Raphaël Nuzzolo, der Antistar

Der Stürmer von Xamax führt mit zehn Toren und acht Assists die Skorerwertung der Super League an – als 35-Jähriger. Er erklärt dies mit «unsichtbarem Training» und der Leistung der anderen.

Er schiesst Tore, wie er das Auto parkiert: Raphaël Nuzzolo. Foto: Fabian Hugo (13 Photo)

Er schiesst Tore, wie er das Auto parkiert: Raphaël Nuzzolo. Foto: Fabian Hugo (13 Photo)

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Wer sich wundert, weshalb der 35-jährige Raphaël Nuzzolo in diesen Tagen Tor um Tor schiesst, muss dem Stürmer vielleicht einmal beim Parkieren zuschauen. Der Mann nähert sich unten am Neuenburgersee dem Restaurant Beau Lac. Er sieht eine Parklücke, eine enge Lücke – und nimmt sie in einem Zug mit einem Affenzahn. Einlenken, einfahren, aussteigen.

Nuzzolo parkiert, wie er Tore schiesst. Mit einem Selbstverständnis, das in diesen Tagen kein Zögern und Zweifeln kennt. 10-mal hat er bisher in 16 Spielen getroffen, dazu 8-mal den entscheidenden Pass gespielt. Er trifft im Strafraum und von ausserhalb, per Volley und Abstauber, per Elfmeter und Freistoss.

23 Tore hat Xamax bisher geschossen, bloss bei fünf von ihnen hatte Nuzzolo seinen Fuss nicht im Spiel. Ohne seine Skorerpunkte hätte Neuenburg statt 13 nur 4 Punkte. Ohne ihn wäre Xamax der FC La Sagne, so schrieb das jüngst ein Fan in den sozialen Medien, er meinte den Verein einer 900-Personen-Gemeinde. Ein anderer fügte an, bei Nuzzolo müsse er seine eigene Heterosexualität überdenken. Ja, Nuzzolo wird in Neuenburg gerade gefeiert.

Die Gründe für seine Tore

Nuzzolo erreicht also das Restaurant Beau Lac, direkt am See, die Aussicht im siebten Stock: bezaubernd. Nuzzolo mag schöne Dinge, er hat den Ort vorgeschlagen, hierher kommt er regelmässig, trinkt einen Espresso, liest Zeitungen, denkt nach – und geht danach ins Training. Hier will er erklären, weshalb es ihm, dem alten Mann, dem 35-Jährigen, so prächtig läuft.

Erster Grund, die Erfahrung: «Ich weiss, welche Wege ich gehen muss – und welche nicht.» Er hat bei Xamax alle Freiheiten, er kann zwischendurch abtauchen und sich erholen, um dann im richtigen Moment aufzufallen, elegant und leichtfüssig.

Zweitens, die Einstellung. Nuzzolo hält viel vom «entraînement invisible», dem unsichtbaren Training. Viel schlafen, viel erholen, glutenfrei essen. «Ich habe nie gesagt, ich mache mehr als die anderen», sagt er. Also kommt er kurz vor dem Training ins Stadion und geht gleich danach wieder. Er hört drei, vier Tage vor den Spielen auf, im Training an seine Grenzen zu gehen. Noch nie litt er an Muskelproblemen oder Knieverletzungen. Manche nennen das Glück, andere professionell.

Drittens, das Selbstvertrauen. «Du denkst nicht nach.» Wie beim Parkieren.

Schliesslich viertens, vielleicht der interessanteste Punkt. Nuzzolo ist vergangene Saison mit Xamax aufgestiegen und hat in der Super League bald einmal bemerkt, dass das Niveau seit seiner Zeit als YB-Spieler nicht gestiegen ist. Eher das Gegenteil ist der Fall. «Wir haben heute viel mehr junge Spieler in den Mannschaften, das spürt man.» Der Fussball sei zwar technischer und schneller geworden, doch das Toreschiessen auch einfacher. Da ist einer in der Form seines Lebens und erzählt dann, dass das vor allem mit anderen zu tun hat.

Nuzzolo fährt einen Renault Laguna, Occasion, und zahlt seine Rechnungen in der Postfiliale.

Nuzzolo bekommt von Gegnern Komplimente. Der Stürmer führt einen Whatsapp-Chat mit ehemaligen Kollegen bei den Young Boys. Hoarau, Rochat, Benito oder auch von Bergen sind im Chat versammelt, «Wölfli of Wall Street» heisst er, denn Goalie Wölfli ist auch dabei. Nach den beiden wunderbaren Freistosstoren gegen Lugano lief er heiss. «Nuzz on fire» stand da, oder «Nuzz en magique».

Nuzzolo und YB, Nuzzolo und Xamax. Zwei Vereine – mehr gibt es in seiner Karriere nicht. «Die richtigen», sagt Nuzzolo. Er hat einmal in der «Berner Zeitung» gesagt, dass er Mühe habe mit Abschiednehmen, dass er mehr Wärme und Vertrauen brauche als andere. Das mögen alles Gründe sein, weshalb er nicht bei mehr Clubs spielte. Die wahren Gründe liegen wohl aber vor allem in Nuzzolos Bescheidenheit und seinem Wesen, treu und loyal zu sein.

Er ist ein Fussballer, der sich als Arbeiter sieht und sich nie als Talent gesehen hat. «Ich habe immer etwas länger gebraucht.» Er zweifelte lange daran, ob es ihm für die Nationalliga A reiche. Erst als Miroslav Blazevic 2005 nach Neuenburg kam – als Trainer mit Kroatien WM-Dritter 1998 – und ihm sagte, «du hast es drauf», glaubte er selbst daran. Und zweifelte trotzdem weiter. Wenn er gegen Basel oder YB spielte, dachte er jedes Mal: «Die Spieler dort sind alle besser als ich, da werde ich nie spielen.»

Von Tschagajew vertrieben

Zu jener Zeit steht für Nuzzolo fest: Er will seine ganze Karriere in Neuenburg verbringen. Dann kommt Präsident Tschagajew in der Pause des Cupfinals gegen Sion in die Kabine und droht den Spielern mit dem Tod. In diesem Moment ist für Nuzzolo klar, er muss gehen. Er wechselt 2011 zu YB, bis er 2016 zu Xamax, damals noch in der Challenge League, zurückkehrt – und auf viel Lohn verzichtet. Er nickt. «Du musst in deiner Karriere fünf, sechs richtige Entscheidungen treffen, das habe ich gemacht», sagt er und fügt an: «Xamax ist mein Verein.»

Bei anderen Fussballern wäre der Satz eine Floskel, bei Nuzzolo ist es eine Liebeserklärung. Sie erinnert an früher, an damals, als alles besser war. Dazu passt vielleicht auch, dass Nuzzolo so etwas wie ein Antistar ist. Er bezahlt noch immer seine Rechnungen mit Bargeld in der Post und fährt einen Renault Laguna, Occasion gekauft, in die Jahre gekommen. Dazu passt vielleicht ebenfalls, dass Xamax nicht so recht dem Fussball-Establishment angehört. Die Mannschaft trainiert meist um vier Uhr nachmittags, damit die Väter im Team am Morgen auf ihre Kinder aufpassen können. Medientermine macht man noch direkt mit den Spielern am Handy ab – bei anderen Vereinen undenkbar.

Xamax ist Tabellenletzter. Raphaël Nuzzolo steigt lieber mit einem gesunden Verein ab, als dass der Club durch teure Transfers havariert. Doch erst einmal will er den Moment geniessen – er ist kostbar: Eine alte Liaison erblüht von Neuem.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 21:55 Uhr

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