Mit der Lizenz zum Verlieren

Die Führung der Grasshoppers hat beschlossen, dass es heute Samstag gegen Vaduz kein Schicksalsspiel für Trainer Pierluigi Tami geben soll – trotz seiner Tüfteleien.

Zwei Torhüter, aber keine klare Nummer 1 bei GC: Joël Mall (links) und Vaso Vasic beim Aufwärmen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Zwei Torhüter, aber keine klare Nummer 1 bei GC: Joël Mall (links) und Vaso Vasic beim Aufwärmen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Pierluigi Tami wirbelt Schlagworte herum, als würde er mit Modellautos ­spielen. «Wir brauchen Geduld. Wir brauchen Zeit. Wir dürfen nicht auf die Rangliste schauen. Kein Druck. Kein Druck! Ich spüre keinen Druck.»

Tami ist der Trainer, der mit der ­Resultatkrise von GC umgehen muss. Mit einem Sieg in dreizehn Runden, mit sieben sieglosen Heimspielen in Serie, mit sechs sieglosen Spielen in Folge, dem Abrutschen auf den 8. Rang. Er muss die Lösung finden, um die Mannschaft aus der Verstrickung in den Abstiegskampf zu befreien.

Dass es den Grasshoppers sportlich nicht gut geht, hat es in den letzten paar Jahren immer wieder gegeben. 2010 zum Beispiel beendeten sie die Vorrunde als Tabellenletzter. 2013 überlebten sie in der Super League nur wegen der Abstürze von Xamax (Konkurs) und Sion (36 Punkte Abzug). Oder 2015 konnten sie froh sein, dass es die Krisen bei den Provinzclubs Vaduz und Aarau gab.

Das stimmt alles und macht die aktuelle Situation doch nicht besser – eine Situation, in der ein Verein wie GC mit seiner Geschichte fast schon panisch werden könnte. Auch die Minireserve von vier Punkten auf die letztplatzierten Lausanne und Vaduz trägt im Verwaltungsrat um Präsident Stephan Anliker nicht unbedingt zur Beruhigung bei.

Aufbauarbeit im Frühjahr

Und doch zwingt sich eben dieser Verwaltungsrat dazu, die Ruhe zu bewahren. Das hat er in seiner Sitzung vom Donnerstag so beschlossen. Die Botschaft heisst entsprechend: Die Mannschaft soll in Ruhe arbeiten; der Trainer soll es tun können; man will keinen zusätzlichen Druck aufbauen; und darum soll es gegen Vaduz kein Schicksalsspiel für Tami geben.

Der Trainer bleibt, egal was passiert. Gut, eine Kanterniederlage heute Samstag im Letzigrund böte allenfalls Anlass zum Umdenken. Aber sonst: Nein, Tami geniesst das uneingeschränkte Vertrauen. Vorderhand zumindest.

Die zwischenzeitige Heimkehr von Munas Dabbur Mitte Februar sowie nicht zuletzt die Transfers des routinierten Milan Vilotic und des jungen Baslers Charles Pickel in der letzten Woche ­verschaffen Tami Zeit. Er soll nun die Gelegenheit bekommen, die neuen ­Spieler zu integrieren und mitten im Frühjahr eine Mannschaft aufbauen zu können. Dabei hilft ihm auch, dass in einer ­Woche die Meisterschaft für vierzehn Tage ruht und er dann die taktische Arbeit forcieren kann. Nach der Länderspielpause beginnt für ihn die Phase der Saison, die entscheidend ist. Der erste Gegner danach heisst gleich Lausanne.

Letzten Sonntag für das Spiel in ­Luzern konnte es sich Tami erstmals leisten, fünf Spieler zu Hause zu lassen. Das hatte er vorher nie gehabt, sein Kader war so schmal, dass es sich von selbst besetzte. Aber nun ist es an ihm, die Phase der Experimente zu beenden.

In Luzern wählte Tami sechs neue Spieler und stellte die Mannschaft auf insgesamt acht Positionen um. Zum einen war das mutig, zum anderen ­Ausdruck seiner fortwährenden Suche nach einem Stamm. Zum anderen wollte er seinen Spielern zeigen, dass alle bereit sein müssen, zum anderen gab er zu ­verstehen, wie wenig er mit den Resultaten zufrieden war.

Zehn Varianten im Mittelfeld

Joël Mall ersetzte Vaso Vasic im Tor, nachdem er nach einem zittrigen Saisonstart selbst von Vasic verdrängt worden war. Die Besetzung dieser diffizilen Position beschäftigt bei GC die Trainer ohnehin immer schon seit Roman Bürkis Wechsel in die Bundesliga im Sommer 2014.

Zuerst scheiterte Daniel Davari an der Aufgabe, Bürki zu ersetzen, seit gut eineinhalb Jahren wechseln sich Vasic und Mall immer wieder ab. Tami hat intern den jüngsten Entscheid nicht weiter erklärt. Er zählt dafür auf, was es braucht, um ein guter Goalie zu sein: «Er muss clever sein, ruhig sein, immer bereit sein, er hat manchmal nicht viel zu tun, aber er muss im entscheidenden Moment das Potenzial abrufen.» Und was seine beiden Kandidaten betrifft, sagt er: «Meine beiden müssen noch Fortschritte machen.» Fragt sich, ob sie das bei GC tun. Ihre Verträge laufen zum Saisonende aus. Der Verein schaut sich ­zumindest nach neuen Lösungen um.

Im Abwehrzentrum ging Tamis Wechselspiel weiter. Milan Vilotic und Emil Bergström waren in Luzern schon seine neunte Variante. Pnishi/Bamert, Pnishi/Basic, Basic/Zesiger, kurz die Dreierkette mit Basic/Pnishi/Rhyner, Pnishi/Zesiger, Basic/Bamert, Bamert/Berg­ström, Pnishi/Bergström – das alles hatte es schon vor Vilotic/Bergström gegeben.

Im zentralen defensiven Mittelfeld war es nicht besser: Källström zuerst allein, dann Källström mit Basic, mit Brahimi und Sigurjonsson. Es gab auch Lösungen mit Alpsoy/Andersen und Pnishi allein und immer wieder mit Brahimi: Brahimi mit Basic, mit Pnishi, mit Sigurjonsson oder nun in Luzern mit Pickel.

In der Sturmspitze schliesslich finden sich zwar nicht gleich zehn Varianten, aber immerhin fünf: Munsy, Tabakovic, Hunziker, Caio und Dabbur.

Mit seiner Tüftelei stiess Tami in der Führung nicht nur auf Verständnis, sondern auch auf Skepsis. Sie hätte sich von ihm gerne mehr Kontinuität gewünscht, mehr Förderung der Jungen, damit das hauseigene Geschäftsmodell nicht vernachlässigt wird.

Tami selbst sagt: «Es ist nicht spannend, immer am gleichen Punkt zu sein.» Und da ist er seit letztem Sommer, als er nach den Abgängen von Dabbur (Salzburg), Tarashaj (Everton) und Bauer (Kasan) davon zu reden begann, die Balance in der Mannschaft wieder zu finden. Nur will er jetzt nicht mehr zurückschauen, sondern vorwärts. Dabei will er eines speziell nicht machen: auf die Tabelle blicken. Es könnte ihm sonst auch schwindlig werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:17 Uhr

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Super League

36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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