Mit Guardiolas Hunger und Angst

Heute startet die Premier League in die neue Saison. Die Kräfteverhältnisse sind nicht neu – die meisten Spitzenteams aber besser besetzt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bis man sich seinen Namen gemerkt hat, ist ein Fussballspiel schon fast vorbei. Arrizabalaga heisst er, Kepa Arrizabalaga, von Beruf bisher Torhüter von Athletic Bilbao, und jetzt ist er der teuerste Einkauf der englischen Premier League, die heute mit Manchester United gegen Leicester ihre Saison beginnt. 93 Millionen Franken zahlt Chelsea für den 23-Jährigen, damit er künftig Thibaut Courtois ersetzt, den es zu Real Madrid zieht.

Die 20 Clubs haben bis zum Transferende gestern um 18 Uhr wieder einmal viel Geld in Umlauf gebracht und für 1,6 Milliarden neues Personal verpflichtet. Niemand gab mehr aus als Liverpool mit seinen 227 Millionen. Doch der Favorit auf den Titel bleibt der Meister: Manchester City mit Pep Guardiola und seinem grossartigen Ensemble.

Manchester City:«Hasst mich, Jungs!»

Auf Amazon gibt es eine Dokumentation, die Einblicke ins Innenleben von Manchester City während der letzten Saison bietet. Einmal sagt Pep Guardiola seinen Spielern: «Einige von euch spielen besser, wenn sie böse auf mich sind. Also, wenn ihr mich hasst, hasst mich, Jungs!»

Guardiola ist nicht nur der nette Pep, der alles «super-super» findet, Guardiola ist der Trainer, der von der Angst getrieben ist, ein Spiel zu verlieren, von der Angst, die dafür sorgt, dass jeder seine Kräfte mobilisiert. «Wenn du verlierst, fühlst du dich als Trainer schuldig, du fühlst dich schlecht, dein Privatleben ist nicht gut, deine Beziehung zu den Spielern ist nicht gut. Diese simple Angst, ein Spiel zu verlieren, macht dich hungrig.»

Dieser Hunger, diese Angst ist eine Erklärung, weshalb es ihm gelang, mit Barcelona und mit Bayern München je drei Titel in Folge zu gewinnen. Guardiola ist wie einst Alex Ferguson: nie zufrieden, nie gesättigt, darum sagt er auch: «Ich bin bereit, wieder zu kämpfen.»

Ausdruck der totalen Dominanz: Manchester City war vergangene Saison ein Meister, der Rekorde brach.

Am Sonntag gewann City den englischen Supercup gegen Cupsieger Chelsea 2:0. Natürlich, es war ein Chelsea mit einem neuen Trainer und neuem System, aber es war eindrücklich, wie City das Spiel auch ohne Kevin De Bruyne, David Silva und Raheem Sterling dominierte.

1,5 Milliarden Franken hat Scheich Mansour seit der Übernahme des Clubs vor zehn Jahren investiert, die letzten 78 Millionen davon sind für den Kauf von Riyad Mahrez aufgewendet worden. Mahrez, das war der wunderbare Spieler in der Meistersaison von Leicester, jetzt ist er der Spieler, der City noch ­variabler machen kann. Dazu drängt mit Phil Foden ein 18-Jähriger in die Mannschaft, der gegen Chelsea der beste Spieler überhaupt war.

Liverpool:Shaqiris reines Gewissen

Letzte Saison beendete Manchester City mit dem Rekord von 100 Punkten, 19 vor Stadtrivale United, 23 vor Tottenham und 25 vor Liverpool. Um dieses Loch zu schliessen, hat keiner mehr unternommen als der FC Liverpool. Allein 87 Millionen Franken hat er für Torhüter Alisson Becker nach Rom überwiesen, um seine offensichtlichste Schwachstelle zu beheben.

Brasiliens Nummer 1 ist der grosse Trumpf, um Liverpools Sehnsucht nach dem ersten Meistertitel seit 1990 zu stillen. Denn um nichts anderes als um Trophäen geht es jetzt in Anfield. Dass er in seiner ganzen dritten Saison nur daran gemessen wird, weiss Jürgen Klopp. Der Trainer sagt denn auch: «Wir müssen für den nächsten Schritt bereit sein.»

Neben Alisson sind darum Naby Keita (von Leipzig) und Fabinho (von Monaco) verpflichtet worden und auch Xherdan Shaqiri, der dritte Schweizer bei den «Reds» nach Stéphane Henchoz und Philippe Degen. Für 17,5 Millionen wurde Shaqiri aus seinem Vertrag mit Stoke gekauft. TV-Experten wie die Neville-Brüder oder sein alter Teamkollege Charlie Adam («Die sogenannt grossen Spieler brachten die Leistung nicht») kommentierten den Wechsel kritisch. Das hat ihn nicht erschüttert: «Mein Gewissen ist rein. Meine Statistik spricht für sich.» Mit acht Toren und sieben Assists war er letzte Saison führend beim Absteiger.

Shaqiri soll eine Offensive variabler machen, die überragend war, vor allem wegen Salah, der allein 44 Tore erzielte. Salah hat nun wie Roberto Firmino dank eines neuen Fünfjahresvertrages sein Wochengehalt auf 260’000 Franken verdoppelt.

Manchester United:Mourinhos Jammern

Für total 517 Millionen durfte Jürgen Klopp in den vergangenen zwei Jahren neues Personal einkaufen. Nur Pep Guardiola konnte mit 651 Millionen spendabler sein. Da reagiert José Mourinho schon fast eifersüchtig, weil ihm in dieser Periode nur 480 Millionen zur Verfügung standen. Nur?

Dabei durfte er in seinem ersten Jahr bei Manchester United für 115 Millionen Paul Pogba verpflichten und im zweiten für 97 Millionen Romelu Lukaku. Jetzt ist ihm nur der Einkauf des Brasilianers Fred für 71 Millionen vergönnt gewesen. Aber er wollte auch Jérôme Boateng, Harry Maguire oder Ivan Perisic, keinen bekam er. Das reicht, damit er fortwährend jammert: «Liverpool kauft alles und jeden. Wenn wir unsere Mannschaft nicht verbessern, haben wir eine schwierige Saison.»

2016/17 gewann er mit der United die Europa League und den Ligacup, wurde in der Liga aber nur Sechster. 2017/18 wurde er Zweiter, gewann aber sonst keinen Titel. Jetzt wäre es an ihm zu beweisen, dass er Spieler besser machen kann, die er bereits hat. Er könnte in den himmel­blauen Teil der Stadt schauen und sich ein Beispiel nehmen an Guardiolas Arbeit.

Arsenal:Ein Leben ohne Legende

Der Rest der Top 6, Chelsea, Tottenham und Arsenal, geht mit unterschiedlichen Gefühlen in die Saison. Chelsea hat Antonio Conte durch Maurizio Sarri ersetzt, der Napoli nahe an den Gewinn der Serie A geführt hatte, und 162 Millionen für Kepa im Tor und Jorginho im Mittelfeld ausgelegt. Tottenham dagegen hat es fertiggebracht, als einziger Club kein Pfund zu investieren.

Bei Arsenal ist die überragende Frage: Wie ist das Leben nach Arsène Wenger? Fast 22 Jahre sass er auf der Bank, bis er sich nach 1235 Spielen zurückzog, sicher auch ermüdet von der zuletzt anhaltenden Kritik. Der «Daily Telegraph» huldigte ihm: «Der Mann, der unser Spiel für immer verändert hat.»

Jetzt ist Unai Emery da, das ist der Trainer, der mit dem FC Sevilla bis 2016 dreimal in Folge die Europa League gewann und im Frühjahr mit Paris St-Germain die Meisterschaft. Emery hat über den Sommer Wert darauf gelegt, die Defensive zu stärken. Dafür sprechen die Transfers von Bernd Leno (Tor), Stephan Lichtsteiner, Sokratis (Abwehr) und Lucas Torreira (Mittelfeld). Der Uruguayer ist mit 34 Millionen der teuerste Neue und ein direkter Konkurrent für Granit Xhaka.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 18:13 Uhr

Artikel zum Thema

Transferpanik in der Premier League

Das Transferfenster in England schliesst bereits diesen Donnerstag. Für einige Clubs kann dies zu einigen hektischen Tagen führen. Mehr...

Warum machen die das bloss, die Engländer?

Heute endet die Transferperiode der Premier League. Die Preise schnellen in absurde Höhen – davon profitieren könnte zum Beispiel die Bundesliga. Mehr...

Shaqiri glänzt weiter für Liverpool

Dem Schweizer Nationalspieler gelingt im Testspiel gegen Torino ein Traumassist – und er mausert sich zum Liebling der Fans. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...