Infantino in der Klemme

Der angeschlagene Fifa-Präsident muss darauf hoffen, dass der Kongress heute die WM 2026 an die USA und ihre Partner vergibt.

Gianni Infantino beim Fifa-Freundschaftsspiel in Moskau: Der Präsident zeigt sich vor dem heutigen Kongress des Fussball-Weltverbandes gelassen, obwohl er in der Kritik steht.

Gianni Infantino beim Fifa-Freundschaftsspiel in Moskau: Der Präsident zeigt sich vor dem heutigen Kongress des Fussball-Weltverbandes gelassen, obwohl er in der Kritik steht. Bild: Sergei Chirkow

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sein Blick wurde kalt, als Gianni Infantino am Tag nach seiner Wahl zum ­Fifa-Präsidenten zu seiner neuen Rolle gefragt wurde. Er sei doch nicht hier, um zu repräsentieren, antwortete er, er sei hier, um ein Leader zu sein.

Zwei Jahre und drei Monate sind seither vergangen, und Infantino hat den Weltverband nicht repräsentiert, wie es eigentlich vorgesehen war, um Macht­exzesse wie unter seinem Vorgänger Sepp Blatter zu verhindern. Er hat ihn geführt, und wie: direkt zurück ins Chaos.

Die Fifa steht nicht gut da, wenn sie heute Mittwoch in Moskau wieder einmal eine WM-Endrunde vergibt. Es ist das erste Mal seit der Doppelvergabe für die Turniere 2018 und 2022 am 2. Dezember 2010, welche die Fifa wegen der Korruptionsvorwürfe gegen Russland und Katar in eine existenzielle Krise gestürzt, letztlich das Ende von Sonnengott Blatter und den wundersamen Aufstieg von Infantino zur Folge gehabt hat.

Michel Platini sollte eigentlich Blatter beerben, der damalige Uefa-Präsident war der einsame Favorit. Bis im Herbst 2015 eine Zahlung von 2 Millionen Franken Blatters an Platini ruchbar wurde. Geld für längst geleistete Dienste, versuchten die Freunde von einst zu erklären. Nur glaubte ihnen die Ethikkommission der Fifa nicht, warf ihnen vor, es gehe um bezahlte Wahlkampfhilfe, und sperrte sie auf Jahre hinaus.

Der Präsident braucht Geld

Der Weg war frei für einen anderen Walliser, der bislang nur als Generalsekretär Platinis aufgefallen war. Infantino profitierte davon, dass die Gegenkandidaten entweder zu wenig stark waren oder wie Scheich Salman aus Bahrain einen zweifelhaften Ruf hatten. Er hatte viele Mitgliedsverbände mit dem simplen ­Versprechen geködert, es gebe künftig mehr Geld. Statt 2 Millionen Dollar für einen Zyklus von vier Jahren sollten es 5 Millionen sein.

Infantino hat nur das Problem, das Geld dafür aufzutreiben. Die Sponsoren rennen ihm nicht die Türe ein. In den ersten beiden Jahren seiner Regentschaft hat der Verband Vorsteuer­verluste von 552 Millionen Dollar erwirtschaftet.

«Wir beobachten euch genau»US-Präsident Donald Trump

Darum ist Infantino in diesem Frühjahr auf allerlei Ideen gekommen. Er wollte Marokko am liebsten gar nicht erst als Kandidaten für die Vergabe der WM 2026 antreten lassen, weil ihm die Kandidatur von USA/Kanada/Mexiko aus finanziellen Gründen viel sympathischer ist. Handstreichartig plante er, dass nicht der gesamte Kongress über die Vergabe entscheidet, sondern eine Arbeitsgruppe aus handverlesenen Untertanen. Seine Gegner schoben ihm einen Riegel.

Da konnte US-Präsident Donald Trump noch lange twittern: «Es wäre eine Schande, wenn Länder, die wir ­immer unterstützen, gegen die US-Kandidatur lobbyieren würden.» Als die Fifa mässigend auf ihn einzuwirken suchte, legte er nach und drohte allen Ländern, vor allem den Afrikanern: «Wir beobachten euch genau.» Er nannte sie auch «Dreckslöcher».

Ermüdet von den Alleingängen

Infantinos zweite Idee des Jahres umfasst zwei neue Wettbewerbe: eine Club-WM, die von 7 auf 24 Teams auf­gestockt werden soll, und eine weltweite Liga für Nationalmannschaften. 25 Milliarden Dollar sollte das für eine Periode von zwölf Jahren abwerfen. Das Problem war, dass Infantino ein Geheimnis um die Investoren machen wollte, die sich mit ihren Milliarden 49 Prozent der Rechte an den Wettbewerben gesichert hätten. Irgendwann sickerte durch, dass der japanische Technologieinvestor Softbank dahintersteckt, alimentiert mit Geld aus Saudiarabien und Abu Dhabi, den grossen Gegenspielern ­Katars am Arabischen Golf.

Der Fifa-Präsident versuchte die Grossen Europas, Real Madrid, Barcelona, Bayern München oder Manchester City, mit der Aussicht auf 100 Millionen Dollar für eine Teilnahme zu ködern. Auch hierbei prallte er auf Widerstand. Die Präsidenten der einzelnen Konföderationen, ermüdet von seinen Allein­gängen, wollten eine Entscheidung über die beiden neuen Formate mit einer ­Vertrauensabstimmung des 36-köpfigen Fifa-Rates über Infantino verknüpfen. Infantino erkannte offenbar, dass er nicht mehr als ein Fünftel der Stimmen erhalten würde. Er hat darum seine Pläne vorerst zurückgezogen.

Vor diesem Hintergrund wird der Kongress heute darüber befinden, wer 2026 die WM ausrichten darf. Dann wird sie erstmals mit 48 statt 32 Mannschaften sein, wobei hier anzufügen ist, dass Infantino noch einen Plan gehabt hat: das Turnier schon für 2022 in Katar ­aufzublasen, um so auf mehr Einnahmen zu hoffen.

«Wir könnten das Turnier auch allein ausrichten»Sunil Gulati

Die Kandidatur United 2026 also oder Marokko? Das Trio aus Amerika ist ­favorisiert. Weil es der Fifa um die 14 Milliarden Dollar an Einnahmen versprechen kann, was dank weit lukrativerer Fernsehverträge das Doppelte ist von Marokko. Die starke Kraft sind die USA, 60 der 80 Spiele würden in ihrem Land ausgetragen. «Wir könnten das Turnier auch allein ausrichten», sagt Sunil Gulati, der Kopf hinter der ­gemeinsamen Kandidatur, «aber natürlich sind Kanada und Mexiko positiv für unser Image.» Lateinamerika sei dann eingebunden und Kanada als weltweit angesehenes Land.

Trump allerdings sieht auch das anders. Von Mexiko möchte er sein Land mit einer 25 Milliarden Dollar teuren Mauer abtrennen, und Kanadas Premier Justin Trudeau attackierte er nach dem gescheiterten G-7-Gipfel vom Wochenende mehrmals per Twitter («schwach und unehrlich»). Dabei geht es um die grossen Fragen der Handelspolitik. Es wird spannend zu sehen sein, ob das Einfluss auf den heutigen Tag in Moskau hat. Oder ob die Mehrheit des Kongresses nur die Dollarnoten sieht.

Marokkos Mängel

Das Königreich im afrikanischen Norden ist von den Fifa-Inspektoren deutlich schlechter bewertet worden als United 2026. Es liegt deutlich im Nachteil, wenn es um die Infrastruktur geht. 9 von 14 Stadien muss es erst bauen, Trainingseinrichtungen für die Teilnehmer, Strassen und Eisenbahnlinien müssen gebaut werden, auch Krankenhäuser, weil die Kapazitäten für einen Mammutanlass wie eine WM mit 80 Spielen niemals ­ausreichen. 15 Milliarden Dollar will es dafür investieren. Es wirbt mit den ­kurzen Distanzen, gerade im Vergleich zu United 2026, und der Tatsache, dass die Stadien rückbaubar seien.

Viermal schon haben sich die Marokkaner vergeblich um eine WM beworben. Die Stimme Blatters hätten sie jetzt. Der alte Mann mag von einem schlechten Gewissen befallen sein, weil er einst entscheidend dazu beitrug, dass nicht sie die WM 2010 erhielten, sondern die Südafrikaner.

Im Vergleich zu Blatters Zeiten ist es kein maximal 24-köpfiges Exekutivkomitee mehr, das darüber in geheimer Wahl entscheidet. Erstmals ist es die Vollversammlung der 207 stimmberechtigten Verbände. Es wird bekannt gemacht, wer wie entschieden hat. Das soll verhindern, dass Zahlungen von Schmiergeldern das Ergebnis beeinflussen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 07:21 Uhr

Artikel zum Thema

Fifa findet neue Geldgeber in China

Westliche Konzerne meiden den Verband, asiatische springen ein. Präsident Infantino ist darauf angewiesen. Mehr...

Fifagogo: Was die Klage bedeutet

Die Fifa klagt gegen ein berüchtigtes Onlineportal. Wie Sie noch an ganz legale WM-Tickets kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Das knallt: Touristen flanieren durch die blutroten Sommerzypressen-Felder im japanischen Hitachinaka. Diese intensive Farbe nehmen die Pflanzen jeweils im Herbst an. (22. Oktober 2018)
(Bild: Toru Hanai) Mehr...