Paartherapie für Neymar und Cavani

Nach dem «Penalty-Gate» in Paris hofft halb Frankreich, dass PSG gegen die Bayern einen Elfmeter treten darf. Oder muss?

Wie gut verstehen sich die Streithähne beim ersten gemeinsamen Auftritt nach dem «Penalty-Gate»? Bild: Keystone

Wie gut verstehen sich die Streithähne beim ersten gemeinsamen Auftritt nach dem «Penalty-Gate»? Bild: Keystone

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Vielleicht würde eine Paartherapie etwas bringen. Sich mal hinsetzen, ein bisschen offen reden, mit einem Moderator. Bei Paris Saint-Germain versuchen sie gerade verzweifelt, etwas Harmonie in ihren neuen Wundersturm zu bringen. Damit sich die beiden Herrschaften da vorne, der Uruguayer Edinson Cavani, Nummer 9, und der Brasilianer Neymar Junior, Nummer 10, wenigstens den Ball wieder zupassen, was in diesem Sport gerade in der offensiven Abteilung durchaus Vorteile bringt.

Es gibt Statistiken, die zeigen, dass die beiden das in jüngerer Vergangenheit fast gar nicht mehr getan hatten. Als ignorierten sie einander, als schmollten sie, als gönnten sie sich nichts – keinen leichten Torschuss, keinen Freistoss, schon gar keinen Penalty. Keine individuelle Glorie eben. Doch bisher schlägt jede Vermittlung fehl.

Den jüngsten Versuch machte Thiago Silva, der Captain der Mannschaft, und man muss annehmen, dass er von der Vereinsleitung und dem Trainer dazu verdonnert worden war. Er lud alle Kameraden also zu einem Imbiss ein, damit sie mit ihm seinen 33. Geburtstag feierten. Normalerweise plant man so etwas lange im Voraus, sucht sich ein hübsches Lokal aus, sorgt für Stimmung. Brasilianer können das gut. Doch diesmal fehlte die Zeit.

Kuchen und Plastikfrüchte

Und so traf man sich in einer Lounge im Prinzenpark, nur kurz, gruppierte sich um einen Tisch mit viel Kuchen und Plastikfrüchten drauf, kunstvoll hindrapiert wie in einem TV-Kochstudio. Jemand rief: «Lacht!» Dani Alves streckte die Zunge raus, Neymar trug Brille. Jemand fotografierte. Dann, so erzählt es die Sportzeitung «L’ Equipe», gingen sie bald wieder auseinander, ohne viel geredet zu haben. Das Gruppenbild erschien in den sozialen Medien. Manche fehlten auf dem Foto, einer war Cavani. Man hört, er hatte sich entschuldigen lassen.

Am «Abend der Bewährung», wie das Spiel von PSG gegen den FC Bayern in der Champions League genannt wird, stehen sie aber wieder nebeneinander auf dem Platz – alle drei, auch Kylian Mbappé, mit erst 18 Jahren der jüngste und bescheidenste im Trio. Der gesamte 466-Millionen-Euro-Sturm, der teuerste aller Zeiten. Zusammengekauft vom Emir aus Katar, dem Besitzer von PSG, der damit mal schnell die bisher bekannten Dimensionen im Markt in eine andere Sphäre beförderte. Man hat dem Sturm das Akronym MCN angedeihen lassen, was weder besonders originell ist, noch leicht von der Zunge geht. Es muss erst noch zur erfolgreichen Marke werden. Talent und Technik sind genügend da. Zunächst sorgt MCN aber vor allem mal für viel Geklatsche. Das «Penalty-Gate», von dem gleich noch einmal die Rede sein muss, ist nur die Spitze davon.

Sonnenkönig gegen «Matador»

In Paris kursiert das Gerücht, der Verein habe vor, Cavani Ende Saison durch Karim Benzema von Real Madrid zu ersetzen. Neymar wolle das so. Und «O Ney», dem kleinen Sonnenkönig mit den 176 Millionen Fans in den sozialen Netzwerken, verwehrt man nur ungern Wünsche. Sein Trikot liess sich bisher schon 120'000-mal verkaufen. Dabei ist er erst seit zwei Monaten in Paris. Cavani dagegen ist schon vier Jahre dabei, er will für seine Verdienste respektiert werden. In der vergangenen Spielzeit gelangen dem Mittelstürmer 49 Tore, alle Wettbewerbe gerechnet. Zum ersten Mal durfte er seine Rolle spielen, die des «Matadors», des Realisators. Davor hatte er stets im Schatten Zlatan Ibrahimovics gestanden, und dieser Schatten war so gross, dass nicht viel Licht übrig blieb.

Doch trotz Treue und vieler Tore schaffte es Cavani nicht, zur Ikone zu reifen, zum blühenden Markenträger, wie sich das die Katarer ausgerechnet hatten. Dafür ist er zu reserviert, sogar etwas schüchtern. Cavani hängt in der Freizeit nur selten mit seinen Mitspielern herum, das Stadion verlässt er zumeist als Erster. Das war immer so, schon bevor Neymar über Paris kam und der Emir dafür den Eiffelturm in den Vereinsfarben anwerfen liess. Da war schon allen klar, dass Cavani wieder Dienst im Schatten tun muss.

Neymar, so hört man, führte sich schnell so bullig auf, dass er sogar einigen seiner vielen Landsleute im Team kräftig auf die Nerven ging. Wahrscheinlich kompensierte er. Im Rückblick wirkt sein Auftritt in Barcelona, wo er während dreier Jahre den dienstbaren Sekundanten von Lionel Messi gegeben hatte, wie ein Beispiel von wahrhaft heroischer Selbstbeherrschung. Doch auch dort gab es Momente, da sich das sonnige Gemüt eingraute und das Lächeln in spöttisches Grinsen kippte, selbst gegenüber Mitspielern.

Wenn ihm der Sinn nach einer Reise nach Brasilien stand, etwa zur Geburtstagsparty seiner Schwester, reiste er auch dann, wenn er eigentlich berufliche Termine gehabt hätte. Neymar wird schon so lange gehuldigt, dass sich seine Starallüren mit der Zeit zur Übergrösse ausgewachsen haben. Und nun, da er endlich da angekommen ist, wo er hinwollte, mitten in den Fokus des Weltinteresses, als Nummer 1 seines Vereins mit einem Jahreslohn von 37 Millionen Euro, kann er diese Allüren offenbar nur noch leidlich kontrollieren.

Cavani verzichtet auf eine Million

So kam es, dass Neymar vor zehn Tagen beim Meisterschaftsspiel gegen Olympique Lyon sich mit Cavani um den Ball balgte. Wie Kinder auf dem Bolzplatz, reichlich infantil, samt böser Blicke. Es ging darum, wer einen Freistoss und einen Elfmeter treten sollte.

Seither verhandelt Frankreich über das «Penalty-Gate». Man will nun erfahren haben, dass die Katarer Cavani eine Million Euro angeboten haben, wenn er auf sein bisheriges Recht verzichtet, jeden Elfmeter zu treten.

Cavani lehnte ab, angeblich getroffen in der Würde. Neymar täuschte darauf eine Verstauchung an der grossen Zehe des rechten Fusses vor, die er sich im Training zugezogen haben soll, um im nächsten Spiel gegen Montpellier passen zu können. Die Begegnung endete 0:0, nach einem tristen und faden Gekicke auf einem schlecht gemähten Rasen, der auch noch voller Löcher war.

Spiel 1 nach dem Streit

Nun ist Neymar zurück, und mindestens halb Frankreich hofft, dass PSG gegen Bayern einen Elfmeter treten darf. Für die Lösung des Rätsels, oder für einen neuen Akt im Theater. Unai Emery, der baskische Trainer des Vereins, druckst herum, offenbar hat er sich noch nicht entschieden. Er will die alte Rangordnung nicht schon beim ersten Widerstand über den Haufen werfen, weil das die Dienstältesten noch mehr ärgern würde.

Und natürlich will er den König bei Laune halten. Da braucht es schon viel Feingefühl, idealerweise die Fertigkeit eines Paartherapeuten. Auf Instagram übrigens hat Neymar bisher noch nie ein Foto mit Cavani gepostet, dafür schon drei mit Mbappé. Da fängt es ja schon an. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2017, 18:32 Uhr

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