Ludovic Magnin: «Ich kann angriffig werden»

Der FCZ-Trainer ist ein Freund der direkten Kommunikation – und würde als Chefredaktor gern einmal zeigen, dass sich eine Zeitung auch mit positiven Inhalten füllen lässt.

«Ich bin erst 40 und habe noch Power ohne Ende»: Ludovic Magnin in der Saalsporthalle.

«Ich bin erst 40 und habe noch Power ohne Ende»: Ludovic Magnin in der Saalsporthalle. Bild: Urs Jaudas

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Was macht Ihren Job besonders anspruchsvoll?
Ein Trainer hat nie Sicherheit, er weiss nie, ob sich die Arbeit unter der Woche am Spieltag auszahlt. Das macht den Job anspruchsvoll, spannend – und manchmal nervenaufreibend. Und da ist auch der Einfluss der sozialen Medien.

Wie meinen Sie das?
Jeder kann deine Arbeit kommentieren. Aber das betrifft nicht nur den Fussball. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, hast du sofort ein Video auf deinem Handy. Ich habe das Gefühl, dass du von deinem Wohnzimmer aus ein Teil von Barcelona oder Real Madrid sein kannst. Man erfährt viel und ist sehr nahe dran. Und das macht auch die Arbeit für den Trainer komplizierter.

Was heisst das genau?
Es geht alles viel schneller – schneller top, schneller flop. Nehmen wir Lucien Favre. Vor einem Jahr sagte man, er sei ein guter Trainer, heute wird er als schlechter dargestellt. Die Digitalisierung verändert das Leben, ich sehe das bei meinen Kindern. Wollte ich früher ein Mädchen ausführen, musste ich am Haus der Familie klingeln. Wenn ich Pech hatte, öffnete der Vater die Tür. Ich durfte kein Feigling sein, sondern musste ihm sagen, was ich vorhatte. Heute schreibt man einfach ein Whatsapp. Oder auf irgendwelchen Kanälen Kommentare, ohne mit dem Namen dazu zu stehen. Diese Art von Kommunikation tötet Werte wie Respekt und Anstand.

Sie bevorzugen das Gespräch?
Zu 100 Prozent! Wenn du etwas schreibst, verwendest du eher Wörter, die du nicht sagen würdest, weil der Mut fehlt. Und auf dem schriftlichen Weg siehst du auch die Reaktion des Gegenübers nicht. Das hat etwas Feiges. Viele Leute geben anonym ihren Senf dazu. Selbst wenn ich es nicht lese: Ich bekomme mit, was die Leute schreiben.

Was denken die Leute über Sie?
Das hängt immer vom Erfolg ab – und das stört mich. Es ist so kurzlebig.

«Wichtig ist, dass ich die Spieler überzeugen kann, dass sie überzeugt sind von mir.»Ludovic Magnin

Sieg heisst: guter Trainer. Niederlage heisst: schlechter Trainer.
So ist es. Von einem Extrem ins andere. Gewinnen wir fünfmal hintereinander, ist alles super. Am Anfang der Saison war das Gegenteil der Fall, alles schlecht, alles negativ, überall, im Umfeld, in der Presse, ständige Kritik.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mehr leisten müssen, um als guter Trainer akzeptiert zuwerden?
Nein. Ich polarisiere aber vielleicht mehr als andere. Ich verstehe auch, dass ich damit nicht überall ankomme. Wichtig ist, dass ich die Spieler überzeugen kann, dass sie überzeugt sind von mir.

Wann wurden Sie zuletzt völlig zu Recht kritisiert?
Nach der Roten Karte gegen Basel. Das Präsidentenpaar Canepa machte mir klar, dass diese Aktion unnötig war. Aber das wusste ich auch. Das ist dasselbe wie bei den Spielern: Nach einem 0:5 gegen Servette wissen sie, dass sie schlecht waren.

Wie stark schmerzt Kritik?
Ich habe den Vorteil, dass ich in meiner Karriere als Spieler oft Kritik einstecken musste. Niemand war überzeugt von mir als Spieler. Es geht aber immer um die Art und Weise der Kritik. Sie muss dich weiterbringen. Manche bringt dich zum Nachdenken, manche will dich demolieren. Ich habe heute Mühe mit der Berichterstattung, nicht nur im Sport, sondern generell. Lese ich eine Zeitung, sind 90 Prozent der Inhalte negativ, und das Positive ist sehr klein abgehandelt. Unsere Gesellschaft mag das Negative. Man könnte das umdrehen und über die schönen Ereignisse auf der Welt schreiben.

Sie müssten einmal für einen Tag Chefredaktor werden.
Gern! Dann schreiben wir über das Gute. Beim FCZ. In Zürich. In der Schweiz. Auf der ganzen Welt.

Musste schon als Spieler oft Kritik einstecken: Ludovic Magnin. (Bild: Valentin Flauraud/Keystone)

Sie können aber nicht behaupten, selbst immer positiv zu sein. Man hat bei Ihnen oft das Gefühl, dass Sie hinter Fragen Fallen vermuten. Sie können gar das Gegenüber angreifen.
Da gebe ich Ihnen recht. Aber das hat wohl eine Geschichte. Wenn ich fünf Minuten über positive und fünf Minuten über negative Sachen spreche, landet zu 90 Prozent das Negative in der Zeitung. Das Jahr 2018 war mit Cupsieg und Europa League gut, aber medial wurde das nicht so gewürdigt. Dann folgte 2019: schwierige Rückrunde, schwieriger Saisonstart, ein ziemlich negatives Jahr. Wenn du ständig Schlechtes über deine Person hörst und liest, hast du die Tendenz, dich zu schützen. Ich mache das nicht mit 08/15-Sätzen, sondern auf die Magnin-Art: Ich kann angriffig werden.

Funktioniert das?
Keine Ahnung. Für mich stimmts.

Warum sind Sie nicht gelassener?
Wieso sollte ich gelassener sein, wenn die Situation es nicht erlaubt? Wenn wir zum Beispiel nach zehn Spielen wenige Punkte haben, brennt es. Dann bin ich angespannt. Und wenn ich ständig gefragt werde, warum wir nicht besser spielen, nervt das. Irgendwann hast du keine Antwort mehr. Aber der Trainer muss immer eine haben. Immer! Warum wir gegen Servette 0:5 verloren haben? Weil wir keine Maschinen sind, weil tausend Details einen Einfluss haben. Du kannst nicht alles unter Kontrolle haben, weil wir mit Menschen arbeiten. Doch die genaue Antwort hast du nicht. Also lancierst du auch einmal einen Gegen­angriff und lenkst ab.

Sie könnten auch sagen: Ich habe keine Antwort.
Und dann? Legen dir die Medien das als Schwäche aus, halten dir Ratlosigkeit vor und sagen, dass du nicht mehr alles unter Kontrolle hast. Wenn ich aber behaupte, ich hätte alles unter Kontrolle, gelte ich als überheblich. Egal, was ich sage, es wird interpretiert – meist negativ.

Was macht das mit Ihnen?
Mich hat es abgehärtet. Aber nicht meine Familie. Die Kritik verletzt meine Kinder und meine Frau. Als Trainer nimmt man Kritik in Kauf, das gehört dazu. Wenn aber die Kinder in der Schule negative Dinge hören, dann trifft dich die Kritik auf Umwegen. Das schmerzt am meisten.

«Ein Essen mit Freunden, ein Gespräch mit der Frau – ich konnte nicht mehr richtig zuhören.»Ludovic Magnin

Ermüdet Sie der Beruf?
Am Anfang der Hinrunde war ich richtig angespannt. Ich schlief manchmal zu Hause schon um 21 Uhr einfach auf dem Sofa ein, die Tage saugten mir die Energie aus dem Körper. Aber ich bin erst 40 und habe noch Power ohne Ende. Nur: Wie wird es in 20 Jahren sein?

Waren Sie Burn-out-gefährdet?
Nein. Aber ich glaubte, dass ich besser abschalten kann. Dass ich mich geirrt habe, merkte ich besonders zu Beginn dieser Saison. Ein Essen mit Freunden, ein Gespräch mit der Frau – ich konnte nicht mehr richtig zuhören. Gedanklich war ich woanders, beim nächsten Spiel, bei der Taktik. Jetzt, da es uns wieder besser läuft, kann ich abschalten.

Dachten Sie in dieser Vorrunde einmal, dass es vorbei ist als FCZ-Trainer?
Nein!

Es soll knapp gewesen sein.
Laut meinen Informationen nicht.

Sie haben also nicht vorsorglich damit begonnen, Ihr Büro zu räumen.
Ganz sicher nicht! Mit einer Entlassung beschäftigte ich mich nie. Obwohl ich mir nichts vormache: Auch ich bin entlassbar.

Würden Sie ein Angebot aus Deutschland annehmen?
Aktuell würde ich ablehnen.

Magnin ist glücklich auf der Trainerbank des FCZ. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Weil Sie noch nicht gut genug sind?
Es gibt verschiedene Gründe. Erstens bin ich glücklich beim FCZ. Also muss ich überlegen, ob ich anderswo glücklicher sein kann. Zweitens: Ich bin den Canepas dankbar. Mein Vertrag läuft Ende Saison aus. Aber ich bin überhaupt nicht nervös, das regeln wir schon.

Könnten Sie es verstehen, wenn der FCZ nicht verlängert?
Nein.

Wieso?
Weil ich seit zwei Jahren eine Entwicklung sehe.

In welchen drei Punkten besonders?
Wir haben unseren Stil total geändert. Unser Spiel ist modern: Pressing, Gegenpressing, schnell, vertikal, nicht viel diskutieren. Zweitens: Wir ziehen es durch mit jungen Spielern. Drittens: Wir sind noch überall dabei.

Im Cup sind Sie ausgeschieden.
Okay. Dafür haben wir noch die Chance, uns für die Europa League zu qualifizieren.

Zum Schluss: Welchen Titel würden Sie als Chefredaktor über dieses Interview setzen?
Das ist ganz neu, ich darf den Titel bestimmen. Ein Titel lässt Interpretationsspielraum. Wenn er aus dem Kontext gerissen ist, ärgere ich mich. Ein Titel… Ich habe viel geredet. Mist! Ich habe Besseres zu tun als darüber nachzudenken. (lacht laut)


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

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Erstellt: 13.12.2019, 19:00 Uhr

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