«Jähzornig war Mike nur selten»

Drei Jahre hat Kevin Rooney Mike Tyson trainiert. Dieser habe unglaublich hart an sich gearbeitet, sei ihm gegenüber aber nie ausfällig geworden, sagt der Amerikaner. Am Samstag betreut er den «Berner» Nasi Hani im Kursaal.

Kevin Rooney: «Nasi Hani traue ich zu, etwas Aussergewöhnliches zu erreichen. Ich will ihm dem Tyson-Stil beibringen, er soll hart schlagen und aggressiv verteidigen.»

Kevin Rooney: «Nasi Hani traue ich zu, etwas Aussergewöhnliches zu erreichen. Ich will ihm dem Tyson-Stil beibringen, er soll hart schlagen und aggressiv verteidigen.» Bild: Urs Baumann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sowohl als Aktiver als auch als Trainer waren Sie sich Boxkämpfe vor Tausenden Zuschauern gewohnt; am Samstag betreuen Sie am Profimeeting in Bern den Mazedonier Nasi Hani. Vermissen Sie die grosse Bühne?
Nein, überhaupt nicht. Für mich stand der Kommerz nie im Vordergrund, ich bin keiner, der das Scheinwerferlicht auf Biegen und Brechen sucht. Als Boxer oder Trainer brauchst du nicht eine volle Arena als Antrieb; du holst dir die Energie selbst, willst jeden Gegner schlagen. Sonst wäre wohl niemand bereit, morgens um fünf Uhr zehn Meilen zu laufen.

Zwischen 1985 und 1988 betreuten Sie Mike Tyson, er war Schwergewichts-Weltmeister, blieb unter Ihrer Ägide ungeschlagen. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Es war eine interessante, gute Phase. Alles ging damals aber sehr schnell. Wir hatten lange ein sehr intensives Verhältnis zueinander, in gewisser Weise war ich für Mike wohl eine Vaterfigur. Sein Talent kam täglich zum Vorschein, mein Anspruch war es, ihn so weit zu bringen, dass er dereinst ungeschlagen zurücktreten und den Rekord von Rocky Marciano mit 49 Siegen brechen würde.

Im Alter von 12 Jahren war Tyson wegen diverser Delikte bereits 38 Mal polizeilich registriert; seine Manager förderten stets das Image des «bösesten Mannes des Planeten». Wie würden Sie ihn charakterisieren?
Ich habe ihn als tüchtigen, geschickten und extrem ehrgeizigen Typen kennen gelernt. Er ist in einem sehr schlechten Umfeld aufgewachsen, kannte keine Regeln. Rabiat und jähzornig war er aber nur selten, vielmehr war er verrückt. Seine Vergangenheit im Ghetto konnte er nicht leugnen und verbergen. Seine Mutter war in Jugendjahren die Einzige, welche ein Auge auf ihn geworfen hatte. Ihr früher Tod machte ihm zu schaffen, später starben sein Mentor Cus D’Amato (unter ihm hatte auch Rooney trainiert/die Red.) und Manager Jim Jacobs. Diese Schicksalsschläge waren hart.

Tyson hat sich am Scheidewegzwischen Genie und Wahnsinn bewegt. Wie war es, ihm täglich ausgesetzt zu sein?
Mir gegenüber hat er sich bis zu unserer Trennung fair verhalten, er hat niemals Aggressionen an mir ausgelassen. Mein Wort hatte viel Gewicht; ich konnte ihn beeindrucken, er vertraute mir. Wenn ich ihn zwang, einen steilen Hügel hochzurennen, so hat er es gemacht, ohne zu murren und ohne die ganze Übung zu hinterfragen. Ich denke, Mike hat zwei Seiten; ihn zu verstehen, ist schwierig.

Wenige Wochen, nachdem Tyson im Sommer 1988 im «Duell der Besten» den damals unbezwungenen Michael Spinks k.o. geschlagen hatte, wurden Sie entlassen. Weshalb?
Der Kampf gegen Spinks hatte eine Börse von über 20 Millionen Dollar. Nach dem Sieg war eine Europa-Tour und kurz darauf ein Duell mit Evander Holyfield geplant – es wäre wohl um über 40 Millionen gegangen. Dann hat sich Mike Manager Don King anvertraut, dies war der grösste Fehler seines Lebens. Ich habe mich gegen King gewehrt – wenig später wurde ich gefeuert.

Kurz darauf verlor er den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Es folgten Skandale, Haftstrafen, Geldsorgen und ein zwischenzeitliches Berufsverbot.

Mike hatte die falschen Leute um sich, alle waren nur auf ih-ren eigenen Profit aus. Vor dem Wechsel zu Don King war sein Umfeld halbwegs stabil, danach brach alles zusammen. Der Teamspirit war nicht mehr da. Die Entwicklung nahm ihren traurigen Lauf; insgeheim denke ich aber, dass Mike wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Zehn Jahre nach der Entlassung sollen Sie eine Abfindung von 4,4 Millionen Dollar erhalten haben
und ich habe um viele weitere Millionen gekämpft (lacht). Ich hätte mehr verdient, aber man kann es nicht ändern. Und rechnet man Gerichts- und Anwaltskosten mit ein, bleibt mir vielleicht noch ein Viertel davon. Deswegen weinen mag ich aber nicht. Kevin Rooney hat schliesslich überlebt.

Hatten Sie seither Kontakt mit Tyson?
Nein, nie mehr. In den Wochen nach der Trennung habe ich auf verschiedenste Wege versucht, ihn zu erreichen. Don King isolierte ihn jedoch komplett. Mike war zwar ein Kämpfer und extrem stark – aber auch ein labiles Gemüt.

Heute sind in der Schwergewichtsszene ausgefallene, unkonventionelle Typen rar. Ebenfalls die mangelnde Leistungsdichte wird zuweilen kritisiert.
Typen wie Joe Frazier, Rocky Marciano und Mike Tyson fehlen dem Publikum. Die Szene wird momentan von Wladimir und Witali Klitschko, also von Europa, dominiert und kontrolliert. Die Europäer pflegen einen anderen Stil, sie sind eher passiv. Aber: Wäre Mike bei mir geblieben, hätte er die Klitschkos sicher im Griff gehabt. Diese sind zwar gross und kräftig, kommen aber nicht an seine Schlagkraft heran.

Die amerikanischen Boxer stehen derzeit ohne Schwergewichtstitel da. Weshalb?
Es gibt einige gute Boxer in unteren Gewichtsklassen, im Schwergewicht hinkt die USA jedoch hinterher. Mir kommt keiner in den Sinn, der bald etwas bewegen könnte. Es sind zu viele gierige Manager und Betreuer im Spiel, die ihr eigenes und nicht das Wohl des Boxers in den Vordergrund stellen. Und Auftritte wie jener Kevin Johnsons (er kämpfte vergangenen Dezember in Bern gegen Witali Klitschko/die Red.) sind schlecht fürs Image.

Am Samstag werden Sie in Bern in der Ecke Nasi Hanis stehen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. Worauf gründet Ihr Ansporn, ihn zu trainieren?
Ich glaube an sein Potenzial. Es gibt viele gute Boxer, die meisten können sich an einem gewissen Punkt aber nicht mehr steigern. Nasi Hani traue ich zu, etwas Aussergewöhnliches zu erreichen. Ich will ihm den Tyson-Stil beibringen, er soll hart schlagen und aggressiv verteidigen. Meine Philosophie lautet: Hilf jemandem, solange er ehrlich und vertrauenswürdig ist. Dies ist bei ihm der Fall.

Sind Parallelen zu Mike Tyson erkennbar?
Mike war ein unglaublich harter Hund, einer, der enorm viel an sich gearbeitet hat. Diesen Ehrgeiz entdecke ich in Nasi Hani wieder. Noch haben seine Schläge nicht diese brachiale Wucht, welche Mike erzeugen konnte. Er ist aber auf gutem Weg.

Erstellt: 27.05.2010, 17:22 Uhr

Trainer von Berner «Boxing King» Hani

Der heute 54-jährige Kevin Rooney gewann 1975 die New York Golden Gloves Championships, eines der weltweit bedeutendsten Amateurturniere. Der Amerikaner mit irischen Wurzeln bestritt 26 Profikämpfe (21 Siege, 4 Niederlagen, 1 Unentschieden); verdiente sich seine Meriten aber vielmehr als Trainer. Während dreier Jahre förderte und forderte er Mike Tyson, sein Engagement begann unmittelbar, nachdem dieser zu den Profis gewechselt war (1985).

Unter den Fittichen Rooneys blieb «Iron Mike» ungeschlagen, er wurde jüngster Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte und hatte die Titel der Verbände WBA, WBC und IBF inne. Nachdem Tyson mit Promoter Don King anbändelte, wurde Rooney entlassen. Auf Tysons Karriere hatte dies negative Auswirkungen. Technisch entwickelte er sich nicht mehr weiter, bald war er erstmals unterlegen (gegen James «Buster» Douglas). Auch ausserhalb des Rings teilte das Enfant terrible mehrmals Schläge aus – musste jedoch auch viel einstecken.

In der Folge betreute Rooney verschiedene Profiboxer, darunter den ehemaligen Mittelgewichts-Weltmeister Vinny Pazienza (USA). Heute ist er Besitzer eines Fitnesscenters und trainiert unter anderen den mazedonischen Cruisergewichtsboxer Nasi Hani, der den Berner Boxing Kings angehört und vom Berner Daniel Hartmann gemanagt wird. Seit Mitte Februar trainiert Hani, 28, oft in New York. Bisher hat er vier Kämpfe in der Schweiz bestritten und alle gewonnen. Am Samstag kämpft er im Vorprogramm der «Boxing Night» im Kursaal gegen den Ungarn Bodi Zsolt.

Im Hauptkampf verteidigt der ungeschlagene Berner Yves Studer (24 Siege) seinen Europameistertitel der Nicht-EU-Staaten. Der 27-Jährige duelliert sich mit dem Georgier Schalwa Jomardaschwili (27 Siege, 2 Niederlagen). Das Meeting beginnt um 19 Uhr.

Blogs

Sweet Home Einmal flachlegen, bitte

Mamablog «Spiel mir das Lied vom Trotz»

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...