Resultatkrise verschärft sich

Gross war die Euphorie beim Amtsantritt von Ottmar Hitzfeld 2008 und sie wurde durch die erfolgreiche WM-Kampagne gesteigert. Doch in den letzten zehn Spielen gewann die Schweiz nur zweimal.

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1:3 unterlag die Schweiz England. Diskussionslos. Mehr oder weniger chancenlos. Auf dem Papier entspricht das Resultat den wahren Stärkeverhältnissen. Eren Derdiyok ist kein Jermain Defoe, Alex Frei kein Wayne Rooney, David Degen kein James Milner, Gökhan Inler kein Steven Gerrard und Stéphane Grichting kein Phil Jagielka und Reto Ziegler definitiv kein Ashley Cole. Die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzen. Die Schweiz hatte an diesem Abend im St.-Jakob-Park nur den besseren Goalie. Diego Benaglio war erneut Weltklasse.

Dennoch glauben die Schweizer vor jedem Kräftemessen mit einer in Weltrangliste besser klassierten Position – derzeit 16 –, den Sieg erzielen zu können. Und es ist nicht die Arbeit von Ottmar Hitzfeld, der den Nationalspielern diese vermeintliche Siegermentalität eingeimpft hat. Mit dem gleichen Selbstvertrauen waren die Schweizer schon unter Köbi Kuhn in Begegnungen mit Deutschland oder England gestiegen. Der Ausgang jener Partien ist ebenso bekannt.

In der Retrospektive lässt man sich gerne von guten Phasen und Auftritten blenden. Spielerische Highlights setzte die SFV-Auswahl auch unter Kuhn nur selten. Unter Hitzfeld sind diese Glanzpunkte noch seltener geworden. In der Liste der unattraktivsten WM-Begegnungen dürften Schweiz-Ukraine sowie Schweiz-Honduras unrühmlich weit vorne liegen.

Schweiz in Montenegro unter Druck

Die Hoffnung, Hitzfeld würde die vielleicht etwas saturierte Mannschaft von Kuhn zu neuem Leben erwecken, ist bei Fans und neutralen Beobachtern verblasst. Der deutsche Erfolgstrainer ist nicht nur seiner Ausbildung wegen Arithmetiker. Das Resultat steht für den ehemaligen Mathematiklehrer vor dem Spektakel. Und mit einer der absoluten Weltspitze unterlegenen Auswahl ist dies die korrekte Herangehensweise. Das in der Schweiz ohnehin kritische Publikum goutiert dies nur, wenn die Zahlen unter dem Strich auch tatsächlich stimmen.

Gegen England stimmten diese nicht. Es war keine heroische Abwehrschlacht wie an der WM gegen Spanien. Die Engländer spielten realistischer als die späteren Weltmeister damals am 16. Juni in Durban. Sie waren vor allem auch effizienter als die Iberer und sie variierten das Tempo geschickter.

Für Hitzfeld ist der Auftakt in die EM-Qualifikation damit ähnlich ernüchternd wie der Beginn der WM-Kampagne vor zwei Jahren, der in der 1:2-Blamage gegen Luxemburg gipfelte. Jenen Ausrutscher vermochte die Equipe zu korrigieren. Nun steht die Schweiz, weil in einer Fünfergruppe, beim nächsten Spiel bereits unter Druck. In Montenegro muss die SFV-Selektion punkten, um nicht bereits vorzeitig in entscheidende Rücklage zu geraten.

Erstaunliche Geduld des Publikums

Wohl auch deshalb ärgerte sich Hitzfeld über den Platzverweis von Stephan Lichtsteiner. Der rechte Aussenverteidiger wird der Mannschaft am 8. Oktober beim Auswärtsspiel im City Stadium in Podgorica fehlen. International erprobte Alternativen hat der Trainer auf dieser Position keine. Und im Mittelfeld ist Gökhan Inler bisher den Beweis schuldig geblieben, dass er der von Hitzfeld geforderte Spielmacher mit offensiven Qualitäten sein kann.

Gegen England bewiesen die 37'500 Zuschauer, so sie denn für die Schweizer Equipe waren, erstaunliche Geduld. Fehlpässe wurden zwar mit zunehmender Fortdauer der Partie mit ebenso zunehmenden Unmut quittiert, doch es brauchte nur einen kleinen Rush des zur Pause eingetretenen Xherdan Shaqiri, um für Stimmung im St.-Jakob-Park zu sorgen.

Hoffen und rechnen

Ins Stimmungstief dürfte indes fallen, wer sich mit der Statistik des Nationalteams unter Hitzfeld beschäftigt. Bis zur feststehenden WM-Qualifikation vor einem Jahr und dem 0:0 gegen Israel gewann die Schweiz acht der 14 Partien und verlor nur jenes Spiel gegen Luxemburg. In den zehn folgenden Spielen ist die Bilanz mit dem 1:3 nun gegen England ernüchternd: Neben Sieg gegen Spanien bezwang die Schweiz in dieser Phase nur Österreich, spielte dreimal unentschieden und verlor fünfmal. 5:10 lautet das Torverhältnis aus diesen zehn Partien.

Hitzfeld hat nun einen Monat Zeit, die Schweiz aus dieser kleinen Resultatkrise zu führen. Will der 61-Jährige auch erstmals eine EM als Trainer erleben, muss die Schweiz in Montenegro, das mit zwei 1:0-Siegen in die Qualifikation startete und voller Selbstvertrauen ist, möglichst drei Punkte holen.

Es ist allerdings nicht Hitzfeld (negativ) anzurechnen, dass Tranquillo Barnetta im Nationalteam seine Form schon lange vergeblich sucht, dass Alex Frei seit nun 364 Tagen ohne Torerfolg ist, dass die Auswahl an Verteidigern gelinde gesagt beschränkt ist und dass der Schweiz ein Spielmacher von internationalem Format fehlt. Hitzfeld kann nur hoffen (dass alle Leistungsträger unverletzt, in Form und mit Spielpraxis sind) und rechnen, damit die Zahlen unter dem Strich bald wieder stimmen.

Erstellt: 08.09.2010, 09:34 Uhr

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