Kultur gegen die «Spiel-ab-Mentalität»

Spanische Spitzenclubs sind allen anderen europäischen Vereinen überlegen. Die Gründe.

Ein Bild vom Frühling zeigt die spanische Dominanz: Real Madrid und Atlético Madrid stehen im Final der Champions League.

Ein Bild vom Frühling zeigt die spanische Dominanz: Real Madrid und Atlético Madrid stehen im Final der Champions League. Bild: Reuters

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Die Spanier sind besser. Ihre Resultate zeigen, ihre Spielstile offenbaren es. Barcelona, Real, Sevilla betreten Europas Fussballbühnen und gewinnen mehr als alle anderen. In einer Regelmässigkeit, die erstaunt: In den vergangenen drei Jahren haben sie sämtliche Titel der Champions und der Europa League geholt, zweimal standen sie gar gemeinsam im Final. Für die anderen, für England, Deutschland, Frankreich, Italien, bleiben Trostplätze. Weshalb eigentlich?

Da ist einmal das Geld. Elf gute Spieler ergeben noch keine gute Mannschaft – eine Binsenwahrheit. «Die Engländer haben zuletzt viel Know-how eingekauft», sagt GC-Trainer Pierluigi Tami. Ausländische Trainer und Spieler, Ernährungsberater und Fitnesscoaches. Das könne helfen, Rückstände aufzuholen, sagt Tami: «Doch überholen? Ich weiss nicht.» Millionen fliessen jedes Jahr von England in Form von Spielerwerten und -löhnen durch den Weltfussball. Es resultiert für Chelsea, Manchester City oder United vielleicht ein Meistertitel, ein Cupsieg – aber internationale Glorie? Seit längerem Fehlanzeige.

Es wäre verfehlt, daraus zu folgern, es mangle an Talent auf der Insel, auf dem Stiefel oder in Deutschland. Transfers bringen ansprechendes Spielermaterial in die Ligen, zudem haben alle grossen Clubs Scouts, die dafür sorgen, dass die Jugendakademien jedes Jahr mit zig Talenten aus dem In- und Ausland versorgt werden. Zahlen belegen dies: Der Anteil der im eigenen Verein ausgebildeten Spieler schwankt sowohl in Deutschland als auch in England oder Spanien bei den Spitzenclubs um rund 50 Prozent. Irgendwas müssen da die Spanier besser machen.

Kultur gewinnt gegen Geld

Vielleicht hilft der Erklärungsansatz des Argentiniers Jorge Valdano, der in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» jüngst den Ratschlag gab, wie Vereine gegen die Übermacht des Geldes aus England ankommen können. «Mit Kultur.»

Diese Kultur wird in Spanien schon früh mitgegeben. Urs Siegenthaler ist Chefscout der deutschen Nationalmannschaft (wie auch YB-Verwaltungsrat) und hat in seinen Besuchen bei spanischen Clubs gesehen, dass diese bis in die U-15 meist ohne Fokus auf Resultate trainieren lassen: «Hat eine Mannschaft 3:7 verloren, heisst es nicht: ‹Weshalb haben wir sieben Tore bekommen?›, sondern: ‹Toll, hat es zehn Treffer gegeben.›»

So werden in Spanien Technik und Taktik über das Spiel mitgegeben; Drillund Passübungen kommen kaum zur Anwendung. In anderen Worten: Es werden Strassenfussballer gezüchtet, die flink und agil sind, die Dolendeckel und Strassenlaternen ausweichen können, auf dem Feld Gegner und Bewachung.

Das Dribbling kommt zu kurz

Und andernorts? Siegenthaler macht in Resteuropa eine «Spiel-ab-Mentalität» aus. Einerseits sei dies löblich, andererseits gehe es im Fussball noch immer ums Toreschiessen. Probieren, hängen bleiben, scheitern – das soll erlaubt sein, ja gefördert werden.

Es überrascht wenig, dass Siegenthalers oberster Chef, Joachim Löw, an der EM sagte: «Wir haben zu wenige Spieler, die sich im Eins-gegen-eins durchsetzen können.» Taktikdrill und Tugenden wie «laufen, laufen, laufen» haben offenbar den Spielwitz vom Feld gejagt.

Als beim Telefongespräch mit Pierluigi Tami die Spielfreude zum Thema wird, tönt es laut aus dem Hörer: «Freude ist genau mein Wort.» Fussball müsse Spass machen, die Spieler sollten kreativ sein, aber auch gerne arbeiten. Er hat als ehemaliger U- 21-Nationaltrainer gegen europäische Spitzennationen gespielt und Eigenschaften ausgemacht, die auch auf den Clubfussball übertragbar sind. England? Athletisch und physisch geprägt. Deutschland? Organisiert und schnell. Die Skandinavier? Überaus taktikorientiert. Und Spanien? Tami sagt dazu nur: «Hier sind die Verteidiger technisch genauso gut wie die Stürmer.»

Mentalität entscheidet

Tami ist gespannt, ob in England Leute mit grossen Ideen wie Conte oder Guardiola etwas bewegen können. Er ist sich unsicher, will nicht so recht daran glauben: «Am Schluss entscheidet die Mentalität, und die kann man nicht innert weniger Jahre heranzüchten.»

Diese Mentalität gilt es auszubilden. Am besten über den eigenen Nachwuchs. In England haben sie Akademien und beste Trainingsmöglichkeiten. Doch gerade der Übergang in den Profibereich ist verstopft. Verstopft durch eingekaufte Spieler, deren Transferpreise die Trainer durch Spiele rechtfertigen müssen. Zudem spielen in England die zweiten Mannschaften in einer eigenen Liga – ohne erwachsene Profis. So wird der Schritt vom Junior zum Senior plötzlich gross, meist zu gross.

Die harsche Kritik von Scholes

Kommt dazu, dass spanische Clubs seit Jahren mit dem Juego de Posición eine Art DNA ausbilden. Dabei wird das Feld in Zonen unterteilt. Je nachdem, in welcher Zone sich der Spieler befindet, muss er andere Aufgaben erfüllen. Niemals dürfen mehr als drei Spieler auf einer horizontalen Linie stehen, nie mehr als zwei in einer vertikalen. Das ist komplex, hat aber eine grosse Flexibilität und viele Anspielstationen auf dem Platz zur Folge.

In England kam solche Innovation lange zu kurz. Der ehemalige englische Nationalspieler Paul Scholes kritisiert in seinem jüngst erschienenen Buch den englischen Fussball so: «Es geht heute nur noch um Geld und Sponsoren, weniger um Fussball oder Unterhaltung.» Er kennt auch Gründe, weshalb die Premier League seit längerem stagniert: Die Trainer stehen wegen des vielen Geldes unter enormem Druck, sie haben stets Angst, ihren Job zu verlieren. Deshalb riskieren sie in der Spielphilosophie kaum etwas – sie wollen nicht verlieren. Scholes hat dazu eine klare Meinung: «Das ist Blödsinn. Das verdirbt den Fussball.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2016, 13:20 Uhr

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