«Irgendwann ist gut. Und Schluss»

Hakan Yakin hat seine Karriere noch nicht beendet. Aber er weiss nicht, ob es eine Fortsetzung gibt – und was aus dem Vertrag in Bellinzona wird.

Hakan Yakin: «Ich habe in meiner Karriere viel Seltsames erlebt.»

Hakan Yakin: «Ich habe in meiner Karriere viel Seltsames erlebt.» Bild: Keystone

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Zum Espresso bestellt er ein Assugrin, und mit der Hand klopft er auf den Bauch, das soll ausdrücken: «Ich achte auf mein Gewicht.» Hakan Yakin bringt 79 Kilo auf die Waage, 2 weniger als auch schon. Darauf ist er stolz. Schliesslich ist er aktuell Fussballer ausser Dienst, einer mit Vertrag zwar, aber ohne Mannschaftstraining.

Sein Verein ist die AC Bellinzona, immer noch, aber als sich seine Kollegen am Montag zur ersten Übungseinheit trafen, blieb Yakin zu Hause. Er hatte das mit Präsident Gabriele Giulini so abgesprochen. Und jetzt, da er mit verkehrter Baseballmütze auf dem Kopf und in Flipflops am Tisch sitzt, sagt er: «Wenn ich erschienen wäre, hätte es geheissen: Er macht sich zum Hampelmann. Weil ich nicht gegangen bin, wirft man mir vor, ich stünde nicht zum Club.»

Die AC Bellinzona ist in der 1. Liga Promotion verschwunden, eine andere Lizenz gab es nicht mehr nach all den wirtschaftlichen Problemen. Giulini ist noch da, er fabuliert gerade wieder einmal davon, bald ein Investment von viel Geld verkünden zu können. Ihm seien von einer ausländischen Firma zehn Millionen Franken versprochen worden, versichert er. Aber wer mag ihm noch glauben? Eigentlich keiner.

Die Pläne sind Makulatur

Dabei hat längst ein Exodus eingesetzt. Wer von den Spielern die Möglichkeit hatte, verliess das Tessin. Das verbliebene Quartett ist ein Relikt der letzten Saison, darunter eben der berühmte Yakin, 36 mittlerweile, der Mann mit 87 Länderspielen und hohem Glamourfaktor. Im Oktober 2011 unterschrieb er einen Sechsjahresvertrag in Bellinzona, er sollte Spieler sein bis 2014 und Botschafter für das neue Stadion, aber diese Pläne sind Makulatur.

«Ich habe in meiner Karriere viel Seltsames erlebt», sagt er, «aber Bellinzona übertrifft alles.» Yakin denkt an die gekündigten Mietwohnungen der Spieler während der Saison. Oder an die vielen Abmachungen mit dem Präsidenten, die nie eingehalten wurden. Er ist enttäuscht, und doch fällt er nicht über Giulini her: «Er ist kein Mensch mit bösen Absichten.» Nur, der Italiener war nicht in der Lage, Träume von den Realitäten zu unterscheiden. Die Kontrolle über den Verein und die Finanzen entglitt ihm komplett. Auf 3,3 Millionen Franken werden die Schulden geschätzt, die bis zum 9. August getilgt sein müssen. Sonst eröffnet der Richter den Konkurs.

Es ist nicht anzunehmen, dass Yakin noch einmal aus beruflichen Gründen nach Bellinzona zurückkehrt. Er will bis Ende Juli mit Giulini eine Einigung erzielen, was mit dem Vertrag passieren soll. Dass der Spieler auf rechtlichem Weg ein Handgeld von 700 000 Franken einklagen soll, wie das Onlineportal «Ticinonews» schrieb, stellt er in Abrede: «Das stimmt nicht.» Dafür stimmt, dass er als ehemaliges Verwaltungsratsmitglied der ACB im Konkursfall haftbar ist.

«Eine Boutique? Eine Bar?»

Yakin weiss, dass es unweigerlich auf das Ende seiner Laufbahn zugeht. Er sagt: «Ich werde nirgends mehr einen Zweijahresvertrag erhalten.» Er hat Anrufe bekommen in diesem Sommer, einen gar aus der Super League, aber er ist Realist genug zu sagen: «Heute kann ich mir im Gegensatz zu früher eingestehen, dass ich mit dem Tempo auf diesem Niveau nicht mehr mithalten kann.»

Vielleicht wird er fast unbemerkt von der Bühne abtreten. Vielleicht wird er keinen letzten, grossen Applaus erhalten. «Das brauche ich nicht. Irgendwann ist gut. Und Schluss», sagt Yakin, der angefangen hat, darüber nachzudenken, was das neue Leben bringen mag. «Soll ich eine Boutique eröffnen? Oder eine Bar?», fragt er scherzend und weiss, dass es Skeptiker gibt, die ihm abseits des Rasens wenig Selbstständigkeit zutrauen. «Diese Leute sollen von mir denken, was sie wollen, das haben sie in den letzten 15 Jahren schon gemacht», entgegnet er gelassen, «und sie haben meistens mehr von mir gewusst als ich selber.»

Er sieht seine Zukunft im Fussball, wohl als Trainer. Er glaubt: «Es wird irgendwo einen Platz für mich haben.» Das B-Diplom hat er erworben, das ADiplom soll folgen. Hakan Yakin will nicht abhängig sein von Bruder Murat: «Wer mich anstellt, muss von meinen Qualitäten überzeugt sein. Sonst bringt es nichts.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2013, 10:21 Uhr

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