Platz frei für die Abenteurer

Mit dem Eröffnungsmatch zwischen Russland und Saudiarabien verdrängt der Fussball die WM-Machtspiele. Das ist gut so. Das Turnier verspricht Stars und Spektakel.

Messi ist Argentinien, Argentinien ist Messi: Läuft es ihm gut, kann er seine Mannschaft zum Titel führen. (Archiv)

Messi ist Argentinien, Argentinien ist Messi: Läuft es ihm gut, kann er seine Mannschaft zum Titel führen. (Archiv) Bild: Natascha Pisarenko (AP)/Keystone

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Welche Erinnerungen haben sich bei ­Ihnen festgesetzt?

Ist es das Bild eines Augenblicks? Das Tor im Wembley? Wie Pélé auf den Schultern über den Rasen getragen wird?

Ist es ein Satz? Dass es die Hand Gottes war? Oder: «Aus, aus, aus, aus, das Spiel ist aus»?

Läuft im Kopfkino noch Maradonas Wunderdribbling gegen England? Der Papierregen-Final von Buenos Aires? Steht der Scheich von Kuwait wieder auf dem Platz?

Oder ist da noch immer dieses Gefühl der Enttäuschung wegen Zidanes Kopfstoss? Oder die Ohnmacht nach Dzemailis Kopfball an den Pfosten?

Dem Fussball genügt eine Sekunde, um ikonenhafte Momente zu schaffen. Wir können ihn sehen, hören und fühlen. Er zerstreut, freut, ärgert. Und seine vielen Geschichten haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Ein Spiel mit Ball, das Menschen auf allen Kontinenten fasziniert, elektrisiert, schockiert manchmal auch. Aber auch ein Spielball von Funktionären und Politikern, die mächtig geworden sind und mächtig bleiben wollen.


Das sind die Favoriten der Buchmacher

Deutschland und Brasilien sind bei den Wettanbietern hoch im Kurs. Video: Reuters

Deshalb steht er gerade jetzt wieder unter Beobachtung. Wird im Vorfeld nicht vom Sport, sondern von Macht, Menschenrechten und Inszenierung ­gesprochen. Es ist frech, wie Fifa-Präsident Gianni Infantino alles unternimmt, um den Fussball mit neuen Formaten noch stärker zu milliardisieren und sich damit Stimmen zu beschaffen für die nächste Wahl.

Es schadet dem Sport, wenn es nur um noch mehr Spiele und noch mehr Geld geht, die Summen sind ja schon längst Irrsinn. Und Russland mit seinen Krisenherden, mit seiner Politik der Unterdrückung und Verfolgung und ­Tötung, darf sich nun als Gastgeber der Welt präsentieren, weil grösstenteils korrupte Fifa-Funktionäre vor acht Jahren so entschieden haben.

Dass der Sport nichts mit Politik zu tun hat, wie das hohe Sportfunktionäre immer wieder behaupten, ist falsch. «Dass die Macht den Sport ausnutzt, das ist so alt wie die Menschheit», sagt César Luis Menotti. Er war der Trainer, der ­Argentinien 1978 im eigenen Land zum Titel führen konnte, weil die folternde Führung der Militärdiktatur ein Spiel mutmasslich gekauft hatte.

Sollen wir uns wegen der Machtspiele abseits des Rasens jetzt nicht erfreuen können am Spiel in den nächsten viereinhalb Wochen? Doch. Wir dürfen und werden das Unrecht rundherum bald verdrängen, uns ablenken lassen, uns am Schönen erfreuen und am Drama verzweifeln. Wir werden Freunde für den Match nach Hause einladen, vielleicht mit Fremden reden. Wir werden verklären und den Fussball zur Kunstform erklären.

Nichts für Spielverhinderer

Es wird an dieser WM wie immer bei Turnieren dieser Ausstrahlung kleinere Fragen und grössere Aufreger geben: Ist Mo Salah schon für das erste ägyptische Spiel fit? Beisst Suarez seine Gegner dieses Mal nur mit Toren? Zeigen die Fifa-gesteuerten TV-Kameras auch unschöne Tribünenszenen? Wie oft denken wir an Italien, wenn Schweden spielt? Wer sind die nächsten Isländer? Greift sich Joachim Löw wieder in die Hose? Wen foult Sergio Ramos als Nächstes fies? Wann gibt es bei den Franzosen Streit? Wer hat Glück im Penaltyschiessen?


Das Training der Schweizer Nationalmannschaft


Jede Geschichte wird zu Debatten führen. Und wenn nach 64 Spielen alle Antworten gegeben sind, kennen wir den Weltmeister. Vor Brasilien 2014 rechneten viele mit müden Begegnungen. Die Hitze! Die Feuchtigkeit! Es wurde ein starkes Turnier mit 2,69 Toren im Schnitt, so vielen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Es kann jetzt wieder so spektakulär werden. Der Fussball hat sich in den vergangenen Jahren geprägt von Athletik und Spielkultur zur Hochgeschwindigkeitsveranstaltung entwickelt. Für Spielverhinderer gibt es auf diesem Niveau im Gegensatz zu früher nichts mehr zu gewinnen.

Die Ausgangslage verspricht viel, weil kein ganz grosser Favorit auszumachen ist. An der Spitze der Aspiranten stehen: Titelverteidiger Deutschland, die wieder erstarkten Brasilianer, Argentinien, Frankreich – und Spanien, unter dem Vorbehalt, dass es die Trainer­unruhe nach der Entlassung von Julen Lopetegui meistert.

Dahinter gibt es Mannschaften mit dem Potenzial zum Coup: die Belgier mit Weltklassespielern auf verschiedensten Positionen. Die Ronaldo-Portugiesen. Und das verjüngte England, das allerdings wie immer auch gegen die ­Müdigkeit aus der langen Saison, gegen die grossen Erwartungen in der Heimat und die 52-jährige Historie des Scheiterns antritt. Die Schweizer reden gerne vom Viertelfinal. Ihre Gruppe mit Brasilien, Serbien und Costa Rica ist schwierig genug, um schon den Achtelfinal als Erfolg zu sehen. Dort würde vermutlich Deutschland warten.

Komplexes muss simpel wirken

Jeder der Topfavoriten hat einen herausragenden Goalie. Jeder hat drei, vier, fünf Abenteurer, die die Welt vor den Fernseher locken, weil sie den Match mit einer Extravaganz entscheiden können: Müller, Reus oder Özil sind das bei Deutschland. Neymar steht in Brasilien über allen, dahinter aber könnten auch noch Coutinho, Willian, Gabriel Jesus oder Firmino gross tanzen.

In guten ­Wochen führt Argentiniens Messi sein Team allein zum Titel, nach ­Russland bringt er noch Higuain, Agüero und ­Dybala mit. Spanien hat neben halb Real und halb Barcelona auch noch Diego Costa und David Silva dabei, die Franzosen kommen mit Pogba, Griezmann und Mbappé.


Ein Blick hinter die Kulissen

In Russland wird erstmals bei einer Fussball-WM der Videoschiedsrichter zum Einsatz kommen.

Die scheinbare Ausgeglichenheit macht die Arbeit der Trainer mindestens so wichtig wie die Brillanz der Spieler. Wer es versteht, das Komplexe ganz einfach aussehen zu lassen, hat beste Siegchancen. Und zum ersten Mal an einer WM wird nicht nur die Torlinien-Technologie, sondern der Videobeweis Partien mitentscheiden. Haben die Techniker und Schiedsrichter das System so gut im Griff, wie es die Fifa behauptet, wird er das Turnier fairer machen. Wenn nicht, gibts noch mehr Aufregung als sonst schon. Los gehts!

Erstellt: 14.06.2018, 11:47 Uhr

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