Notbremse im Tessin: Junioren-Fussballspiele abgesagt

Sie werden beleidigt und gar geschlagen – selbst von Gleichaltrigen. Nun haben die Nachwuchs-Schiedsrichter im Tessin genug und gehen in Streik.

Angriffe auf Schiedsrichter will man im Tessin gar nicht mehr tolerieren.

Angriffe auf Schiedsrichter will man im Tessin gar nicht mehr tolerieren.

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Am letzten Wochenende ging es im Tessiner Juniorenfussball drunter und drüber. Nicht zum ersten Mal, aber an diesem Samstagnachmittag besonders massiv. In einem A-Junioren-Spiel zwischen Losone und Giubiasco schloss ein Schiedsrichter einen Spieler aus. Nach Matchende ging dieser auf den etwa gleichaltrigen Spielleiter zu und verpasste ihm einen Faustschlag. Der Vater des 17-jährigen Schiedsrichters wollte diesen dann verteidigen und zog sich dadurch den Zorn der Eltern des Angreifers zu. Es folgten Schubser, Beleidigungen und Schläge.

Schon in der Woche zuvor war ein junger Schiedsrichter physisch angegangen und beleidigt worden, und ein anderer Nachwuchsref wurde von Trainern und Verantwortlichen beleidigt. Das Ereignis vom letzten Wochenende brachte nun das Fass zum Überlaufen, wie der Tessiner Fussballverband (FTC) in einem Communiqué mitteilt: «Die Leitung der Schiedsrichter kann solches Verhalten gegen Schiedsrichter nicht tolerieren und vor allem nicht gegen solche Jugendliche, die ihre Freizeit zugunsten unserer Juniorenbewegung zur Verfügung stellen.» 15 Jahre alt müssen die Schiedsrichter im Minimum sein, und natürlich leiten sie dann in einer ersten Phase vor allem Spiele ihrer Altersgenossen.

Am kommenden Wochenende werden alle Partien in den Kategorien A, B, C und D9, deren Austragung alleine dem Tessiner Verband obliegen, nicht mit Schiedsrichtern beschickt. Zusätzlich werden bei den Aktiven alle Partien mit 15 Minuten Verspätung angepfiffen. «Damit soll unsere ganze fussballerische Bewegung sensibilisiert und zum Nachdenken angeregt werden», heisst es im Communiqué weiter.


Zwei Jahre Sperre und ein Strafverfahren

Davide Morandi, ehemaliger Trainer von Locarno und Lugano und heute verantwortlich für den technischen Bereich in der FTC, sagt: «Das Problem ist nicht der Fussball, es ist gesellschaftlicher Natur. Die Jugend hat heute viele Werte verloren.» Sogar der Meisterschaftsabbruch wurde am Montag in einer Sitzung erwogen, diese Idee verwarf man aber wieder. «Wir können nicht alle gleich bestrafen», sagt Morandi, «es wird ja auch viel Gutes gemacht.»

Verbandspräsident Fulvio Biancardi erhofft sich von der Massnahme vor allem Aufschub: «Es soll nur die erste von vielen Massnahmen sein. Ich hoffe, dass wir nachher mit so wenigen Problemen wie möglich bis ans Saisonende kommen. Auf die neue Saison hin werden wir dann mehr auf Repression setzen.» Zusätzlich ist ein Projekt bereits lanciert, das darauf abzielt, schon den E-Junioren «Erziehung und Respekt» beizubringen.

Um eine Premiere handelte es sich im Tessin leider nicht. Zwischen April und Mai 2014 war nach ähnlichen Vorfällen die Meisterschaft in der Kategorie D9 unterbrochen worden, nachdem mehrere Eltern einen Schiedsrichter bedroht hatten.

Die Laufbahn des jungen Spielers dürfte übrigens beendet sein. Eine zweijährige Spielsperre ist ihm gewiss, zudem wurde automatisch ein Strafverfahren eingeleitet, da sich sein Opfer in Spitalpflege begeben musste. Biancardi selber würde drastischere Massnahmen begrüssen: «Ein solcher Spieler sollte meiner Meinung nach nie mehr spielen dürfen.»


Positive Entwicklung in Zürich

In Zürich steht man der Massnahme aus dem Tessin skeptisch gegenüber. Willy Scramoncini, Leiter Abteilung Spielbetrieb Fussballverband Region Zürich FVRZ, sagt: «Das ist aus meiner Sicht die zuletzt zu ergreifende Massnahme. Der FVRZ hat vor rund fünf Jahren einmal über diese Massnahme nachgedacht, nachdem es zu einer Häufung von Schiedsrichter-Attacken gekommen war. Wir haben damals aber davon abgesehen, weil viele Teams bestraft worden wären, die sich tadellos verhalten.»

Jetzt sieht es in diesem Bereich gemäss Scramoncini positiver aus: «Wir haben in den letzten Monaten und Jahren erfreulich wenige Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter. Häufiger geht es um Spieler oder Mannschaften, die sich gegenseitig attackieren, oder um Zuschauer auf dem Spielfeld.» Auch der FVRZ sieht sich regelmässig mit «schwierigen Konstellationen» konfrontiert, sagt Scramoncini: «Wir haben alle drei Spieltage einen schweren Vorfall, meist mit Spielern, die aufeinander losgehen, oder involvierten Trainern oder Spielern. Das ist erfreulich wenig, wenn auch jeder Vorfall einer zu viel ist.» Auf rund 2000 Spiele kommt also ein Problemfall. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2017, 18:21 Uhr

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