«Mit Vergangenem muss man abschliessen»

YB-Trainer Christian Gross empfängt den FC Basel heute ohne sentimentale Gefühle. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 20.15 Uhr live vom Spitzenkampf im Stade de Suisse.

«Diese Meisterschaft ist grundsätzlich für den FC Basel bestimmt», sagt YB-Trainer Christian Gross.

«Diese Meisterschaft ist grundsätzlich für den FC Basel bestimmt», sagt YB-Trainer Christian Gross. Bild: Keystone

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Wer das Restaurant Eleven im Stade de Suisse betritt, der kommt am BSC Young Boys nicht vorbei: Gelb-schwarz die Fanartikel in der Vitrine, gelb-schwarz das Matchplakat auf der Rückseite des Eingangs. Daneben ein Poster, das zum Termin mit Christian Gross passt: Bruce Springsteen kommt am 9. Juli ins Zürcher Letzigrund.

«Tougher Than the Rest» hiess der Springsteen-Song, der am 29. Mai 2009 nach einem 0:3 gegen YB aus den Lautsprechern des St. Jakob-Parks schallte. Gross hatte ihn sich zum Abschied gewünscht, nachdem bekannt geworden war, dass er den FC Basel zum Saisonende verlassen muss. Seit Sommer steht er beim damaligen Gegner unter Vertrag. Mit den Young Boys soll er schaffen, was er mit Basel geschafft hat: an die grosse Vergangenheit anzuknüpfen.

Christian Gross, die Young Boys haben seit November 2009 nicht mehr gegen den FC Basel gewonnen. Warum ändert sich das nun?
Ob es sich ändert, wird sich zeigen. Aber wir versuchen natürlich, das Spiel zu gewinnen. Zu Beginn der Meisterschaft, im Sommer, waren wir nahe dran. Im Rückspiel in Basel gewann der FCB verdient. Es ist ein enges Spiel, Basel hat eine sehr gute Mannschaft und wir müssen eine Extraleistung bieten.

YB geht mit zwei Siegen aus zwei Partien und Rückenwind in die Begegnung, während Basel zu Beginn der Rückrunde einen Punkt gegen Sion und eine nutzlose Reise nach Lausanne verzeichnet. Ist das nicht ein grosser Vorteil für YB?
Es ist immer gut, wenn man wie wir über Wettkampfpraxis verfügt. Aber ich denke, Basel hat sich ein gutes Fundament geschaffen. Die sind fokussiert – auf die Meisterschaft und auf die Spiele gegen die Bayern. Meine Erfahrung sagt mir, dass dies zu einer hohen Trainingsintensität führt. Und ich glaube, dass die Basler es schätzen, dass vor dem Bayern-Spiel keine Pflichtaufgabe, sondern eine besondere Super-League-Affiche auf sie wartet. Der FCB wird bereit sein.

Gewinnt YB, stehen Sie in der Tabelle nur noch drei Punkte hinter Basel, die Meisterschaft wäre wieder offen…
Nein, nein. Solange nicht gleich viele Partien absolviert sind, täuscht die Tabelle. Basel hat ein sehr starkes Team. Die Jungen haben sich sehr gut entwickelt und werden von den erfahrenen Spielern getragen. Der FCB kann sich auf ein effizientes Angriffsduo verlassen. Der FCB verfügt über eine ausgeprägte Siegermentalität … Machen wir uns nichts vor: Diese Meisterschaft ist grundsätzlich für den FC Basel bestimmt.

Was fehlt denn den Young Boys noch, das den FCB auszeichnet?
Anders als YB ist es sich der FCB gewohnt, auf konstant hohem Niveau um Titel zu spielen. Dann kann er auf eine grosse, tolle Anhängerschaft zählen, die man sich hart erarbeitet hat. Das trägt und motiviert die Mannschaft. Doch da braucht es auch viel Pflege. Ein einziger Transfer kann vieles in die richtige oder falsche Richtung bringen. In Basel sind in der Vergangenheit sicher sehr viele richtige Entscheidungen getroffen worden. Und ich glaube, dass der FCB mit dem Aufbau einer sehr guten Nachwuchsabteilung im neuen Jahrtausend das Fundament gelegt hat, um diejenige Mannschaft zu stellen, die den Fussball in der Schweiz bestimmt. Aber als ich nach Basel kam, spielten die Grasshoppers diese Rolle und es gelang uns mit dem FCB auch, GC den Rang abzulaufen. YB hat Ambitionen. Wo sie hinführen, werden wir sehen.

Was hat denn YB, was Basel fehlt?
Die YB-Wurst. Nein, im Ernst: In Bern spüre ich eine generelle Sportbegeisterung, im Fussball und im Eishockey. Auch Bern hat ein tolles Fussballstadion, jetzt mit richtigem Rasen, was ihm gut ansteht. Und Bern hat bestimmt viele schlummernde YB-Anhänger, die man noch aus der Reserve locken kann und muss. Es braucht einen Titel, das ist klar.

Man war schon nahe dran.
Ja. Aber es ist ein Unterschied, ob man Meister werden kann oder ob man Meister werden muss. Damals in Basel haben wir uns den Druck selbst auferlegt, indem wir mit dem Einzug in den St.-Jakob-Park sagten, wir wollen pro Saison im Minimum einen Titel holen. Diesen Druck muss sich auch YB aufsetzen lassen und lernen, damit umzugehen.

Sie waren zehn Jahre in Basel Trainer. Mit was für Gefühlen gehen Sie in eine Partie gegen den FCB?
Grundsätzlich mit positiven Gefühlen. Ich war zehn Jahre in Basel, hatte dort eine tolle Zeit. Aber mir geht es um die Sache, um den Fussball, um die Gegenwart. Und in dieser Gegenwart will ich YB weiterbringen.

Sentimentale Gefühle gibt es keine?
Ich war ja schon Trainer, bevor ich zum FCB kam – und ich stand schon vorher mit einem Schweizer Team in der Champions League. Als Trainer lernt man früh, sich damit auseinanderzusetzen, was sein wird, wenn man bei einem Club nicht mehr erwünscht ist und entlassen wird. Je besser man darauf vorbereitet ist, desto besser kann man damit umgehen. Ich hatte eine super Zeit, erst in Zürich, dann in Basel. Aber mit Vergangenem muss man als Fussballtrainer abschliessen können.

Gibt es denn nach zehn Jahren keinen besonderen Bezug zur Region oder noch Kontakte, die Sie pflegen?
Zum grössten Teil ist es ein Lebensabschnitt, der beendet ist. Aber natürlich bestehen noch Kontakte. Wenn ich in Basel bin, geniesse ich ein Abendessen oder gehe ins Museum. Aber als Trainer ist man am aktuellen Arbeitsplatz so stark involviert, dass daneben nicht viel Zeit bleibt.

Gibt es etwas, das der Mensch Christian Gross an Basel vermisst?
Basel zeichnet sich nicht nur durch Fussball aus, sondern verfügt zum Beispiel auch über eine hervorragende Confiserie-Kultur, die noch heute sehr hoch in meiner Gunst steht…

Auch die Basler Läckerli?
Natürlich esse ich gerne Läckerli. Wissen Sie: Als ich bei GC begann, schenkte ich jedem Spieler ein Quadrat, bei dem man neun Zahlen in die richtige Reihenfolge schieben musste. Das sollte das Verschieben in Mittelfeld und Abwehr symbolisieren. Zu Beginn in Basel überlegte ich, ob ich den Spielern Läckerli schenke. Weil ich wusste, dass wir vor einem schwierigen Beginn stehen, durch den man sich wie bei einem Läckerli durchbeissen muss, um zum Honig, also zum Erfolg zu gelangen. Allerdings habe ich die Idee dann nicht realisiert.

Haben Sie bei Ihrem Antritt in Bern eine Geschenkidee realisiert?
Nein. Aber ich habe von der alten Anzeigetafel gesprochen, die vor dem neuen Stadion steht. Es ist mein Wunsch, dieses 1:1 darauf wegzubringen. Die Fans hängen an diesem letzten Spiel im Wankdorf, aber es ist Vergangenheit. Wir sind daran, diese Vergangenheit beiseitezuschieben.

Ein Spieler Ihres Teams scheint Vergangenem nachzuhängen: David Degen soll Sehnsucht nach Zwillingsbruder Philipp und somit auch nach Basel verspüren. Dort wird mit Shaqiris Abgang im Sommer ein Platz auf der Aussenbahn frei. Wie sehr würden Sie sich wehren, wenn der FCB David Degen im Sommer trotz Vertrag verpflichten möchte?
Aus Berner Sicht ist so ein Wechsel nicht vorstellbar. Dass David und Philipp eines Tages wieder zusammenspielen wollen, ist legitim. Aber ich glaube, Philipp gefällt es in Basel, und David gefällt es in Bern.

Macht es Sinn, einen Spieler, der wechseln will, zum Bleiben zu zwingen?
Wenn ein Spieler unbedingt gehen will, er felsenfest überzeugt ist, dass ein Wechsel das Beste ist, dann muss man sich schon fragen, ob eine Zusammenarbeit noch Sinn macht. Aber nochmals: Bei David Degen ist das kein Thema.

Da sprechen Sie mit ihm auch darüber?
Ja, absolut… Wobei: David Degen hat sich eine wunderbare Klausel in seinem Vertrag ausbedungen, die besagt, dass er in Basel wohnen darf. Das war noch vor der Zeit des aktuellen Managements. Würde er heute engagiert, wäre dies nicht machbar. Mir ist es lieber, er isst mit YB-Spielern zu Mittag als mit Baslern.

Shaqiri wechselt zu den Bayern. In einem Interview beantwortete er die Frage, ob er als kleingewachsener Spieler unter Christian Gross genauso gefördert worden wäre, mit den Worten «Nein, eher nicht.» Was sagen Sie dazu?
Das ist eine kluge Antwort. «Eher nicht» schliesst ja nichts aus. Nur: Es ist eine bodenlose Unterstellung, wenn man mit dieser Frage an Shaqiri andeuten will, ich sei nicht bereit, mit kleineren Spielern zu arbeiten. Bei GC spielten im Mittelfeld Marcel Koller und Massimo Lombardo, mit beiden war ich in der Champions League. Wenn ich heute den FCB anschaue, dann ist Shaqiri praktisch der einzige kleine Spieler. Betrachte ich internationale Teams, dann sind es – Barcelona ausgeklammert – meistens Equipen, die auch durch Masse und Athletik auffallen. Das ist einfach so. Aber das heisst doch nicht, dass ich mit diesem hochtalentierten Spieler nicht hätte Erfolg haben können. Ich finde die Fragestellung des Journalisten in keiner Art und Weise richtig.

Wie hätte er Shaqiri denn fragen sollen?
Es ist doch überhaupt kein Thema! Ich brauche mehr als zwei Hände, um Spieler aufzuzählen, denen ich geholfen habe, im Ausland Karriere zu machen. Das hat doch nichts mit der Körpergrösse zu tun.

Und doch: Die Körpergrösse ist gemäss Ihren Ausführungen wichtig. Warum?
Da ist die Problematik bei den stehenden Bällen, da ist die Entwicklung des Fussballs. Was immer gilt: Man muss eine gute Balance haben zwischen konstruktivem Fussball und dem schnellen Spiel in die Spitze. Allein nur mit Ballbesitz stosst man irgendwann auch an. Es sei denn, man verfügt individuell über so überragende Einzelkönner wie etwa Lionel Messi. Ich habe mit meinen Teams während Jahren konstruktiv hervorragenden Fussball gespielt. Nur habe ich stets betont, dass auch ein langer Ball ein positiver Ball sein kann. Weil der Zeitfaktor eben oft der limitierende Faktor ist, wenn es darum geht, ein Tor zu erzielen. Wenn Sie heute Tore des FC Basel analysieren, sind das auch nicht nur solche, bei denen die angreifende Equipe stundenlang am Ball war.

Nervt Sie das Loblied auf junge Trainer und deren einstudierte Angriffe?
Nein, das nervt mich nicht. Aber auch der FCB lebt im Angriff doch letztlich von der individuellen Klasse eines Alex Frei oder Marco Streller. Oder eben eines Shaqiri.

Im August werden Sie 58. Ein Alter, in dem andere allmählich über den Ruhestand nachdenken. Haben Sie sich darüber jemals Gedanken gemacht?
Nein, das ist weit weg. Entscheidend ist doch die Energie, die man hat, und die Leidenschaft für den Beruf. Wenn ich die mal nicht mehr haben sollte oder keine Lust mehr darauf habe, mit jungen Menschen zu arbeiten, dann höre ich auf. Das kann dann vielleicht ganz schnell passieren. Aber im Moment ganz sicher nicht. Ich bin mit unverändert viel Eifer und unverändert viel Freude bei der Sache.

Ist das einfach zwei Jahrzehnte lang so oder gibt es schon Momente, da der Beruf keinen Spass mehr macht?
Ich habe mich in meiner Karriere oder in meinen zehn Jahren in Basel zu keinem Moment ausgebrannt gefühlt. Da war von Abnützungserscheinungen die Rede – ich habe das nie so empfunden, in keiner Art und Weise.

Was mussten Sie im Verlauf Ihrer Trainerkarriere lernen?
Zu Beginn verstand ich ein Lob immer als Motivation. Ich musste lernen, dass dies nicht immer so wirkt, dass man bei einigen Spielern dosiert mit Lob umgehen muss. Und ich musste feststellen, dass die Ambitionen nicht bei jedem Spieler gleich gross sind.

Muss man mit Lob sparsam umgehen?
Nicht sparsam, dosiert! Es gibt auch Spieler, die man extrem viel loben muss, die das brauchen. Ich lobe generell mehr, als dass ich kritisiere. Doch glauben Sie mir: Jene Spieler, zu denen ich früher hart war, denen ich Fehler aufgezeigt habe, die schauen mir heute in die Augen, wenn ich sie sehe. Und sie sagen mir, es habe damals zwar wehgetan, aber es habe ihnen extrem viel gebracht.

Erstellt: 16.02.2012, 16:31 Uhr

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