Ottmar Hitzfelds letzte Reise

Der Schweizer Nationalcoach nimmt in Brasilien Abschied. Mit Hemden für sieben Spiele im Koffer – und viel Schokolade.

Wie lange dauert seine Brasilienreise? Ottmar Hitzfeld auf dem Trainingsgelände in Porto Seguro. Foto: Reto Oeschger

Wie lange dauert seine Brasilienreise? Ottmar Hitzfeld auf dem Trainingsgelände in Porto Seguro. Foto: Reto Oeschger

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Es war Anfang der Sechzigerjahre, als ihn sein Vater Robert erstmals zu einem Länderspiel der Schweizer Nationalmannschaft ins Basler Joggeli mitnahm. Mit der Strassenbahn Nummer 6 war es nicht weit von ihrem Wohnort Stetten bei Lörrach über die Grenze. Der kleine Ottmar Hitzfeld war beeindruckt, vom grossen Stadion, der Kulisse mit den vielen Leuten, und auch wenn er sich nicht mehr an den Gegner der Schweiz erinnern kann, so sagt er noch heute: «Die Ambiance war eindrucksvoll.» Und eines habe ihn besonders aufgewühlt, die Schweizer Hymne, die sie sangen vor dem Spiel, und er träumte davon, so etwas auch einmal zu erleben. Es gab für ihn schon damals fast nur eines, den Ball, er kickte, wo und wann er nur konnte, selbst bei sonntäglichen Familienspaziergängen nahm er ihn mit. Der Fussball bedeutete für ihn alles.

Er ist sein Lebensinhalt geworden. Und jetzt geht diese Reise mit dem Ball bald zu Ende, an irgendeinem Tag in den nächsten Wochen wird Ottmar Hitzfeld zurückkehren nach Lörrach, wo er längst wieder wohnt, wird dort einige Tage bleiben und dann den Sommer und die Ruhe in Engelberg geniessen, seinem zweiten Wohnort. Als Trainer-Rentner. Ohne Gedanken an ein nächstes Spiel.

Aber wann und wo endet seine Reise? Im feucht-tropischen Dschungelklima von Manaus nach den Gruppenspielen oder später, in São Paulo oder Brasilia, wo die Schweiz ihren Achtelfinal austragen würde, in Rio de Janeiro vielleicht, nach einem Viertelfinal? Noch weiter zu schauen, wäre gar verwegen, auch wenn Ottmar Hitzfeld sagt: «Wenn wir die Achtelfinals erreichen, dann setzen wir uns keine Grenzen.»

«Angespannt-entspannt»

Leute, die ihm in diesen Tagen nahe sind, sagen alle das Gleiche: Er ist hochkonzentriert, wie er es immer ist in solchen Momenten, aber er ist auch lockerer, viel lockerer als beispielsweise vor vier Jahren, vor der WM in Südafrika. Hitzfeld nennt es «angespannt-entspannt» und will damit seine Gefühle ausdrücken. Mit einer Weltmeisterschaft aufzuhören, nach 31 Jahren als Trainer, nach weit über 1000 Spielen an der Seitenlinie, sei für ihn einzigartig. Er geniesst diese Tage, jedes Training, jede Minute im Kreis der Mannschaft. Und weil er weiss, dass nachher nichts kommt, dass es als Trainer nur noch ein Heute und kein Morgen mehr gibt, fällt ihm alles leichter. Er sagt: «Normalerweise müsste ich schon weiter denken, käme nach der WM das nächste Ziel, hätte ich bereits auch die Qualifikation für das nächste Turnier im Kopf. Aber jetzt ist es mein Abschied.»

Hitzfeld wollte am Tag vor dem Abflug nach Brasilien noch auf den Golfplatz, sich ablenken zusammen mit seiner Frau und dem Sohn. Aber es regnete, und so fuhr er ins Entlebuch zu seinem Naturheiler, den er seit vielen Jahren kennt und der vor allem Hitzfelds Körper und Seele gut kennt, Atemübungen hat er mit ihm gemacht, um «den Körper von negativen Einflüssen zu befreien», wie er sagt, autogenes Training für den Trainer. «Ich fühle mich gut», und er ergänzt lachend: «Ich bin in WMForm.» Es tönt entspannt, wenn er so redet und er erzählt, wie er den Koffer gepackt hat, vor allem mit sehr viel Süssigkeiten, einige Kriminalromane hat er auf sein E-Book geladen, wenn er einmal auf andere Gedanken kommen will. Aber er wäre nicht Hitzfeld, wenn er nicht sofort beifügen würde: «Es stimmt, ich bin lockerer, aber ich will auch nicht zu locker wirken, denn das wären die falsche Signale an die Mannschaft.»

Das Kribbeln wie beim kleinen Ottmar

Und er weiss es selber: Je näher das erste Spiel in Brasilien rückt, desto mehr werden auch die Furchen und Falten in seinem Gesicht zurückkommen, die immer ein gutes Zeichen sind bei ihm, weil sie ausdrücken, wie fokussiert er ist und sich jedes Detail nochmals überlegt, jede Handlung, jedes Wort, das er an die Spieler richtet. Er wird wieder jeden öffentlichen Satz abwägen, seine Lippen werden schmal werden, mit totaler Selbstkontrolle, es wird nochmals der Ottmar Hitzfeld sein, wie man ihn in solchen Situationen kennt. Er freut sich darauf: «Ich habe eine grosse Konzentrationsfähigkeit auf wichtige Ereignisse hin und gute Nerven, um Drucksituationen standzuhalten.» Und er verlässt sich auf seinen Instinkt für die richtigen Entscheidungen.

Am Sonntag, kurz vor 18 Uhr Schweizer Zeit, wird im Estadio Nacional von Brasilia die Schweizer Hymne erklingen, es wird in ihm kribbeln wie damals beim kleinem Ottmar im «Joggeli», er kennt längst jede Strophe. Noch dreimal? Oder geht dann die letzte Reise durch Brasilien weiter? Er habe, sagt er, Matchhemden für sieben Spiele im Gepäck.

Erstellt: 10.06.2014, 02:42 Uhr

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