Mit Eiern, Charakter und wie die Titanen

Bernard Challandes mischt YB mit seiner Dynamik auf. Der neue Trainer erwartet von seinen Spielern im Derby am Sonntag gegen den FC Thun grossen Einsatz.

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Drei Tage ist Bernard Challandes erst in Bern. Er ist fast wie ein Naturereignis über die zuvor ziemlich leblosen, angeschlagenen Young Boys hereingefallen. YB atmet wieder, zumindest erhält man diesen Eindruck. Wenn Challandes über Fussball spricht, und das tut er fast immer, dann vergisst er Zeit und Termine und redet und redet und redet. Er wäre der ideale Werbeträger für Energydrinks, denn irgendwie scheint dieser 61 Jahre alte Mann über mehr Kraft, Leidenschaft, Enthusiasmus zu verfügen als die meisten anderen Menschen.

Die Dose YB, um im Sprachkontext zu bleiben, ist ja gerade ziemlich leer – und Challandes muss den verunsicherten Akteuren Flügel verleihen. So schnell wie möglich. «Er hat sich nicht verändert und ist immer noch der akribische, temperamentvolle Arbeiter», sagt Verteidiger Alain Nef, der den Coach wie Captain Marco Wölfli («Challandes ist ein glänzender Motivator») aus seiner Zeit in der Schweizer U-21-Auswahl kennt. Beide gehörten aber im Gegensatz zum heutigen YB-Spieler Mario Raimondi nicht zu jener Schweizer U-21-Mannschaft, die 2002 unter Challandes als Titanen heroisiert wurden. Raimondi war damals an der Nachwuchs-Euro keine Stammkraft. «Es hat viele gute YB-Spieler, die wie Raimondi bewiesen haben, dass sie Fussball spielen können», sagt Challandes.

Fussball-Koller vertreiben

Bernard Challandes ist auf einer Mission in Bern, das Ziel heisst Europacup, und weil der Neuenburger nichts zu verlieren oder zu beweisen hat («ich bin doch ein alter Mann und muss eigentlich nicht mehr arbeiten»), stört es ihn auch nicht, vorerst bloss ein Trainer auf Zeit zu sein. «Wenn wir es bis Ende Saison gut machen, dann glaube ich an ein längeres Engagement bei YB», sagt er. Und fügt schalkhaft hinzu: «Ich arbeite auch für die Hälfte des Lohnes, den Marcel Koller verdienen soll.» Der österreichische Nationaltrainer gilt ja als YB-Wunschkandidat für die Zukunft, soll aber laut dem Berner Sportchef Fredy Bickel rund 1,5 Millionen Euro verdienen. Im Jahr.

Unter Challandes wollen die Young Boys nun den Fussballfrust (oder Fussball-Koller) aus Bern vertreiben. «Unser Ziel ist die Europa League», sagt der Coach, der sich eine Prämie fürs Erreichen der Europacup-Plätze festschreiben liess. Ist der Cupsieger Ende Saison unter den ersten vier Vereinen der Super League klassiert, qualifiziert sich auch der fünfte für die Europa-League-Ausscheidung. Dort steht (mit nur einem Punkt mehr als YB) der FCZ, einer von vier Halbfinalisten im Cup neben Basel, GC und Sion – die alle unter den ersten vier rangieren. Fredy Bickel sagt, sein Ziel sei weiterhin Rang 4, wo Sion mit acht Zählern mehr steht. «Es sind bis Ende Saison immer noch 30 Punkte zu verteilen», meint der Sportchef.

Herz und Lust und Messi

Und so will YB morgen im Derby gegen den FC Thun endlich den Weg aus der «Negativspirale», wie Challandes sagt, finden. Der Coach ist auch am Freitagmittag beim Pressetermin in grosser Form. Er erzählt Geschichten aus seinem anekdotenreichen Trainerleben, doziert über Techniker («YB hat viele gute Offensivspieler») und Kämpfer («Thun spielt heute ein bisschen defensiver als unter mir») und Systeme («wichtiger sind das Herz und die Lust») und landet irgendwann bei den «miserablen Trainingsbedingungen» in Bern. Man müsse ja besser als Lionel Messi sein, um auf diesem schlechten Rasen «One-Touch-Fussball» spielen zu können. Im Stade de Suisse dürfen die Young Boys dieser Tage nicht trainieren, die neue Unterlage soll geschont werden. «Es gibt viele Probleme, aber die gibt es immer als Trainer», sagt Challandes, der auch schon erklärte: «Ich bin dafür bezahlt, manchmal nicht schlafen zu können.» Er macht sich viele Gedanken, und auch am Freitag erwähnt er mit knackigen Voten, was er von seinen Spielern erwartet: «Wir müssen Eier und Charakter zeigen.» Und: «Wenn es einem schlecht geht, erkennt man den Menschen am besten.»

Erstellt: 13.04.2013, 16:16 Uhr

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Doppelte Prämien für Thun

Ausgerechnet gegen seinen letzten Arbeitgeber FC Thun bestreitet Bernard Challandes am Sonntag seine erste Partie als YB-Trainer. «Ich habe den Thunern damals Urs Fischer als Coach empfohlen», sagt Challandes. «Er war ja unter anderem auch ein Jahr mein Assistent beim FC Zürich.» Taktisch werde es keine grossen Geheimnisse geben, sagt Challandes, der seine Aufstellung nicht verraten will. «Bei uns ist der Konkurrenzkampf gerade in der Offensive sehr gross», sagt der Coach, dem aufgefallen ist, dass die Young Boys in den letzten Partien keine riesigen Laufleistungen zeigten. «Ich will, dass meine Spieler mehr rennen und starkes Pressing betreiben. Es ist toll, wenn ich dann frische und gute Spieler einwechseln kann.»

Spielmacher Moreno Costanzo könnte einer der Profiteure des Trainerwechsels sein. Denn es ist nicht zu erwarten, dass Challandes die gleiche Formation aufs Feld schickt wie Vorgänger Martin Rueda am letzten Sonntag beim 0:2 gegen Servette. Costanzo meint: «Ich hoffe natürlich, mehr spielen zu können.»

Und Challandes sagt, dass Partien gegen Basel und YB für die Thuner die einfachsten seien. «Als Thun-Trainer musste ich da niemanden speziell motivieren», sagt er und verrät: «Zumal es für die Thuner gegen diese Vereine um doppelte Prämien geht.»

YB - FC Thun So, 13.45 Uhr hier.

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