«Nur ich bleibe – wie Unkraut»

Am 23. April riss bei Valentin Stocker im Heimspiel gegen YB das rechte Kreuzband. Im Interview spricht der FCB-Profi über die Leidenszeit, die Nationalmannschaft und seinen Übermut.

«Ich bin extrem übermütig.» Valentin Stocker hat sich durch seine schwere Verletzung nicht verändert.

«Ich bin extrem übermütig.» Valentin Stocker hat sich durch seine schwere Verletzung nicht verändert. Bild: Keystone

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Valentin Stocker, wenn Sie zurückschauen auf das vergangene halbe Jahr seit jenem verhängnisvollen 23. April, wie schnell ist diese Zeit vergangen?
Rückblickend extrem schnell. Ich habe mir vorgenommen, mir immer kleine Ziele zu setzen, die ich in zwei, drei Wochen erreichen kann. So nimmt das alles andere Formen an. Plötzlich hast du die Hälfte; und jetzt bin ich hier und habe das Ziel, in nächster Zeit wieder mit der Mannschaft trainieren zu können.

Haben Sie sich die Szene angeschaut, in der Sie sich das Kreuzband gerissen haben?
Öfters. Es hat ja nicht besonders wehgetan. Es war kopftechnisch für mich kein grosses Ereignis. Ob ich mich immer noch gleich in den Zweikampf traue, werde ich in den nächsten Wochen sehen. Die Ärzte haben mir gesagt, das Knie werde wieder sein wie vorher.

Das war Ihre erste grosse Verletzung als Fussballprofi. Hat das irgendetwas an Ihrer Einstellung verändert?
Das ist schwierig zu sagen. Die ganze Zeit vor der Verletzung sagt man sich immer, man soll demütig und dankbar sein. Das war schon immer meine Philosophie: dankbar zu sein. Aber wenn man sich dann wirklich verletzt, ist es erstaunlich, welche Freude man an so kleinen Dingen wie Velofahren, Passübungen oder Laufschule hat.

Wie nahe waren Sie in Ihrer Rehabilitationszeit an der Mannschaft?
Am Anfang wollte und brauchte ich Abstand – rein emotional. Wenn ich ein halbes Jahr in den Katakomben verbracht hätte, wäre ich jetzt so bleich wie eine Bratwurst. Ich hatte schon lange beschlossen, dass ich bei einer schweren Verletzung sicher die Hälfte der Reha allein durchziehe. Ich wollte erst wiederkommen, wenn ich Licht am Ende des Tunnels sehe.

Wo haben Sie die Spiele verfolgt? Auf der Tribüne?
Nein, gleich nach der Verletzung bin ich nicht zu den Spielen gegangen. Klar habe ich über die Spielstände immer Bescheid gewusst und die Spiele im Fernsehen geschaut. Aber ich habe mir zu Herzen genommen, mich zuerst zu lösen, um wieder von Neuem dazukommen zu können. Ich glaube, das ist mir relativ gut gelungen.

Sie haben einen grossen Teil Ihrer Reha in Kriens gemacht. Wieso?
In erster Linie wollte ich wegkommen von Basel. In Luzern und Kriens bin ich aufgewachsen, das ist mein Zuhause. Man muss sehr darauf schauen, wo es einem vom Kopf her am besten passt. Ich habe mir gesagt, ich brauche nicht unbedingt den Physiotherapeuten, der schon Cristiano Ronaldo und Lionel Messi behandelt hat, sondern einen, den ich morgens um drei anrufen und fragen kann: Warum habe ich das? Und er sagt: Schau, das ist so und so, wenn du willst, komm vorbei. Und so war es.

Haben Sie auch mit anderen gesprochen, die schon solche Verletzungen hatten?
Ganz am Anfang hatte ich mit Tranquillo Barnetta Kontakt. Er sagte mir, ich solle ihn anrufen, wenn ich ein Problem habe. Das habe ich zum Glück nicht gebraucht, aber es ist immer schön zu wissen, dass an einen gedacht wird. Ich habe sehr viele SMS von Leuten bekommen, von denen ich das nicht erwartet habe. Ich habe SMS von St. Gallen, von YB und dem FCZ bekommen. Das zeigt, dass ich nicht alles falsch mache. (lacht)

Was war der härteste Moment für Sie?
Ich bin in der Vergangenheit immer belohnt worden für das, was ich mache. Ich hatte in der letzten Saison 14 Assists und sieben Tore bis zu meiner Verletzung. Dann wurden wir Meister und kamen in die Champions League. Da dachte ich: Ich habe meinen Teil beigetragen und kann nun die Früchte nicht ernten. Aber es hat mich nicht fertiggemacht. Dadurch, dass ich von 2008 bis 2010 schon so viel bekommen habe, hat mir das nicht viel ausgemacht.

Auch das Old Trafford nicht?
Old Trafford war sicher nicht einfach für mich. Aber ich durfte auf dem Platz stehen, wenn auch nur mit den Ausgangsschuhen. Vielleicht war das eine einmalige Chance, da zu stehen. Aber ich bin ja gottenfroh, dass wir da so ein tolles Spiel gemacht haben.

Sie äusserten einmal den Wunsch, im Heimspiel gegen Manchester aufzulaufen. Wann ist Ihr Comeback realistisch?
Das Knie entscheidet, wann ich wieder spiele. Ich habe mir vorgenommen, nicht wütend zu werden, wenn es dieses Jahr nicht sein sollte. Manchester war kein Ziel von mir, sondern ein Wunsch. Dafür muss alles perfekt funktionieren. Eigentlich sagte ich mir: Wenn ich normal in die Rückrunde starten kann, dann wäre das schon sehr gut. Und das ist auch weiterhin mein Standpunkt.

Muss man Sie eher bremsen, um Sie vor sich selbst zu schützen?
Im Moment schon (lacht). Lange Zeit nicht, aber jetzt merke ich, dass sie mich bremsen müssen. Aber ich sehe es auch ein. Ich bin extrem übermütig. Ich habe das Gefühl, wenn ich beim Fünf-gegen-Zwei mitmachen kann, kann ich am Wochenende spielen. Aber das ist leider nicht so. Da fehlt schon noch ein Stück. Ich kann noch nicht in die Zweikämpfe gehen.

Es stehen Länderspiele an. Wie haben Sie die Entwicklung der Nationalmannschaft empfunden?
Es gibt im Nationalteam von Zeit zu Zeit einen Generationenwechsel, bei dem Spieler zurücktreten, die von der Leistung her eigentlich noch nicht zurücktreten müssten. Aber so ist es, und ich bin zum Glück auch noch jung. Das ist also auch positiv für mich. Schön ist, dass Ottmar Hitzfeld immer noch an mich denkt. Wir sind ab und zu in Kontakt. Er hat mich auch im Krankenhaus besucht.

Dann ist es für Sie fast ein Vorteil, dass die Schweiz die EM verpasste. So werden Sie nicht übermütig.
Auch wenn alles gut läuft, muss ich im ersten halben Jahr sehr auf mich achten. Ich muss einen Schritt zurück machen und kann nicht alle drei Tage spielen. Und auch wenn eine EM ein Thema wäre, könnte ich das meinem Knie nicht antun.

Das klingt aber schon sehr vernünftig für einen Übermütigen.
Ja, aber die Gesundheit ist eben schon das Wichtigste.

Und jetzt Hand aufs Herz: Wie nahe standen Sie bei Ihrer Verletzung an einem Transfer ins Ausland?
Seit der Finalissima 2008 hatte ich die Möglichkeit, den FCB zu verlassen. Aber ich habe schon vor der Verletzung gemerkt, dass mich das traurig macht, wenn ich am Morgen in die Garderobe komme und mich frage: Wie viele Tage bist du wohl noch hier? Ich hatte keinen Vertrag vor mir, den ich hätte unterschreiben können, aber wenn ich wirklich hätte gehen wollen, dann hätte ich die Möglichkeit gehabt. Aber das steckte noch in den Kinderschuhen und war überhaupt nicht entschieden. Mit dieser Verletzung wurden mir viele Entscheidungen abgenommen, die ich vielleicht falsch getroffen hätte.

Gerade diese Saison sieht man wieder, was man beim FCB hat.
Ja, es ist so schade, wenn jedes Jahr wieder Spieler weggehen wie Behrang Safari oder Franco Costanzo. Und Thorsten Fink ist nun ja auch weg. Nur ich bleibe – wie Unkraut. Ich und Scott Chipperfield.

Erstellt: 09.11.2011, 14:23 Uhr

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