Mourinhos Geste und Inters Finaleinzug

Inter Mailand hat den FC Barcelona trotz einer 0:1-Niederlage ausgeschaltet und trifft am 22. Mai im Final der Champions League auf Bayern München.

Der einzige Torschütze: In der 84. Minute gelang Verteidiger Gerard Piqué das 1:0 für Barcelona. Es reichte nicht für den Final.

Der einzige Torschütze: In der 84. Minute gelang Verteidiger Gerard Piqué das 1:0 für Barcelona. Es reichte nicht für den Final. Bild: Keystone

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José Mourinho, der blitzgescheite Exzentriker an der Spitze der Mailänder Überraschungsmannschaft, sprintete Sekunden nach dem letzten Pfiff auf den Rasen. Stolz und euphorisiert streckte er die beiden Zeigfinger in die Höhe. Er liess sich feiern, als hätte er die Champions League bereits (ein zweites Mal) gewonnen.

Ab der 28. Minute stemmte sich Inter in Unterzahl gegen das Out. Lange verhielt sich der Leader der Serie geschickt und Barcelona ohne Raffinesse. Der pausenlose Ansturm der Katalanen hinterliess (zunächst) keine Spuren - bis Gerard Piqué mit einer Einzelaktion alle und alles aufrüttelte. Ein Tor fehlte nach dem 1:3 im Hinspiel nun noch.

Nach dem 1:0 zirkulierte der Ball nicht mehr 77 Prozent, sondern gefühlte 100 Prozent in den Reihen der wilden Katalanen. Mit dem Out vor Augen griffen sie an. Und als das Stadion nach dem vermeintlichen 2:0 Krkics bebte, wähnte sich der Titelhalter in extremis doch noch am Ziel; es zählte nicht, weil Touré Sekunden zuvor den Ball gemäss Schiedsrichter-Assistent absichtlich mit der Hand berührt haben soll.

Zu wenig Ideen

Im Vorfeld drängte José Mourinho «Barça» bewusst in eine unangenehme Rolle. Für die Katalanen sei es kein Traum mehr, ins Endspiel vorzustossen, sondern eine Obsession. Madrid, der Ort des Endspiels, löse beim FCB eine Zwangsvorstellung aus, hatte Inters Coach behauptet.

Zumindest der Zwang, mit zwei Toren Differenz gewinnen zu müssen, war erkennbar und in den ersten 45 Minuten als ziemlich verkrampfte Angriffshaltung wahrnehmbar. Den benötigten Raum für den berüchtigten katalanischen Spassfussball fand das Künstlerkabinett um Lionel Messi selbst nach dem Ausschluss von Thiago Motta nicht vor.

Inter trat so auf, wie es von einer italienischen Klassemannschaft zu erwarten war - perfekt organisiert, fehlerlos gruppiert, ohne jegliche Panik im Abwehrbereich. Obschon Barça vor und auch nach der Pause den Ball während 77 Prozent der Spielzeit kontrollierte, blieb der grosse «Verkehr» im Strafraum der Italiener zunächst aus.

Ausgerechnet Barcelona, das in den vergangenen Monaten mit atemberaubendem Kurzpass-Spiel global die Fussball-Gourmets euphorisiert hatte, wählte fast immer das Mittel der (harmlosen) Flanke oder wie Keita (er mehrfach) den unpräzisen Weitschuss ins obere Stockwerk des «Camp Nou».

Messi ohne Einfluss

Dabei sind Inters Qualitäten in der Defensive bekannt. Die Südamerika-Fraktion um den früheren Bayern-Patron Lucio ist in der Luft kaum zu überwinden. In zwölf Partien der aktuellen Champions-League-Saison hat «Internazionale» nur acht Gegentore hinnehmen müssen; das ist auf diesem Niveau ein fast unglaublich starker Wert.

Und als Lionel Messi ein einziges Mal mit Speed zum kaum zu stoppenden Solo ansetzte, legte Julio César sein Veto ein. Mit einer wunderbaren Parade lenkte der brasilianische Keeper den tückisch gedrehten Ball um Millimeter am Pfosten vorbei.

Erst mit reichlicher Verspätung fand «Barça» die Lücke. Bezeichnenderweise verschaffte mit Piqué ein zentraler Verteidiger dem Favoriten den Vorteil. Mehr liess Inter nicht zu. Es waren die Italiener, die am bitteren spanischen Ende die Ehrenrunde drehten.

Fehlentscheid des Abends

Nach dem Hinspiel hatten sich die spanischen Verlierer öffentlich über die Schiedsrichter-Leistung beschwert. Nun tat der belgische Referee Frank De Bleeckere ihnen bei erster Gelegenheit den Gefallen, die Regeln überaus generös zu Gunsten der Gastgeber auszulegen. Die rote Karte gegen Thiago Motta war der Fehlentscheid des Abends.

De Bleeckere legte einen harmlosen Zweikampf des Brasilianers gegen Busquets als grobe Unsportlichkeit aus. Der Inter-Professional touchierte beim Abschirmen des Balls mit der Hand den Hals des Gegenspielers. «Sergio» mimte in den Sekunden danach das schwer getroffene Opfer.

Profitiert hat Barcelona von der Schwächung des Widersachers nicht. Das Powerplay brachte nur optische Vorteile, aber keine nachhaltige Veränderung der Ausgangslage ein. Inter zog sich sogar noch weiter zurück und bildete zwei unüberwindbare Defensivketten. Destruktiv war das nicht, sondern schlicht der Personalnot entsprechend.

Mourinhos Triumph

Für Mourinho war die bisherige CL-Kampagne auch eine Art Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit. Im Achtelfinal schaltete er mit seinem Team Englands Giganten Chelsea aus. Die «Grussbotschaft» an Roman Abramowitsch, der ihn im Herbst 2007 zum Rücktritt gedrängt hatte, kam an der Stamford Bridge an.

Moskau im Viertelfinal war die Vorbereitung der nächsten Heldengeschichte Mourinhos. Nun inszenierte «The Special One» (Mourinho über sich selber) die Entzauberung der besten Klubmannschaft der Welt, die in der vergangenen Saison alle relevanten Wettbewerbe gewonnen hatte.

Beim FC Barcelona (von 1996 bis 2000) saugte Mourinho einst als Dolmetscher und Assistent von Sir Bobby Robson und Louis van Gaal jene Inputs auf, die ihm später zur grossartigen Karriere verhalfen. Mit dem Finalisten Inter hätte im vergangenen Sommer kaum ein Experte gerechnet. Die Story gleicht jener von Porto, das 2004 triumphierte - an der Seitenlinie dirigierte José Mourinho das Team. (si)

Erstellt: 28.04.2010, 23:05 Uhr

Jubelnder Trainer: José Mourinho steht wieder im Final der Champions League. (Bild: Keystone )

FC Barcelona - Inter Mailand 1:0 (0:0)

Camp Nou. - 98'000 Zuschauer (ausverkauft). - SR De Bleeckere (Be). - Tor: 84. Piqué 1:0.
FC Barcelona: Valdés; Dani Alves, Piqué, Gabriel Milito (46. Maxwell), Keita; Xavi, Touré, Busquets (63. Jeffrén); Messi, Ibrahimovic (63. Krkic), Pedro.
Inter Mailand: Julio César; Maicon, Lucio, Samuel, Zanetti; Cambiasso, Thiago Motta; Eto'o (86. Mariga), Sneijder (67. Muntari), Chivu; Diego Milito (81. Cordoba).
Bemerkungen: Barcelona ohne Iniesta, Abidal (beide verletzt), Puyol (gesperrt), Inter ohne Santon, Toldo (beide verletzt), Stankovic (gesperrt). 28. Rot gegen Thiago Motta (). Verwarnungen: 10. Thiago Motta, 27. Pedro (beide Foul), 35. Julio César (Zeitverzögerung), 43. Chivu (Foul), 83. Muntari (Unsportlichkeit).

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