Kein Köbi, kein Hitzfeld – jetzt muss sich Petkovic beweisen

Was, wenn etwas schiefläuft? «Dann ist der Trainer schuld», sagt Vladimir Petkovic. Warum die Schweiz gegen Lettland gewinnen muss.

Für Vladimir Petkovic muss in Genf gegen Lettland das 10. Spiel ohne Niederlage folgen.<br />Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Für Vladimir Petkovic muss in Genf gegen Lettland das 10. Spiel ohne Niederlage folgen.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Er war weder ein Mann des Volkes noch ein Welttrainer, kein Köbi Kuhn oder Ottmar Hitzfeld. Er war der Trainer, der nach Anerkennung suchte, er war der Vladimir Petkovic, der sagte: «Ich habe schon immer mehr leisten müssen als andere.»

Er wurde als «cooler Skeptiker» oder als «der Stolze» bezeichnet, einmal gar als «George Clooney des Fussballs», was eine Erfindung von Bernard Challandes’ Frau war. Er war im Fussball der Gastarbeiter, der Sarajevo für die Schweiz verliess, als die Stadt noch lebenslustig war und nicht von Serben bombardiert wurde; und später jahrelang im Berufsleben der Sozialarbeiter, der Menschen beizubringen versuchte, den Mut selbst nach vielen Enttäuschungen nicht zu verlieren.

Er fühlte sich einst missverstanden

Er ging seinen Weg durch die Randkantone der Schweiz, bis er 2008 bei den Young Boys erstmals Profitrainer wurde. Dieser Weg habe ihm geholfen, das Leben besser zu verstehen, sagt er. Er sieht sich vom Stern­zeichen her als typischer Löwe: stark, voller Durchsetzungsvermögen. Das half ihm, den Widerständen zu trotzen, denen er als Nationalcoach während gut eineinhalb Jahren ausgesetzt war.

Er fühlte sich zwischendurch missverstanden, was auch an ihm lag, weil er in Rätseln reden konnte. Er war der Misstrauische, der sich schwertat, den anderen seinen Weg begreiflich zu machen. Er war der Kritisierte, weil auf Deutsch nicht jeder Satz sass und die Mannschaft spielerisch unter ihm nicht gross weiterkam.

Eine Mannschaft mit Gesicht geformt

Er qualifizierte sich mit der Schweiz zwar für die EM 2016, aber er war deshalb weder geliebt noch gefeiert. Er konnte nur lesen: Pflicht erfüllt, mehr nicht. Das verwirrte ihn.

Er fuhr als Trainer auf dem Prüfstand an die EM. Dann ist er zurück­gekehrt aus Frankreich als Trainer mit neuer Anerkennung. Den letzten Sommer hat er genutzt, um sich zu öffnen und aus einer Mannschaft ohne Ausstrahlung eine Mannschaft mit erkennbarem Gesicht zu formen. Kein Spiel hat den Wandel besser gezeigt als das 2:0 gegen Europameister Portugal, neun Wochen nach dem EM-Ende und zum Start in die Qualifikation zur WM 2018. Es ist der Abend gewesen, an dem er in der Schweiz als National­trainer so richtig angekommen ist.

Mit Vaseline und guter Laune

Der neue Petkovic hat sich irgendwann mit Vaseline eingestrichen, um die Kritik an sich abtropfen zu lassen. Zumindest ist das sein eigenes Bild, um seinen veränderten Umgang mit der Öffentlichkeit zu erklären. Seine Mannschaft überzeugt im Herbst nicht nur. Das 3:2 in Ungarn ist erlitten, das 2:1 in Andorra vom Glück begleitet, weil in der 93. Minute fast noch der Ausgleich fällt, das 2:0 gegen die Färöer ist eine Pflichterfüllung. Petkovic weiss das.

Er sieht zwar Gegner fallen wie Kegel, so wie er das zu Beginn der Kampagne seinen Spielern als Bild vorgegeben hat. Aber dass sie nicht nur schön fallen, das spielt jetzt keine Rolle: Petkovic geniesst mehr Kredit, und er spürt das auch.

«Pensionär, der aus den Ferien kommt»

Er kann sich Selbstkritik leisten wie in Andorra, als er eine Teilschuld für den stil- und blutarmen Auftritt auf sich nimmt. Er fragt sich da selbst, ob er der Mannschaft die «richtigen Inputs» gegeben habe. Früher hätte er das nie gemacht, zu wenig sicher bewegte er sich.

Er wagt kleine Scherze und bezeichnet sich nach der langen Winterpause als «Pensionär, der aus den Ferien kommt». Die Resultate haben ihn befreit, neun Spiele ohne Niederlage sind, abgesehen vom Elfmeterschiessen gegen Polen, inzwischen zusammengekommen. Gegen Lettland soll heute Samstag in Genf das zehnte folgen. Soll? Muss. Alles andere ist unverzeihlich. Auch für den Coach.

Zähe Aufgabe Lettland

Er sagt auf die Frage, ob es denn kein Risiko sei, einen Xherdan Shaqiri ohne jegliche Spielpraxis einzusetzen: «Dann ist der Trainer schuld.» Er lacht, er will den Satz als Ausdruck seiner guten Laune verstanden haben, aber der alte Petkovic hätte sich nie so weit vorgewagt. Er hätte nur Angst gehabt, falsch verstanden zu werden.

Er hat ein Plakat gebastelt, das einen zähnefletschenden Bären und umfallende Kegel zeigt – ein Plakat als Mischung aus seinem Bild vom Herbst und seinem neuen vom Bären, der nach einem langen Winterschlaf wieder hungrig ist. So ganz harmonisch sieht das nicht aus. Es passt vielleicht besser zur Aufgabe heute in Genf: Sie wird gegen Lettland vermutlich zäh werden.

Im Schweizerpsalm heisst es: «In Gewitternacht und Grauen / Lasst uns kindlich ihm vertrauen.» Das Grauen rund um das Team ist verzogen. Das Vertrauen aber muss auch der neue Petkovic immer wieder bestätigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2017, 16:08 Uhr

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