Mein Freund, der Präsident

Bernard Thurnheer über die Gefahren, die beim FC St. Gallen auf Matthias Hüppi lauern.

Bernard Thurnheer, 68, moderierte und kommentierte von 1973 bis 2013 fürs Schweizer Fernsehen, noch ein paar Jahre mehr als Matthias Hüppi. Bild: Bruno Voser

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Es wird etwa ums Jahr 1980 gewesen sein, als beim Sport im Radiostudio Zürich an der Brunnenhofstrasse ein noch jüngerer Kollege aufkreuzte, ein Ostschweizer, der nicht nur mit seinem ausgeprägten Dialekt Vollgas gab. Man kann sagen, dass er zunächst den falschen Zeitpunkt und den falschen Ort erwischte. Eben war nämlich ein neuer «Chef Sprechdienst» installiert worden, und der musste sich natürlich erst einmal – wie es die neuen Chefs so an sich haben – profilieren. Matthias Hüppi, so hiess der junge Sportreporter in spe, liess er deshalb nicht nur bei ­allen Tests durchfallen, er schätzte ihn auch so ein, dass eine Ausbildung zur Behebung der Mängel bei ihm völlig hoffnungslos sei.

Matthias lässt sich nicht verbiegen

Doch wie heisst ein englisches Sprichwort? «You can’t keep a good man down», einen guten Mann kannst du nicht unten halten. Matthias machte bald einmal den Seitenschritt vom Radio zum Fernsehen und wurde dort nach und nach in den prestigereichsten Positionen eingesetzt, als Kommentator von Skirennen und Fussballspielen und als Moderator des «Sportpanoramas». Kaum einer ausser uns erinnert sich noch daran, dass wir uns bei den Spielen der «Nati» abwechselten und er zum Beispiel beim entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Estland oder dann an der WM 1994 bei Schweiz–Kolumbien hinter dem Mikrofon sass. Auch nur wir wissen noch, dass er nach meiner Heirat meine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Oerlikon übernahm, ganz nahe beim Radiostudio.

Das Ski-Kommentatoren-Duo Hüppi/Russi schrieb Fernsehgeschichte. Einen Preis bekamen die beiden trotzdem nie. Wieso eigentlich?

Matthias lässt sich nicht verbiegen. Er will durch saubere Arbeit auffallen und nicht durch irgendwelche Storys in den Boulevardblättern. Er bezahlte dafür seinen Preis, weil er auch die Gratwanderung zwischen Privatleben und Boulevard – die sonst übliche Taktik der Fernsehleute – nicht antrat. So kam es, dass sich 2008 ein Shitstorm (wie man heute sagen würde) über ihn ergoss, weil er es gewagt hatte, einem Experten auch nur die Frage zu stellen, ob der Fussball-Nationalcoach angesichts seiner schwer erkrankten Frau noch in der Lage sei, sein Team mit voller Motivation zu führen. Eine Majestätsbeleidigung! «Verräter» Hüppi musste wochenlang unten durch. Dass ihm die EM 2008 recht gab, interessierte dann natürlich niemanden mehr.

Hüppi bringt viel Fachwissen mit

Damit sind bereits Fachkompetenz und Beharrlichkeit angesprochen, die Matthias in seinem neuen Amt als FC-St.-Gallen-Präsident ­zugute kommen werden. An Fleiss, Einsatz und Hingabe wird es ihm ­sowieso nicht mangeln. Sein Fussballerherz schlug auch während seiner 35-jährigen Zeit beim Fernsehen grün-weiss, wobei er beim Kommentieren immer neutral blieb. Den ­Dialekt allein wird ja wohl kein vernünftiger Mensch bereits als Parteilichkeit auslegen. Den behielt er auch in den Jahrzehnten bei, in denen er nun schon im Kanton Aargau wohnt. Soweit ich das beurteilen kann, ­machte er bei einem einzigen Wort einen Kompromiss. HCD und SCB spielten auch bei ihm bald einmal nicht mehr «Iisoggai», sondern «Iishockei». Hüppi war eine Zeit lang auch Chef des «Sportpanoramas», verfügt also auch über Führungs­erfahrung.

Natürlich lauern auf meinen Freund, den Präsidenten, nun auch einige Gefahren. Zunächst einmal: Wie häufe ich als Präsident eines Fussballvereins ein kleines Vermögen an? Indem ich mit einem grossen Vermögen beginne! Hüppi bringt viel Fachwissen, aber kein Geld mit, denn Multimillionär kann man bei der SRG selbst als absoluter Superstar nicht werden (wirklich nicht, liebe Billag-Gegner). Bei Misserfolgen und Differenzen wird deshalb immer die Gefahr bestehen, dass die Geldgeber dreinzureden beginnen. Bei einem allfälligen Knatsch werden wohl einige Spieler den besseren Draht zur Boulevardpresse haben als er, obwohl ich vermute, dass nun auch er von Abschottung auf Gratwanderung umschalten wird. Also Matthias: Wann dürfen wir dich als Studiogast im «Sportpanorama» empfangen? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 19:12 Uhr

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