Ivan Ergic und Bursa entthronen Istanbul

Der ehemalige Spieler des FC Basel wurde mit dem kleinen Bursaspor türkischer Meister.

Ein seltener Coup in der Türkei: Ivan Ergic und seine Mannschaft Bursaspor haben die grossen Istanbuler Klubs hinter sich gelassen.

Ein seltener Coup in der Türkei: Ivan Ergic und seine Mannschaft Bursaspor haben die grossen Istanbuler Klubs hinter sich gelassen.

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Als Ivan Ergic gestern aufwachte, näherte sich der Tag schon dem Abend. Der 29-jährige Serbe, im vergangenen Sommer beim FC Basel nach neun Jahren ausgemustert, wurde am Sonntagabend türkischer Meister. Das ist für ihn eine «Sensation». Bursaspor heisst sein Klub. Bursa, rund 90 Kilometer südlich von Istanbul entfernt in Anatolien gelegen, ist zwar mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die viertgrösste Stadt der Türkei. Aber Bursa spielte auf der Fussballlandkarte der Nation bislang eine so kleine Rolle wie fast alle anderen Städte des Landes. In den vergangenen 26 Jahren wechselten sich allein die drei Istanbuler Grossklubs Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas als Meister ab.

Nach dem Ende seines Meisterschlafs meldete Ergic gestern aus seiner Wohnung in Bursa: «Ich weiss gar noch nicht, wie es mir geht.» Der Mittelfeldspieler hatte eine aufwühlende Nacht hinter sich. Mit einem Punkt Rückstand auf Fenerbahce war Bursaspor in die letzte Runde gegangen in dieser heissen türkischen Frühsommernacht. Als der Fussballtag zu Ende ging, feierte Ergic mit seiner Mannschaft im mit 20 000 Zuschauern seit Wochen ausverkauften Heimstadion das 2:1 über Besiktas und den Meistertitel. Und das Publikum strömte auf den Rasen.

Dramatik im Meisterschaftsfinish

Zur Dramatik des Abends passte, dass sie in Istanbul bei Fenerbahce trotz dem 1:1 gegen Trabzonspor ebenfalls den Titel feierten. Dort hatte der Speaker kurz vor Spielende ins Stadion gerufen, Bursaspor habe das 2:2 hinnehmen müssen, worauf die Fenerbahce-Spieler ihren Match plötzlich nicht mehr mit verzweifelten Angriffen gewinnen wollten, sondern nur noch den Ball hin und her schoben.

Nach dem Schlusspfiff wurde auch in Istanbul das Feld gestürmt. Nur schlug die Stimmung schnell um, als die Falschmeldung vom 2:2 korrigiert war. Wütende Anhänger entfachten Feuer auf den Rängen des Sükrü Saracoglu Stadyumu und richteten gemäss Klubangaben Sachschaden in der Höhe von 10 Millionen Euro an. Trainer Christoph Daum dürfte entlassen werden. Die Spieler stehen unter Polizeischutz. So funktioniert der Fussball auch in der Türkei.

Das «Wunder von Bursa»

Kritiker hatten bislang behauptet, in dem von Korruptions- und Manipulationsvorwürfen begleiteten türkischen Fussball würden spätestens die Schiedsrichter dafür sorgen, dass am Ende ein Istanbuler Klub Meister wird. Vom «Wunder von Bursa» schrieb nun gestern der «Hürriyet», und für Ergic ist der Gewinn der Meisterschaft das perfekte Ende seiner ersten türkischen Saison, die ihm auch wegen des neuen Lebens abseits des Rasens so gut gefallen hat.

Bursaspor mit seinen rund 20 Millionen Euro Budget konnte es sich bislang kaum leisten, Spieler aus laufenden Verträgen heraus zu verpflichten – die Istanbuler Grossklubs finanzieren ihre Betriebe mit jährlich gegen 100 Millionen Euro. Der erst 40-jährige Trainer Saglam stellte das Team mit ablösefreien Spielern, an andern Orten gescheiterten Profis und Unbekannten zusammen. Schlüsselfigur Ergic bezeichnet Saglam als Hauptverantwortlichen für den Erfolg.

Der Anhang wollte die Fans nicht gehen lassen

Drei Stunden lang konnte die Mannschaft nach dem Schlusspfiff das Stadion nicht verlassen, weil der Anhang seine Helden nicht gehen lassen wollte und die Strassen so verstopft waren. Danach fuhren die Spieler im Teambus und begleitet von einem Konvoi ins Trainingszentrum zur privaten Feier unter freiem Himmel. Irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens kam Ergic ins Bett.

Der Pokal war am Sonntagabend in Istanbul, er wurde gestern Montag nach Bursa geliefert. Die Übergabe fand im Stadion statt. Ein Festzug durch die Stadt, wie wir ihn in hiesigen Landen auch schon gesehen haben, war in Bursa nicht möglich. Nach seinen bisherigen Erfahrungen mit dem begeisterungsfähigen Anhang sagt Ergic: «Das würde kaum geordnet ablaufen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2010, 13:20 Uhr

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