeit fast inexistent und erhielt auch kaum noch Unterstütztung aus der Abwehr. Und bot sich trotzdem etwas Platz, zeigte sich primär Bachmann immer wieder etwas gar eigensinnig. «Ich habe von draussen die Verunsicherung gespürt», sagte Voss-Tecklenburg, «aber man kann als Trainerin nicht immer gleich gut darauf reagieren.»

In der Schlussphase rieben sich die Schweizerinnen zudem am Zeitspiel und den Mätzchen Kameruns auf, nur: Wer wollte es den Afrikanerinnen verübeln, dass sie sich diese Zeit nahmen? Nachdem sie an den Olympischen Spielen 2012 in London noch chancenlos gewesen waren und alle drei Partien verloren hatten, stehen sie nun im WM-Achtelfinal. «Das ist ein Traum», sagte Captain Christine Manie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2015, 03:51 Uhr

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