«Nicht schlecht? Super ist das!»

Der Zürcher Urs Fischer hat Spass mit dem FC Thun – und machte ihn zur aktuellen Nummer 3 der Schweiz.

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Urs Fischer ist früh unterwegs an diesem Tag, er hat frei und gönnt sich einen Ausflug auf den Sihlsee. Der 49-Jährige geniesst sein Hobby mit der Angelrute. «Herrlich», sagt er. Weit weg ist der Sonntag, dieses jähe 0:4 für Thun bei YB. Ihn als Trainer hat es geschmerzt, «aber das haut uns nicht um». Der Zürcher, der im März 2012 beim FCZ entlassen wurde und Anfang 2013 seine neue Stelle antrat, ist mit seiner Mannschaft immer noch vorzüglich unterwegs.

Der FC Thun auf Platz 3: Was fällt Ihnen dazu spontan ein?
Aussergewöhnlich!

Die Tabelle sieht nicht schlecht aus: Ihr Club liegt vor dem FCZ, St. Gallen, Sion, GC . . .
. . . nicht schlecht? Super ist das! Acht Runden vor Schluss Dritter zu sein, wer hätte das gedacht? Jetzt müssen wir schauen, dass wir uns für die Leistungen der letzten Monate mit der Europa League belohnen.

Was macht Thun im Schweizer Fussball zu einer besonderen Adresse?
Wir haben eine fantastische Infrastruktur: Stadion, Trainingsplatz, Geschäftsstelle – alles liegt zentral, die Wege sind kurz. Die wichtigen Positionen werden von Leuten besetzt, die wissen, wie weit ihre Kompetenzen gehen . . .

. . . was beim FCZ anders war?
Das kommentiere ich nicht. In Thun ­redet mir keiner drein. Der Präsident, der Sportchef und ich diskutieren zusammen, aber jeder hat in seinem Bereich die alleinige Entscheidungsgewalt. Und was uns am meisten auszeichnet: Wir haben eine Mannschaft, die wirklich eine Mannschaft ist. Eine, die sich selber reguliert.

Das heisst?
Ich muss praktisch nie wegen disziplinarischer Probleme einschreiten. Die Spieler kontrollieren das selber, sind füreinander da, sie ticken alle ähnlich und ­gehen an ihre Grenzen. Auch wenn sich damit ein 0:4 gegen YB nicht ausschliessen lässt: Sie bereiten mir Freude.

Der FC Thun kann aber noch so erfolgreich sein, das Interesse an ihm bleibt überschaubar.
Wir werden weit über die Stadt und den Kanton hinaus wahrgenommen. Ich höre oft: «Ihr seid unheimlich sympathisch.» Oder: «Was ihr macht, ist genial.» Natürlich wäre es schön, wenn sich die Anerkennung auch in höheren Zuschauerzahlen ausdrücken würde. Aber der Club kann noch nicht die Tradition und Ausstrahlung wie Basel oder YB haben. Das muss über Jahrzehnte wachsen.

Dafür können Sie in Ruhe arbeiten.
Wir haben einen Standortvorteil. Wir stehen nicht in den Schlagzeilen wie die Grossclubs. Das passt zur Mentalität, die hier verbreitet ist: die Arbeit erledigen, bescheiden bleiben, keine grossen Töne. Es wäre falsch, krampfhaft zu ver­suchen, daran etwas zu ändern.

Was macht Thun besser als andere?
Wir müssen auf der Suche nach neuen Spielern extrem vorsichtig vorgehen, und vermutlich dauert die Evaluation bei uns länger. Wir müssen zu 100 Prozent ­sicher sein, dass es der Richtige ist. Als Trainer beim FCZ hatte ich vier, fünf Stars. Es mag platt tönen, aber in Thun ist der Star die Mannschaft, und wir haben echte Typen statt Stars: Hediger, Glarner, Reimann, Schenkel, Sulmoni, Faivre, Wittwer, Siegfried . . . Und wir bieten Spielern die Plattform, um sich zu profilieren und für einen Transfer zu empfehlen.

Würde Yassine Chikhaoui in diesem Team gar nicht funktionieren?
Doch. Weil die Mannschaft so stark ist, dass er sich zwangsläufig anpassen müsste. Sonst würde es sofort und ­jedem auffallen: Das ist ein Einzelgänger, der gehört nicht dazu.

Was machen Sie besser als andere Trainer?
Ouh . . . Ich habe in Thun bis jetzt eigentlich nur gute Zeiten erlebt. Das gibt Rückenwind. Ich bemühe mich, eine Gruppe zu formen, die weiss, dass sie nur erfolgreich sein kann, wenn keiner ausschert. Individualisten dürfen ihre Kreativität aus­leben, aber nicht vergessen, dass über allem die Mannschaft steht.

Sie gelten als sehr bodenständig. Das allein macht aber noch lange keinen guten Trainer.
Ich stehe mit beiden Beinen im Leben, ich bin hemdsärmelig. Das heisst: Ich bin ein Schaffer, das war ich schon als Spieler, obwohl ich mit dem Ball schon umgehen konnte. Aber ich kann als Trainer nicht nur hemdsärmelig und autoritär sein, sonst hätte ich keine Chance. Ich muss taktische Wege finden, um den Gegner zu überraschen. Und daneben gehört es zu meinen Aufgaben, dass ich mich um Dinge der Spieler kümmere, die über das Sportliche hinausgehen.

Zum Beispiel?
Ich muss zuhören können, wenn ein Spieler private Sorgen hat. Entweder spüre ich es, wenn etwas nicht stimmt. Oder der Spieler kommt zu mir. Meine Tür steht immer offen.

Als Sie noch Spieler waren und Sorgen hatten . . .
. . . half mir doch keiner. Vor 20 Jahren funktionierte ein Trainer noch völlig anders, viele von ihnen wandten einen diktatorischen Führungsstil an und sagten, was zu tun ist. Das ist heute zum Glück nicht mehr möglich. Mir ist der Mensch hinter dem Spieler wichtig und ein anständiger Umgang. Gegenüber meiner Anfangszeit beim FCZ habe ich mich in dieser Hinsicht sicher entwickelt.

Was mussten Sie in Thun lernen?
Geduld. Ich habe gelernt, dass es beim Einkaufen auch mit weniger Hektik geht. Wenn die Frau an der Kasse mit der Kundin einen Schwatz abhält, ist das doch wunderbar. Man darf hier zwei Sätze miteinander wechseln, ohne dass in der Schlange der Aufstand ausbricht. Stellen Sie sich das in Zürich vor! Das heisst nicht, dass in Thun weniger gut gearbeitet wird. Aber man nimmt sich das Recht heraus, anders zu sein.

Fiel Ihnen die Umstellung schwer?
Ich bin grundsätzlich ein ungeduldiger Mensch, wenn es um Fussball geht. Wenn wir im Training etwas einstudieren, erwarte ich, dass es alle schnell ­kapieren. Ich bin impulsiv, habe eine laute Stimme . . . Ich wünsche mir selber, dass ich nicht so rasch in die Luft gehe.

Haben Sie in Thun eine perfekte Stelle gefunden?
Ja. Weil die Zusammenarbeit top ist. Aber die Prüfung kommt erst, wenn es einmal nicht mehr so gut läuft.

Was hätten Sie gerne von dem, was Ihr Kollege Uli Forte bei YB hat?
Nichts.

Auch nicht Guillaume Hoarau?
Nein. Weil ich Berat Sadik habe. So einfach ist das. Hoarau ist ein sehr interessanter Stürmer, klar. Aber wir pflegen ein anderes Modell. Nehmen wir Luca Zuffi: Den haben wir so weit gebracht, dass er für Basel so wertvoll wurde. Oder Sékou Sanogo. Den wollte niemand. Er kam zu uns, und heute zählt er bei YB zu den Top-Sechsern der Liga. ­Renato Steffen hat auch bei uns gelernt. Diese Beispiele machen uns stolz.

Thun muss die Besten stets verkaufen. Das muss Sie doch frustrieren.
Ich wusste, worauf ich mich einliess, darum darf mich das nicht frustrieren. Natürlich wäre es schön, wenn wir nicht regelmässig diese Spieler abgeben müssten. Aber wir haben es erneut geschafft, das aufzufangen. Weil wir eine Voraussetzung erfüllen: Wir pressen die ­Zitrone Woche für Woche aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 00:06 Uhr

Thuner Geldfragen

Uneinigkeit herrscht zwischen dem FC Thun und der Stadion-Genossenschaft unverändert in der Frage, wie hoch die jährliche Miete für die Benutzung der Arena angesetzt werden soll: Statt 1,3 Millionen wie vertraglich fixiert sollen es aus Cluboptik nur noch 600 000 Franken sein. Ansonsten lasse sich der Betrieb in der Super League nicht mehr finanzieren, so hat das Präsident Markus Lüthi früh im Jahr formuliert. Inzwischen hat er die Unterlagen für die Lizenz bei der Liga eingereicht, und er sagt: «Wir haben unsere ‹Büez› gemacht und rechnen mit der Lizenz in erster Instanz.» Der Entscheid wird am kommenden Montag von der Liga ­kommuniziert. (pmb.)

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