Schiedsrichter Hänni wahrt Distanz

Der 41-Jährige nahm sich im Spitalbett vor, Karriere als Spielleiter zu machen. Nun ist er der dienstälteste der Super League – und stört sich nicht am Ruf, manchmal wie ein Polizist zu wirken.

Nikolaj Hänni hat seine Prinzipien: «Ich muss nicht beliebt sein, sondern akzeptiert.» Foto: Nick Soland (Keystone)

Nikolaj Hänni hat seine Prinzipien: «Ich muss nicht beliebt sein, sondern akzeptiert.» Foto: Nick Soland (Keystone)

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Die DVD ist daheim aufbewahrt, Nikolaj Hänni hütet sie wie eine kleine Kostbarkeit. Noch hat er sie nicht angeschaut, aber irgendwann wird er das tun. Er wird sich allein in ein Zimmer zurück­ziehen, eine Flasche Wein öffnen und sich auf eine Zeitreise begeben, die ihn in eine seiner düstersten Stunden als Schiedsrichter führt.

Der Film handelt von einem Fussballspiel in Österreich, Mattersburg - Altach aus der Saison 2008/09. Mit Spielleiter Hänni. Wenn er an jenen Ausflug ins Burgenland denkt, kommen unweigerlich Erinnerungen hoch. An einen Fremden, der beim Einlaufen mit einem ­Geldschein wedelte. An einen wilden Abstiegskampf mit einem nicht geahndeten Penaltyfoul, einer seltsamen Roten Karte und einem 5:4. Und an die Prügel danach, aus­gewalzt in Schlagzeilen: «Skandal!» – «Käse!» – «Wie kann man nur einen Schweizer aufbieten!» – «Hänni!»

Nikolaj Hänni, 41, ist so gern Schiedsrichter, dass er entgegen dem Wunsch seiner Kritiker weitergemacht hat. Nun steht seine elfte Super-League-Saison bevor, keiner ist länger dabei als der Mann aus Gams im St. Galler Rheintal, der sagt: «Vielleicht wirkt es oft nicht so, aber wenn ich auf dem Platz stehe, macht mir das Spass.» Und wenn die ­Zuschauer über ihn schimpfen, wird er seinen ehemaligen Chef Urs Meier im Ohr haben: «Wenn die Leute deinen Namen skandieren, auch mit nicht so schönen Worten, dann hast du es geschafft.» Nun sagt er: «Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe.»

Talentfrei als Fussballer

Die Biografie des Schiedsrichters Hänni hat etwas Klassisches. Er ist Junior beim FC Staad in der Ostschweiz, talentfrei und darum perspektivlos als Fussballer. Aber der Sport gefällt ihm zu sehr, als dass er ihm nicht verbunden bleiben möchte. Als der Club Schiedsrichter sucht, meldet er sich, fasziniert, nun eine bedeutende Rolle zu übernehmen. Aber schon sein drittes Spiel wird zur Qual. Im 80-minütigen C-Junioren-Kick Sargans - Trübbach beleidigen ihn Väter übel. Hänni reisst sich in der Garderobe das Dress vom Leib, wirft es in eine Ecke und sagt sich: «Diesen Scheiss ­mache ich nicht länger.» Es wird das ­einzige Mal bleiben, dass es ihm derart ablöscht.

Zwei Wochen später lässt er sich von der Aufgebotsstelle aber erweichen. Er löst die Aufgabe so, dass es diesmal Lob gibt. «Danke», sagen ihm drei ältere ­Herren, «Sie haben das gut gemacht.» Das motiviert ihn.

Einen besonderen Antrieb findet er, als er einen Monat im Spital verbringen muss. Er ist 18, als er am Tag nach der bestandenen Fahrprüfung mit dem ­Vater ins Tessin reist. Auf der San-Bernardino-Route kommt ihnen ein Auto entgegen, von der Spur ab und ver­ursacht einen Unfall. Hänni erleidet Brüche am Kiefer und an beiden Füssen, aber als er im Bett liegen muss, nimmt er sich etwas vor: «Ich will als Schiedsrichter so gut werden, dass ich einen Cupfinal leiten darf.»

Der Stil ist klar: Keine Kumpanei

Hänni setzt um, was er sich vornimmt. Der gelernte Stahlbaukonstrukteur nimmt Hürde um Hürde, erreicht 2005 die Challenge League, 2007 steigt er in die Super League auf. 2015 bekommt er seinen Cupfinal und bringt Sion - Basel (3:0) geräuschlos hinter sich. Treu bleibt er seinem Stil: keine Kumpanei, keine Jovialität. Der 1,92 m grosse Ostschweizer wirkt distanziert. Wer es negativ auslegen will, nennt es «arrogant», manchmal hat es was von Gesten eines Polizisten, wenn er etwas entscheidet. Er kennt diese Beurteilungen, sagt aber: «Ich muss nicht beliebt sein, sondern akzeptiert. Sobald ich es auf die kollegiale Tour probieren würde, hätte das etwas Gekünsteltes. Und das passt nicht zu mir. Wir sind zwar alle auf dem gleichen See, aber nicht alle im gleichen Boot.»

Eines darf Hänni von sich behaupten: Er ist hart im Nehmen. Und selbstkritisch. Einmal stellte er bei Basel - Lausanne ­Valentin Stocker und Abdel Chakhsi vom Platz. Stocker zu Recht, Chakhsi zu ­Unrecht. Als er daheim die Bilder sah, raubte ihm das den Schlaf. Am nächsten Tag schrieb er in den Rapport, er wisse beim besten Willen nicht, wo er hingeschaut habe. Heute sagt er: «Es war geistige Umnachtung.»

Um sein Hobby eine Spur professioneller ausüben zu können, hat er sein Arbeitspensum als Bautechniker auf 80 Prozent reduziert. Vom Fussballverband wird er mit 24 000 Franken pauschal pro Jahr entschädigt, dazu erhielt er pro Einsatz bisher 1150 Franken, neu sind es 1250. Seit 2011 trägt er das Fifa-Abzeichen auf der Brust und darf internationale Partien leiten. Und doch gibt es seit dem Rücktritt von Massimo Busacca 2011 keinen mehr, der sich für eine Endrunde empfohlen hat. Warum ist das so? Hänni zuckt mit den Schultern. Eine ­Erklärung lässt sich auf die Schnelle nicht finden.

Spiel für Spiel 11 km laufen

Mit Sandro Schärer gilt ein 29-Jähriger als nationaler Hoffnungsträger unter den Schiedsrichtern. Für Hänni neigt sich die Laufbahn indes dem Ende zu – im Sommer 2019 könnte Schluss sein. Aber noch hat er den Willen, Spiel für Spiel mindestens elf Kilometer zu laufen, noch hat er den Ehrgeiz, dass er am liebsten jedes Mal YB - Basel pfeifen würde. «Jeder von uns möchte das, jeder von uns denkt auch, dass er das kann», sagt er, «es besteht ein Konkurrenzkampf, und das ist gut so.»

Über 30 Mal wird er ab übernächstem Wochenende für Super-League- und Challenge-League-Spiele unterwegs sein. «Hänni!», werden sie wieder rufen, «Hänni, tamisiech, Hänni!» Vielleicht schon nach dem ersten angezeigten Einwurf, selbst wenn er korrekt war. Vielleicht auch nur schon, wenn sein Name vom Speaker verkündet wird.

Hänni wird es an sich abprallen lassen. Weil er sich eine Überzeugung nicht nehmen lässt, auch nicht von einer DVD mit vermutlich wenig Vorteilhaftem: «Ich bin ein guter Schiri.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 23:01 Uhr

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