Operation Darwin: Fifa-Spitzenleute im Verhör

Die Bundesanwaltschaft hat ihre Fifa-Ermittlungen lange geplant. Jetzt muss die Fifa-Führung zu Befragungen antraben.

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Die Spitze des Weltfussballs bekommt es mit einem Hobbyschiedsrichter zu tun. Staatsanwalt Olivier Thormann hat früher Fussballpartien geleitet. Jetzt leitet er eine Wirtschaftskriminalitäts­ab­teilung bei der Bundesanwaltschaft – und jenes schweizerische Strafverfahren, das international am meisten Aufsehen erregt. Zumindest seit gestern.

Im Morgengrauen sind Ermittler am Fifa-Sitz auf dem Sonnenberg vorgefahren, den sie Stunden später mit umfangreichen Datenmengen verliessen. Der Weltfussballverband hatte die Ermittlung gegen Teile seiner Führungsriege selber ausgelöst, durch eine Anzeige vom 18. November 2014. Die Bundesanwaltschaft hat die Vorwürfe gegen unbekannt eingehend geprüft. Zuerst lief die hoch geheime Sache unter dem internen Namen Fifi. Dann, am 10. März 2015, eröffnete die Behörde ein Strafverfahren, das mittlerweile auf Darwin umgetauft wurde. Ein Teil der Verdachtsmomente – Schmiergeldzahlungen und andere Straftaten bei der Vergabe zweier Fussball-Weltmeisterschaften – hatte sich erhärtet. Die mutmasslichen Bereicherungen könnten als ungetreue Geschäftsführung geahndet werden. Zudem wird wegen Geldwäscherei ermittelt.

Illustre Liste von Befragten

Beschuldigte gibt es – noch – keine. Im Fokus der Ermittlungen stehen derzeit die Mitglieder der Fifa-Exekutive, die zum Verbandskongress in die Schweiz angereist sind. Es sind zehn Fussballfunktionäre, die 2010 bei den umstrittenen Vergaben der WM-Endrunden 2018 und 2022 nach Russland und Katar ihre Hände mit ihm Spiel hatten. Andere Wahlmänner von damals – so der Deutsche Franz Beckenbauer – sind nach Vorwürfen an ihre Adresse nicht mehr Teil der Fifa-Führung. Aber insbesondere für ihre Rolle dürfte sich die schweizerische Justiz interessieren. Zwei von ihnen, Jack Warner und Chuck Blazer, gehören zu den Hauptbeschuldigten im Parallelverfahren der US-Justiz.

Nicht einvernommen werden dieser Tage Fifa-Chef Sepp Blatter und sein Widersacher aus der Uefa, Michel Platini. Weil die beiden Wohnsitz in der Schweiz haben, sind sie für die schweizerische Justiz gut erreichbar. Die Befragtenliste der Bundesanwaltschaft und der Bundeskriminalpolizei ist aber auch so illuster genug: Sie umfasst den kamerunischen Blatter-Stellvertreter Issa Hayatou und einen weiteren Fifa-Vize, den Spanier Angel Maria Villar Llona. Hinzu kommen andere Urgesteine wie der belgische Arzt Michel D’Hooghe oder Marios Lefkaritis aus Zypern. Aufgeführt sind auch Senes Erzik aus der Türkei, Worawi Makudi aus Thailand, Jacques Anouma von der Elfenbeinküste, der Guatemalteke Rafael Salguero, der Ägypter Hany Abo Rida und zu guter Letzt der russische Minister Witali Mutko. Über einige von ihnen kursiert die eine oder andere Korruptionsanekdote. Nun müssen alle als Auskunftspersonen Red und Antwort stehen. Auskunftspersonen können – anders als Zeugen – in Straf­sachen noch zu Beschuldigten werden.

Galas, Geld und Handtaschen

Die Ermittler halten sich also alle Optionen offen. Bei einer Reihe von Banken haben sie Unterlagen angefordert, welche Involvierte belasten. Dieser Zugriff war den Fifa-Untersuchungsorganen verwehrt, als sie die verdächtigen Vorgänge untersuchten. Trotzdem hatten sie Unregelmässigkeiten bei praktisch allen Kandidaturen für die beiden Turniere festgestellt. Australien hatte indirekt zum Privatvermögen Jack Warners beigetragen. England finanzierte ein Gala­diner für die karibische Fussball-Union. Japan schenkte den Fifa-Offiziellen Kameras und Handtaschen. Katar sponserte in Angola üppig Speis und Trank samt Show. Südkorea leistete «Entwicklungshilfe». Et cetera. Et cetera.

Aber ob das und anderes für Anklagen in der Schweiz reicht? Der Leitende Staatsanwalt Olivier Thormann, ein versierter Jurist, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Im Prozess wegen eines Fussball-Wettskandals hatte er vor Bundesstrafgericht eine herbe Niederlage einstecken müssen. Die Freisprüche der angeklagten Halbprofis waren allerdings dem ungenügenden schweizerischen Strafrecht und nicht dem Ankläger an­zulasten. Ob es Hobbyschiedsrichter Thormann mit der Fifa-Spitze besser ­ergeht?

Erstellt: 27.05.2015, 23:51 Uhr

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