«Messi gab mir Tipps bei der Wohnungssuche»

Vom FC Möhlin zum FC Barcelona: Ivan Rakitic ist seit eineinhalb Monaten bei den Katalanen. Über sein Leben an der Seite von Superstars – und wie er seine Frau kennenlernte.

«Wir leben den Traum von allen hier in der Region»: Ivan Rakitic im Camp Nou. (1. Juli 2014)

«Wir leben den Traum von allen hier in der Region»: Ivan Rakitic im Camp Nou. (1. Juli 2014) Bild: Keystone

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Was beeindruckt Sie am meisten beim FC Barcelona?
Es ist schwer, die richtigen Worte für diesen Club zu finden. Tagtäglich warten Hunderte von Fans auf uns, überall. Sie wollen Autogramme, Fotos oder nur Glück wünschen. Ihre Leidenschaft und Begeisterung sind unglaublich. Rund um die Profiabteilung selbst ist alles bis ins kleinste Detail organisiert, der Spieler muss sich um nichts kümmern: Ernährung, Pflege, Wohnungssuche, Auto, Sponsoren – an alles wird gedacht, es ergeben sich gar keine Fragen mehr, auch für mich nicht. Sogar ein Psychologe steht uns zur Verfügung.

Wie äussert sich die Begeisterung der Fans sonst noch?
In Sevilla kamen 15 Leute ins Training, hier sind es hundert und mehr, manchmal tausend. Kürzlich wollte ich in den Fanshop im Camp Nou – keine Chance. In der Stadt kann ich mich nur an ausgewählten Orten und zu bestimmten Zeiten bewegen, sonst bricht das Chaos aus. Viele warten auch vor meinem Hotel, wo ich noch wohne.

Was bedeutet Ihnen der ganze Rummel?
Es ist natürlich schön, aber ich ändere deswegen nicht mein Leben. Ich gehe wie in Sevilla einkaufen, ich gehe in die Stadt, ich möchte mich möglichst frei bewegen und am Leben teil­haben. Nur weil ich jetzt bei Barça spiele, bin ich ja kein anderer Mensch als vorher. Aber wir leben den Traum von allen hier in der Region.

Ein Transfer zum FC Barcelona: Wie läuft das im Detail ab?
Barça-Sportdirektor Andoni Zubizarreta hat meinen Bruder Dejan angerufen und sein Interesse bekundet. Dejan regelt alles, was Transfers betrifft. Er teilte mir das mit, als ich schon an der WM in Brasilien war. Lange überlegen musste ich nicht. Mein Herz hängt zwar sehr an Sevilla, aber wenn Barça kommt, gibt es keine Zweifel mehr. Auch meine Frau war einverstanden; sie wäre zwar am liebsten in Sevilla geblieben, aber sie ist froh, dass wir weiter in Spanien leben. Barça ist das Grösste.

Mit 26 Jahren sind Sie auf dem Fussball-Olymp, verdienen viel Geld und spielen mit den Weltbesten. Stehen Sie am Morgen manchmal auf und sagen sich: «Hey, ich bin die Nummer 4 von Barcelona, ist das nicht ein Wahnsinn!»
Nein, ich stehe am Morgen auf und sage mir: «Ich bin immer noch der gleiche Ivan aus Möhlin!»

Wirklich?
Ja, sicher. Ich esse immer noch das Gleiche, ich trinke das Gleiche, ich habe die gleichen Kollegen und gehe an die gleichen Orte shoppen wie früher. Okay, es gibt mehr Telefonate, mehr Menschen wollen jetzt mein Kollege sein – aber sonst läuft alles gleich weiter. Der einzige Unterschied ist die Sprache. Ich rede nun vornehmlich Spanisch und nicht mehr Deutsch.

Vom Sportplatz Steinli in Möhlin ins Camp Nou in Barcelona: Ihr Aufstieg erinnert an ein modernes Sportmärchen. Haben Sie selbst immer daran geglaubt, dass Sie es so weit bringen?
Ich erinnere mich noch, als ich fünf Jahre alt war und gefragt wurde, was ich mal werden wolle; zum Beispiel Polizist? Ich sagte immer, ich wolle Fussballer werden, dabei gilt das ja nicht mal überall als Beruf. Sagen wir es so: Es war ein Traum, und den habe ich mir nun erfüllt. Dafür habe ich in all den Jahren gelebt und trainiert. Vergessen Sie nicht: Profifussballer müssen auch auf viel verzichten, wenn sie ganz nach oben wollen. Unser Körper ist unser Kapital. Er verzeiht keine halben Sachen oder Undiszipliniertheiten.

Einer Ihrer neuen Teamkollegen ist ­Lionel Messi. Wie muss man sich den Umgang mit ihm vorstellen?
Er ist total locker und unkompliziert. Als ich ihn das erste Mal in der Kabine im Trainingsgelände sah, kam er zu mir und begrüsste mich. Er bot mir Hilfe an bei der Wohnungssuche und gab mir Tipps. Auch seine Leute im Hintergrund sind sehr hilfsbereit. Leo ist der Mittelpunkt von uns allen, aber als Typ ist er ganz normal.

Dürfen Sie als Mitspieler überhaupt etwas Negatives sagen über Messi? Jedes falsche Wort gäbe weltweit Schlagzeilen.
Ich wäre dumm, wenn ich Sachen in die Welt setzen würde, die nicht stimmen. Es gibt über Messi nichts Negatives zu berichten, so banal das tönt. Aber ich muss natürlich schon sagen: Was um ihn herum passiert, ist der Wahnsinn. Überall wo er auftaucht, gibt es Riesenaufregung. Nur einer ist der Beste auf der ganzen Welt, nur einer ist der Zehner bei Barcelona und spielt auf diesem unglaublich hohen Niveau – und das ist er. Ich bin stolz, in seinem Team zu sein.

Wie ist das im Training? Steigen Sie bei Messi auch einmal hart in einen Zweikampf – oder lässt man es aus Angst lieber bleiben, um nicht der Buhmann zu sein, sollte er sich dabei verletzen?
Wir schenken uns im Training nichts, aber es gibt Grenzen. Die muss jeder Spieler kennen.

In der Kabine im Camp Nou sitzen Sie neben Xavi, einer anderen Barça-­Legende, die Ihretwegen nun auf der Ersatzbank sitzt. Wie verhält er sich?
Früher waren wir Gegner auf dem Platz, jetzt sind wir Teamkollegen. Das ist ein Unterschied. Aber Xavi ist wie Messi, Neymar, Andres Iniesta oder alle anderen: Sie sind frei von Allüren und unkomplizierte Teamkollegen. Xavi wünschte mir vor dem ersten Spiel viel Glück.

Ist denn wirklich gar kein Neid auszu­machen?
Natürlich ist die ganze Ambiance anders als beim FC Basel, auf Schalke oder in Sevilla. Dafür ist Barça zu gross und zu mächtig. Aber ich weiss, wo ich herkomme. Deshalb habe ich vor jedem Spieler Respekt, nicht nur vor Lionel Messi. Dieser Respekt wird auch mir zuteil; Xavi und Iniesta zum Beispiel behandeln mich, als wäre ich schon eineinhalb Jahre hier im Club, dabei sind es erst eineinhalb Monate. Sie leben diese Demut vor, von der rund um Barcelona immer wieder zu hören und zu lesen ist. Das ist schon beeindruckend.

Alle Barça-Spieler sind mehr oder weniger Multimillionäre und leben in grösstem Wohlstand. Verursacht das in einem Land wie Spanien mit seiner hohen Arbeits­losenquote und seinem sozialen Elend nicht auch Gewissensbisse?
Das mag stimmen, aber wir Spieler engagieren uns enorm für soziale Projekte. Die Fondation Barça, die viel unternimmt, arbeitet mit Unicef zusammen. Dazu unterhält fast jeder Spieler eine eigene Stiftung, ich bin ebenfalls daran. Kürzlich habe ich im Heimatdorf meiner Mutter in Bosnien einen neuen Fussballplatz aufbauen lassen, ich engagiere mich und spende regelmässig – unter anderem auch dem FC Pajde in Möhlin. Die habe ich sozusagen von Kopf bis Fuss eingekleidet. Wir Profis wissen, dass wir privilegiert sind, aber wir teilen auch viel.

Wie läuft ein Matchtag bei einem Heimspiel des FC Barcelona?
Wir treffen uns am Morgen auf dem Trainingsgelände. Kurzes Frühstück, raus auf den Platz, Footing. Dann gibt es ein gemeinsames Mittagessen, anschliessend fahren alle wieder nach Hause. Besammlung ist erst zwei Stunden vor Anpfiff, direkt im Camp Nou.

Kein Zusammenzug im Hotel tagsüber wie bei anderen Grossclubs?
Nein. Der Trainer appelliert an Eigenverantwortung. Das finde ich super. So kann jeder in den eigenen vier Wänden das machen, was er vor dem Match will oder braucht.

Entscheidend in Ihrer Karriere waren die dreieinhalb Jahre in Sevilla. Dort reiften Sie vom Mitläufer zum Teamleader und Captain. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Was soll ich sagen? Mannschaft, ­Trainer, Stadt – es hat einfach alles gepasst, sportlich und privat. Das Gefühl war von Anfang an sehr gut, das Ende die Krönung: Ich war der erste ausländische Captain seit Diego Maradona, dazu gewannen wir die Europa League. Auf Schalke hat es mir auch gefallen, aber im Winter 2011 wollte ich etwas Neues entdecken. Sevilla war ein Volltreffer.

Und dort haben Sie Ihre Frau Raquel Mauri Olmo kennengelernt.
Ich habe sie an meinem allerersten Tag in Sevilla gesehen. Sie arbeitete im Café jenes Hotels, wo ich zunächst untergebracht war. Sie stach mir sofort ins Auge, aber Raquel liess mich sieben Monate lang zappeln.

Und dann?
Eines Tages bekam ich mit, dass sie im Café ist, aber nicht arbeiten muss. Ich fuhr sofort hin und sagte ihr: «Nun musst du mit mir mitkommen, du hast frei und keine Ausrede mehr.» Am nächsten Abend gingen wir dann erstmals zusammen essen. Ich habe gekämpft um sie, und es hat sich gelohnt. Im April 2012 haben wir geheiratet.

Und zwischendurch eröffneten Sie gemeinsam eine Tapas-Bar im Herzen Sevillas.
Genau. Wir hatten klare Vorstellungen, suchten ein Lokal und mieteten es. Es lief sehr gut, bis meine Frau schwanger wurde. Nach knapp einem halben Jahr stiegen wir wieder aus. Nun ist unsere einjährige Tochter der Mittelpunkt unseres Lebens.

Sie haben die Schweiz 2007 verlassen. Zeitgleich gaben Sie bekannt, dass Sie künftig für Kroatien und nicht für die Schweiz spielen wollen. Das löste böse Reaktionen aus, Sie bekamen sogar Morddrohungen. Glauben Sie, dass Ihnen mittlerweile alle Menschen in der Schweiz verziehen haben?
Ehrlich gesagt – diese Geschichte ist vergessen. Ich bin niemandem böse. Ich entschied mich 2007 einfach, künftig für Kroatien zu spielen, das habe ich bis heute nicht bereut, obwohl mir die Schweiz sehr viel bedeutet und ich auch dieses Land in meinem Herzen trage. Ich bin immer noch sehr gerne in Möhlin, wenn es die Zeit zulässt.

Ihr Vertrag in Barcelona läuft bis 2019, dann werden Sie schon 31 Jahre alt sein. Reicht es noch für eine Rückkehr zum FC Basel?
Ich habe regelmässig Kontakt mit Präsident Bernhard Heusler und verfolge den FCB. Ausserdem ist mir nicht entgangen, dass nun ein grosser Konkurrenzkampf im Kader herrschen soll (lacht). Ich bin mit dem FC Basel immer noch verbunden, und wenn es sich ergibt und für alle Parteien passt, ist es durchaus möglich, dass ich zurückkehre. Aber wer weiss schon, was in fünf Jahren sein wird?

Erstellt: 29.08.2014, 12:36 Uhr

Ivan Rakitic: Vom Sportplatz Steinli ins Camp Nou

Am 10. März 1988 wurde Ivan Rakitic im aargauischen Rheinfelden geboren. Sein Vater Luca spielte zu diesem Zeitpunkt in der 2. und 3. Liga beim FC Möhlin-Riburg, wo die Familie wohnte. Klein-Ivan trat dem FC Möhlin bei, und schon bald, er spielte bei den Kleinsten, machte auf dem Sportplatz Steinli die Runde von einem Supertalent, das da aufwuchs. 1995 wechselte Rakitic zum FC Basel in die Juniorenabteilung, wo er Stufe für Stufe erklomm. 2005 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag, der damalige Trainer Christian Gross setzte ihn Ende September in der Europa League erstmals ein. Was sofort auffiel: Rakitic besitzt eine überragende Schusstechnik, viel Übersicht sowie grosses Laufvermögen. Im St.-Jakob-Park setzte er sich in der Saison 2006/2007 endgültig durch.

2007 entschied sich Ivan, künftig die Farben seines Heimatlandes Kroatien zu vertreten und nicht die der Schweiz. Das gab böses Blut, doch zeitgleich verabschiedete sich Rakitic nach Schalke in die Bundesliga. Ende Januar 2011 suchte der mittlerweile 65-fache Nationalspieler eine neue Herausforderung – und fand sie in Sevilla. Dort brachte er es zum Captain, gewann Ende letzter Saison die Europa League und wurde als Krönung in das Top-Team der gesamten spanischen Liga gewählt. Nun hat Rakitic bis 2019 beim FC Barcelona unterschrieben; die Katalanen bezahlten rund 25 Millionen Franken Ablöse. Ivans Berater ist Bruder Dejan Rakitic, der immer noch in Möhlin wohnt. (mr)

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