Seydou Doumbia

«Mein Traum bleibt Chelsea»

Der ehemalige YB-Topskorer Seydou Doumbia spricht bei seinem Besuch in Bern über den Fussball und das Leben in Russland, seine Verletzung und die zur Zeit unmögliche Rückkehr in die Heimat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vergangene Woche weilte Seydou Doumbia erstmals seit seinem Wechsel zum ZSKA Moskau wieder in Bern. Hauptgrund waren nicht etwa die alten Freunde bei den Young Boys, sondern der Führerschein, der erneuert werden musste. Am Sonntag nutzte er aber die Gelegenheit, seine ehemaligen Teamkollegen im Spiel gegen St. Gallen zu beobachten, nachdem er bereits am Freitag das Training besucht hatte. Die Fans feierten den derzeit verletzten Doumbia bei seiner offiziellen Verabschiedung sieben Monate nach seiner letzten Partie im Stade de Suisse. Gestern reiste der 22-Jährige wieder nach Moskau zurück.

Seydou Doumbia, Sie sind auf Besuch in Bern. Mit welchen Gefühlen?

Ich komme immer gerne in diese schöne Stadt zurück. In Bern hat meine Karriere als Fussballer erst richtig begonnen, hier habe ich viele Tore erzielt.

YB ist nur Fünfter und hat auch gegen St. Gallen enttäuscht. Worauf führen Sie dies zurück?

Die Mannschaft hatte doch einige Wechsel zu verzeichnen. Die neuen Spieler sind noch nicht optimal integriert, aber ich bin überzeugt, dass YB in der Rückrunde besser wird und eine gute Meisterschaft spielt. Ich werde YB weiter über das Internet verfolgen. Ich habe auch Kontakt zu einigen Spielern. Mit François Affolter, Xavier Hochstrasser und Thierry Doubai tausche ich mich über Skype oder Facebook aus. Aber auf Facebook bin ich nun nicht mehr. Ich musste das stoppen, mit all den Leuten, die sich bei mir meldeten. Das wurde zu viel.

Sie mussten den Führerausweis erneuern. Fahren Sie denn in Moskau selber Auto? Man hört, dort herrsche immer Verkehrschaos.

Oh, ja, das stimmt. Ich habe einen privaten Chauffeur, der mich ins Training fährt. Von meiner Wohnung zum Trainingscamp des ZSKA ist es eine Autostunde. Aber wenn ich frei habe, setzte ich mich manchmal selber ans Steuer.

Moskau ist eine riesige Stadt. Haben Sie sich noch nie einsam gefühlt?

Am Anfang ein bisschen. Ich kommuniziere viel mit meinen Freunden in der Schweiz und in der Elfenbeinküste und natürlich auch mit meinen Eltern. Nach dem Training bin ich oft zu Hause. Ich gehe nur aus, wenn ich Lust habe, zu spazieren oder zu shoppen.

Wie wohnen Sie – in einem riesigen Hochhaus?

Im 12. Stock. Das Haus ist ziemlich hoch, ich weiss aber nicht genau, wie viele Etagen es hat. Mit dem Auto bin ich in zehn Minuten am Roten Platz, ich wohne also zentral, in einem bewachten Wohnviertel. Die Polizei kontrolliert, wer reinkommt und rausgeht. Mittlerweile kennen mich die Leute am Empfang.

Sieht man in Moskau viele Schwarze?

Nein. In den fünf Monaten, die ich dort lebe, habe ich sehr wenige Afrikaner gesehen. Offenbar hat es an der Universität viele afrikanische Studierende, aber ich war noch nie dort.

Gab es auf der Strasse Reaktionen auf Ihre Hautfarbe?

Nein. Ich bin aber auch wirklich nicht viel draussen. Auf dem Feld erlebe ich das allerdings schon. Da gibt es rassistische Provokationen. Samuel Eto’o hat diese Probleme in Italien. Es gibt sie auch in Spanien, überall.

Auch in der Schweiz?

In der Schweiz hatte ich nie Probleme, das muss ich festhalten.

Wo wird härter trainiert, unter Vladimir Petkovic oder dem ZSKA-Trainer? Wie heisst er?

(lacht) Seinen Namen kenne ich nicht, ich kann ihn nicht aussprechen (Leonid Slutski, die Red). Beim ZSKA trainieren wir einmal pro Tag anderthalb Stunden. Es geht viel um Taktik, Technik. In physischer Hinsicht sind die Trainings nicht besonders hart.

Nur anderthalb Stunden pro Tag? Da sind sie sich sicher anderes gewohnt.

Sagen wir es so: Jeder Trainer hat seine Art. Entscheidend sind die Spiele. Und beim ZSKA muss man immer gewinnen. Bei Sieg ist alles gut – sonst nicht.

Und wie ist die Infrastruktur?

Es ist ein Trainingscampus mit Hotel. Jeder Spieler hat sein Zimmer. Vor den Spielen übernachten wir dort. Es gibt alles: TV, Internet, Restaurant. Nein, da kann ich mich nicht beklagen.

Trainiert der ZSKA Moskau auf Kunst- oder Naturrasen?

Wir trainieren auf Naturrasen. Wir spielen zwei, drei Mal auf Kunstrasen, bei den Derbies gegen Dynamo, Lokomotive oder Spartak Moskau oder wenn Zenit St. Petersburg kommt, finden die Spiele im Luschniki-Stadion mit 80 000 Plätzen statt. Sonst spielen wir in einem viel kleineren Stadion, der Khimki-Arena mit 18 000 Plätzen und Naturrasen.

Und die Fans des ZSKA, wie empfinden Sie die?

Sehr, sehr gut. Ich werde auch auf der Strasse erkannt, rede mit den Leuten. Es ist ziemlich locker.

Wie geht es denn mit der Verständigung – können Sie schon Russisch?

Ich habe immer einen Übersetzer dabei, auch wenn ich einkaufen gehe. Aber jetzt, da ich in Moskau spiele, erwartet man auch von mir, dass ich die russische Sprache erlerne. Doch sie ist sehr schwierig.

Wie sind die Reisen an die Auswärtsspiele, zum Beispiel in den Ural?

Bisher habe ich nur Flugreisen von höchstens 3 bis 4 Stunden erlebt. Die Mannschaft aus dem Ural ist zudem abgestiegen. Ich hoffe, sie steigt nicht so bald wieder auf. Die Flugreisen sind aber angenehm, der ZSKA hat ein Privatflugzeug.

Sie haben also ihren festen Platz, wie einst im YB-Bus?

Ja genau – wir fliegen sehr komfortabel.

Wie ist die Atmosphäre bei den Auswärtsspielen?

Nun, wir müssen uns bei jedem Auswärtsspiel auf einen unfreundlichen Empfang einstellen. Und in Russland wird allgemein härter gespielt als in der Schweiz – die Zweikämpfe sind aggressiver.

Wie beurteilen sie die russische Liga im Vergleich zur Super League?

Es ist ein bisschen schwieriger in Russland. Es gibt acht Teams, die ziemlich gut sind, Zenit ist zudem sehr gut.

Sie sind nun bereits zum zweiten Mal verletzt, seit sie für den ZSKA spielen. Ist das die gleiche Verletzung, die sie schon bei YB plagte?

Ja. Nach Meisterschaftsschluss in Bern ging es direkt zur Nationalmannschaft und an die WM. Danach hatte ich nur etwa eine Woche Ferien, bevor ich nach Moskau reiste. Ich hatte also nicht viel Zeit, um mich zu erholen. Ich war nach den Matches immer ein bisschen angeschlagen. Mal war es der rechte, mal der linke hintere Oberschenkel, der mich zwickte. Ich liess mich behandeln, und dann ging es meistens nach einer Woche wieder. Zuletzt ging es aber nicht mehr.

Sie waren in Serbien bei einem Spezialisten. Was hat man Ihnen dort gesagt? Wie lange wird es dauern, bis Sie wieder ganz fit sind?

Es ist nichts Gravierendes. Es sind muskuläre Probleme, die von der Müdigkeit herrühren. Im Januar werde ich wieder sachte beginnen, alleine. Dann fahre ich mit dem Team nach Spanien, später nach Italien und in die Türkei ins Trainingslager. Zuerst habe ich jetzt aber Ferien.

Wo verbringen Sie diese? Zu Hause, in der Wärme?

Zuerst fliege ich nach Moskau zurück. Denn in der Elfenbeinküste gibt es momentan Probleme.

Welcher Art?

In der Politik. Die Probleme sind mit den Wahlen zurückgekommen. Offenbar kam es zu Wahlfälschungen, wie man mir gesagt hat. Nun beanspruchen beide Kandidaten den Sieg für sich, also gibt es aktuell zwei Präsidenten. Die Situation in Abidjan ist etwas heikel. Ich hoffe, dass dies bald besser wird und sie sich einigen können. Bis dahin warte ich ab, bleibe bis zum 20. in Moskau. Wenn es geht, werde ich meine Eltern besuchen, wenn nicht, dann halt nicht.

Bleiben Sie dann in Moskau?

Nein, nein, dort ist es zu kalt. Ich werde irgendwohin gehen. Ich war schon eine Woche in London, bevor ich nun für eine Woche nach Bern kam.

Haben Sie auch ein Spiel von Chelsea besucht?

Nein. Ich shoppte und machte Besuche.

Der Klub ist aber immer noch in Ihrem Kopf?

Es bleibt mein Traum, in der englischen Meisterschaft zu spielen. Mein bevorzugter Verein, seit ich klein bin, ist Chelsea, aber es gibt viele interessante Klubs.

Ihr Vertrag beim ZSKA Moskau läuft über fünf Jahre. Haben Sie eine Ausstiegsklausel?

Nein. Ich glaube, die Vertragsdauer ist nicht so wichtig. Ich hatte bei YB auch einen Vertrag über sechs Jahre und bin nach zwei gegangen. Der langfristige Kontrakt ist vor allem für den Klub wichtig, wegen der Transfers. Sobald du anfängst, viele Tore zu schiessen, kommen andere Teams, die dich verpflichten wollen.

In Russland haben Sie aber noch nicht so oft getroffen wie in Bern.

Das stimmt nicht ganz. Ich habe in 15 Spielen 12 Tore erzielt, sieben in der Europa League und fünf in der Meisterschaft. Und ich spielte nur die halbe Saison.

Und nächstes Jahr folgt der grosse Durchbruch in der Champions League?

Ich hoffe es, das ist unser grosses Ziel. Wir müssen nicht einmal in die Qualifikation. Meister Zenit und wir als Zweiter können direkt in der Gruppenphase starten.

Erstellt: 14.12.2010, 14:24 Uhr

Artikel zum Thema

ZSKA auch ohne Doumbia eine Startruppe

Fussball Im Feld der 48 Teilnehmer an der Europa-League-Gruppenphase befindet sich ein Schweizer Zweitligist. Mehr...

Doumbia im WM-Glück, Yapi im Elend

Seydou Doumbia hat mit den Young Boys sein grosses Ziel, den Gewinn der Meisterschaft, in der Schlussphase kläglich verspielt. Trotzdem wird er von Elfenbeinküste-Nationaltrainer Sven Göran Eriksson belohnt. Mehr...

Messi top – Doumbia auf Rang 10

Lionel Messi vom FC Barcelona ist eine weitere Ehre zuteil geworden. Der Argentinier erhält den «Goldenen Schuh», die Auszeichnung für den in dieser Saison besten Torschützen in Europa. Mehr...

Seydou Doumbia

In denKursaal, wo er am 24. Mai zum zweiten Mal als Spieler des Jahres ausgezeichnet worden war, zog es Seydou Doumbia als Hotelgast bei seiner Visite in Bern. 30 Tore erzielte der Stürmer, der am 31. Dezember 23 Jahre alt wird, vergangene Saison für YB, das für denivorischen Nationalspieler vom ZSKA Moskau eine Ablösesumme von rund 12 Millionen Franken kassierte.

Auch wenn er sich im Gespräch betont entspannt gab – sein neues Leben in Moskau ist für ihn eine grosse Herausforderung. Der einstige Militärverein ZSKA Moskau ist ein mächtiger Verein und hat weiterhin wichtigeVerbindungen zu politischen Kreisen. Mit dem 50-jährigen Präsidenten und Teilhaber des ZSKA, Giner Evgeni, dem man sehr gute Kontakte zu Milliardär und Chelsea-Besitzer Roman Abramovich nachsagt, hat Doumbia nach eigenen Aussagen noch nie persönlich gesprochen.

Der ZSKA Moskau ist dersiebente Klub von Seydou Doumbia, der seine Karriere als Berufsspieler 2003 bei Athlétic Adjame begann. Nach einem Jahr wechselte er zum ivorischen Spitzenklub ASEC Mimosas, schaffte dort den Durchbruch nicht und wurde zu AS Denguélé ausgeliehen. Danach spielte er in Japan bei Kashiwa Reysol und Tokushima Vortis, bevor er im Sommer 2008 zu YB wechselte. Für die Berner erzielte er in 64 Meisterschaftsspielen 50 Tore. Auch beim ZSKA ist Doumbiader schnellste Spieler, wie Sprinttests ergaben.

Kommentare

Blogs

Geldblog Warum Sie Ihr 3.-Säule-Geld anlegen sollten

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...