Nur ruhig bleiben, es kommt schon gut

Nach dem Fehlstart in die EM-Qualifikation hilft es Vladimir Petkovic, wie Ottmar Hitzfeld zu reagieren.

Der «unbedingte Wille», die Entschlossenheit vor dem Tor: Das ist, was Nationalcoach Petkovic in Slowenien vermisste. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Der «unbedingte Wille», die Entschlossenheit vor dem Tor: Das ist, was Nationalcoach Petkovic in Slowenien vermisste. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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Der Trainer entschied an diesem Tag im Juni in Brasilien, dass nur er rede. Er tat das aus Erfahrung, weil er einen solchen Moment nicht zum ersten Mal erlebt hatte. Als er vor die Medien trat, vermittelte er eine Botschaft: Nur ruhig bleiben, es kommt schon gut.

An jenem Tag hiess der Trainer noch Ottmar Hitzfeld, an dem Tag, als wegen des 2:5 an der WM gegen Frankreich die Stimmung um die Mannschaft herum schlecht war und das vorzeitige Aus drohte. Die Mannschaft antwortete mit dem 3:0 gegen Honduras. Und Hitzfeld sagte später, als er sich in den Ruhestand verabschiedet hatte: «In solchen Momenten trennt sich die Spreu vom Weizen. Da muss man als Trainer die Krise überstehen. Nicht jeder kann das.» Er konnte es wie kaum ein Zweiter. Er hatte schon immer gute Nerven besessen.

Sein Nachfolger Vladimir Petkovic sitzt am Tag nach dem 0:1 gegen Slowenien am Mittag neben dem Platz, auf dem die Ersatzspieler trainieren. «Sind Sie jetzt beunruhigt?», fragt einer der Journalisten unter warmer Sonne und wolkenlosem Himmel. Petkovic antwortet: «Ich darf nicht. Ich darf das nicht sein. Ich muss gelassen bleiben.»

Die gleichen Probleme

Es ist alles bereits ein wenig anders, als er sich das vorgestellt hatte. Die Ausrufezeichen nach seinen ersten beiden Spielen werden aus den falschen Gründen gesetzt. «Eines nach der Niederlage gegen England», sagt er selbst, «jetzt sind es drei.» Also: nur Ausrufezeichen statt vier Punkte, die er aufgrund der Leistungen seiner Mannschaft auch für möglich gehalten hätte. Er ist schnell in der Realität angekommen, 0 Tore, 0 Punkte. Die Qualifikation für die EM 2016 ist deshalb nicht gleich in Gefahr. Acht Spiele bleiben zur Korrektur. Aber die ersten Tage unter Petkovic haben deutlich gezeigt, dass die Probleme die gleichen geblieben sind, mit denen schon Ottmar Hitzfeld zu kämpfen hatte. Da sind Spieler, die wie Xherdan Shaqiri und Josip Drmic in ihren Clubs nicht viel spielen und deshalb den Rhythmus suchen. Und da ist die immer wieder auftauchende Schwäche im Abschluss.

Hitzfeld wählte früher den pragmatischen Weg und zog das Resultat der Unterhaltung vor. Davon liess er sich durch nichts abbringen, auch durch keine Kritik. Er hatte sich lieber auf sein über Jahrzehnte geschultes Auge verlassen, um die Möglichkeiten seiner Spieler richtig einschätzen zu können.Nach dem Wechsel zu Petkovic glaubten die Optimisten im Land, mit neuem Trainer und neuem System werde die Schweiz auf einmal das Spektakel bieten. Und vergassen, dass es noch immer einen Unterschied macht, an einer WM auf Frankreich oder Argentinien zu treffen oder in einer Ausscheidung auf Slowenien oder San Marino. Am Morgen nach dem zweiten Rückschlag muss der neue Coach aber feststellen, dass dem Team die Entschlossenheit im Abschluss fehlte.

Immer und immer wieder kommt er darauf zu reden. Es beschäftigt ihn, dass seine Spieler vor dem slowenischen Tor den Erfolg nicht entschlossener erzwingen wollten, dass ihnen der «unbedingte Wille» dazu fehlte. Chancen boten sich ihnen, nicht gleich so viele zwar, wie Trainer und Spieler aufzählten, aber allemal genug, um in Führung zu gehen und einen spielerisch limitierten Gegner auf Distanz zu halten. Haris Seferovic und Granit Xhaka waren namentlich die Sünder.

Schlüsselspiel gegen Litauen

Mit der Frage, wie berechtigt der späte Elfmeter zum slowenischen Sieg war, mag sich Yann Sommer gar nicht weiter beschäftigen. «Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren», sagt der Goalie, «wir müssen einfach gewinnen, 3:1 oder 4:1.» Ein Thema muss dagegen sein, wie die Schweizer damit umgehen, dass sie nun drei ihrer vier letzten Spiele verloren haben und seit 299 Minuten ohne Tor geblieben sind.

Der Match am Dienstag in San Marino kann dazu noch keine besonderen Aufschlüsse liefern. Zu schwach ist die Nummer 208 der Welt, das hat nichts mit fehlendem Respekt ihr gegenüber zu tun, nur mit der Realität. Ihre letzten 60 Spiele verlor sie alle, mit 8:283 Toren. Ein Sieg ist deshalb nur das, was von den übrigen Mannschaften in dieser Gruppe auch erwartet wird.

Weit bedeutsamer wird darum der Match Mitte November sein. Dann kommen die makellos gestarteten Litauer nach St. Gallen. Für Petkovic ist das ein Cupspiel, weil er alle Spiele als das bezeichnet. Im Prinzip will er damit bloss eines ausdrücken: Die Schweiz muss unter allen Umständen gewinnen, egal wie, Schönheit zählt nichts.

Petkovics mahnende Worte

Fünf Wochen bleiben bis zum Match gegen Litauen, fünf Wochen der Hoffnung, dass gerade die beiden Offensivspieler aus München und Leverkusen, Shaqiri und Drmic, mehr Einsatzzeit in ihren Vereinen erhalten, dass Admir Mehmedi nach seiner Verletzung zur Form des Frühjahres und der WM zurückfindet. Petkovic appelliert schon einmal ans Wettkampfglück. Davon hätten sie in den ersten beiden Spielen nicht genug gehabt, sagt er, «das kommt zurück», schiebt er nach.

Aber auch dafür müssen seine Spieler mehr machen als bisher. Petkovic denkt in diesem Zusammenhang auch und besonders an ihre Reaktion nach dem Gegentreffer. Die fiel so lau aus, so wenig überzeugend, dass er gar von einer Enttäuschung redet. Die Erkenntnis, die der Coach daraus gewinnt, ist aufschlussreich: «In einer solchen Phase zeigt sich der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft.» Seinen Spielern empfiehlt sich, sich stets vor Augen zu halten, was ihr Chef in ­ruhigem Ton festgehalten hat.

Erstellt: 10.10.2014, 23:47 Uhr

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«Ein kleines Wunder»

Reaktionen der Slowenen

Kevin Kampl redet fast so schnell, wie er rennt. Kampl, im deutschen Solingen ­geboren, bei Red Bull Salzburg zum ­Nationalspieler gereift, ist auf dem Platz der Mann der kurzen Haken, abseits der klaren Worte. «Wir sind nicht gut, wir spielen keinen Fussball», sagt er, als die Schweiz besiegt ist, «wir haben nicht ­gemacht, was wir wollten.»

Kampl holte den Elfmeter heraus, der das Spiel entschied. «Ein Foul, ganz klar», sagt er, «er weiss es selbst.» Er meint Johan Djourou, der ihn am Bein getroffen habe. Eigentlich hätte Djourou dafür Rot sehen müssen, denkt er, aber gut, gewonnen ist gewonnen. Und dass es so ist, verblüfft Kampl am Abend seines 24. Geburtstags: «Es ist ein kleines Wunder.»

Denn die Schweizer, findet er, «spielen phänomenal, wir haben in der ersten Halbzeit keinen Ball gesehen, sie sind individuell hundertprozentig besser als wir, wir haben nur mit Herz und Kampf gespielt». Einen kleinen Kritikpunkt an ihrem Auftritt findet er immerhin: «Sie haben ihre Angriffe nicht gut zu Ende gespielt.»

Die Slowenen haben die EM als Ziel, «ganz klar», fügt er bei, weil für ihn eben vieles ganz klar ist. Gut, dass sie besser spielen müssen, steht für ihn ausser Frage, aber wenn ihnen das gelingt, sieht er auch in England eine Chance. Zuerst steht die Dienstreise zum morgigen Spiel in Litauen an: «Da müssen wir was holen.» Für die Schweizer sieht übrigens auch Kampl in San Marino nicht den Hauch einer Gefahr. Sollten sie da scheitern, wäre das «ein Weltwunder». (ths.)

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