Hintergrund

«Schiess in die Mitte, ich hechte in eine Ecke»

Wie in Italiens Fussball manipuliert wurde und die Spieler für 300'000 Euro pro Partie ihren Verein verraten haben.

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In Bergamo wollen sie ihn nicht mehr sehen. Nie mehr. Auch die Ultras nicht, gerade sie nicht. Sie würden Cristiano Doni wohl vermöbeln, wenn sie ihm in den Strassen begegneten. Ausgerechnet Doni, der liebste Sohn der norditalienischen Stadt, der Ehrenbürger, der ganze Stolz! «Du willst auch künftig in Bergamo leben?», fragen die Fans auf ihrer Website. Und sie antworten gleich selber: «Vergiss es, das hier ist nicht mehr deine Heimat.» Dabei sagt Doni doch, er habe sein Blut gegeben für diese Stadt, für den Verein, für diese Farben. Schwarz und Blau. Es läuft das Drama einer enttäuschten Liebe. Es ist die Geschichte eines bösen Betrugs. Und ein Sinnbild.

Cristiano Doni ist 38 Jahre alt. 112 Tore erzielte er in seiner Karriere für Atalanta Bergamo, so viele wie keiner vor ihm, und das als Mittelfeldspieler mit eleganter Ballführung. Er war das, was die Italiener eine «bandiera» nennen, ein Aushängeschild, der Bannerträger seines Vereins. Und da in Italien der Fussball, der Calcio, so etwas wie die zweite Messe ist, war Doni, der Kapitän, der Zeremonienmeister des bergamaskischen Sonntagnachmittags. So einer ist heilig. Man hätte mal einen Platz nach ihm benannt, oder das Stadion. Jetzt nicht mehr. Jetzt nennen sie ihn «Hurensohn». Der italienische Fussballverband hat Doni für dreieinhalb Jahre gesperrt, der sichere Ruhestand.

«Schiess einfach in die Mitte!»

Die Szene des Verrats liegt knapp ein Jahr zurück. 19. März 2011. Man kann sich die Bilder auf Youtube ansehen (siehe Video). Atalanta Bergamo spielte an jenem Tag gegen Piacenza Calcio, einen Verein aus der Serie B, der zweiten Liga. Man war Favorit. Ja, Atalanta war gar der todsichere Favorit, schon vor Spielbeginn. Das Spiel war nämlich manipuliert. Piacenza, so war es mit einem Wettpaten aus Singapur und dessen Handlanger aus Ungarn ausgemacht, sollte hoch verlieren. Damit das auch sicher so kam, beging die Verteidigung von Piacenza schon früh unmotivierte Fouls im eigenen Strafraum. Sie spielte also für den Gegner – und für einige Zehntausend Euro von der Wettmafia. Cash, pro Spieler.

Bereits in der ersten Halbzeit gab es zwei Penaltys. Zweimal trat Doni, zweimal traf er. Es war Vatertag. Nach dem ersten Tor hob Doni sein Vereinstrikot hoch, und darunter trug er ein weisses T-Shirt mit einer Widmung für seine achtjährige Tochter. Nach dem zweiten Tor machte er den typischen Doni-Jubel: Kopf hoch, die Hand unters Kinn – «Schaut nur her, was für ein toller Hecht ich bin!» Das Spiel endete 3:0.

Der tolle Hecht war aber nur ein Schauspieler. Der Torhüter von Piacenza, Mario Cassano, hatte Doni zugeraunt: «Schiess einfach in die Mitte, ich hechte in eine Ecke.» Erzählt Doni heute. Natürlich hätte das auch ein Trick sein können, ein psychologisches Störmanöver. Doch es war kein Trick. Doni schoss tatsächlich in die Tormitte, und Cassano legte sich wie abgesprochen hin.

Ausbruchversuch in Unterhosen

In der Revue auf Youtube wirken die beiden Paraden bei den Penaltys merkwürdig unbeteiligt. Cassano ist kein guter Schauspieler. Man sieht auch, wie der Torhüter beim dritten Tor von Atalanta ohne Fremdeinwirkung einfach hinfällt. Ziemlich ungelenk. Doch das dünkte damals niemanden suspekt. Warum auch? Von Cassano heisst es nun, er habe gerne den Zeloten gegeben und für jedes zusätzlich kassierte Tor 10'000 Euro mehr verlangt.

Kurz vor Weihnachten haben sie Doni verhaftet. Der Vorwurf lautet auf «Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation, Betrug und Sportbetrug». Die Polizisten kamen im Morgengrauen, 5 Uhr. Er versuchte zu türmen, in Unterhosen, das lange Haar zerzaust von der Nacht. Er sass schon in seinem Porsche Cayenne. Sie haben ihn aus dem Wagen gezerrt und ins Gefängnis gebracht. In Handschellen. Nach ein paar Tagen in der Zelle begann er zu reden.

«Der Knast macht einen anderen Menschen aus dir», sagt er, «ich habe einen Verrat begangen, und ich schäme mich dafür. Ich hoffe, dass jetzt alle reden, die etwas wissen. Die Omertà zerstört den Fussball.»

Die Omertà – das Gesetz des Schweigens. Man kennt den Begriff sonst im Zusammenhang mit der Mafia. Und mafios war offenbar nicht nur das Spiel vom 19. März 2011. Allein in der letzten Saison der Serie A, Italiens höchster Profiliga, sollen 14 Spiele geschoben worden sein. Mindestens. Wahrscheinlich aber waren es etliche mehr. Ja, vielleicht waren so viele Spiele manipuliert, dass die gesamte Meisterschaft als irregulär gelten müsste. So viele nämlich, dass der Staatsanwalt von Cremona, Roberto Di Martino, der dieses Dossier vorantreibt und neben Doni noch ein Dutzend weitere Spieler verhaften liess, sagt: «Wenn ich mir die Zeugnisse der Spieler so anhöre, scheint mir, dass die Manipulation der Spiele ganz normal war.» Es gebe mittlerweile auch Spieler, die sich spontan bei ihm melden. Ohne Vorladung, ohne Handschellen.

Der Wettpate in Singapur

Di Martinos Untersuchung heisst «Last Bet», letzte Wette. Sie nährt sich aus abgehörten Telefonaten, der Satellitenverortung von Handys, vor allem aber aus den Aussagen sogenannter «pentiti» – reumütiger Kronzeugen aus der korrupten Spielerschaft. Noch ein Begriff aus dem Mafiajargon.

Die meisten von ihnen sind Spieler kleinerer Vereine, die zwar ordentlich viel Geld verdienten, jedoch nicht an die Gehälter der ganz grossen Stars rankamen. Vor allem Verteidiger und Torhüter. An sie wandte sich die Bande. Ganz oben, an der Spitze, sass Tan Seet Eng, den sie alle nur «Dan» nannten. Er lebt in Singapur, soll eine Vorliebe für sehr teure Hotels und edle Pantoffeln haben. Er empfing in Pantoffeln.

«Dan» setzte nur auf Wettbüros in Südostasien. Am liebsten waren ihm Sportwetten, am allerliebsten italienische Fussballspiele. Er setzte Millionen. Es war ein riskantes Spiel. Ausser natürlich, man weiss im Voraus, wie die Spiele ausgehen. «Dan» spielte nur, wenn er sicher war. Dafür heuerte er Leute an, die sich im Umfeld italienischer Vereine einnisteten. In Italien nennt man diese Gruppe um einen flüchtigen Ungarn politisch unkorrekt «gli zingari», die Zigeuner. Es sind Männer vom Balkan und aus dem Osten Europas, kleine Fische im grossen Netz.

Zugang zu den Teams verschafften sie sich mit der Hilfe ehemaliger Spieler und Betreuer, die unter aktiven Kollegen die anfälligsten ausmachten. Bargeld war immer genügend da. Es kam direkt aus Asien, in kleinen Noten, eingeführt von Kurieren. In der Serie A war es offenbar so, dass ein Spieler, der zum gewünschten Resultat beitrug, 80'000 Euro kassierte. Da es für die absolute Gewissheit mindestens drei, vier Spieler brauchte, die gegen die sportlichen Interessen ihres Vereins spielten, inklusive des Torhüters, zahlte die Bande pro Partie etwa 300'000 Euro. Spieler der Serie B bekamen 60'000 Euro, solche der dritten Liga 10'000 bis 15'000 Euro.

Die «Zigeuner» zahlten stets vor dem Spiel, um die Spieler an ihre Verpflichtung zu binden. Sollte mal ein Spiel anders ausgegangen sein als besprochen, mussten die Spieler das Geld zurückgeben. Andrea Masiello etwa, der frühere Rechtsverteidiger der AS Bari, 26 Jahre alt, erzählte den Ermittlern, wie er lange von der Bande bedrängt und bedroht worden sei – bis er nachgab. Die AS Bari spielt eine zentrale Rolle im Skandal: In 6 der 14 inkriminierten Spiele waren die Süditaliener involviert. Sie stiegen denn auch ab.

Ist der Ball noch rund?

Zur Anhörung brachten sie Masiello in eine Kaserne der Carabinieri, weil sie befürchteten, es könnte ihm etwas zustossen. Und da er offenbar die Namen von Spielern und Vereinen nannte, bleibt das Protokoll der Anhörung vorerst unter Verschluss.

Die Medien halten Masiello schon für den «Tommaso Buscetta des Fussballs». Buscetta war jener Kronzeuge der Mafia, der in den 80er-Jahren mit seinen Insiderinformationen die Machtpyramide der Cosa Nostra zum Einstürzen brachte. Vorübergehend wenigstens. Das Feuilleton um «Last Bet» ist so verstörend und wahrscheinlich noch so unvollständig, dass man sich in Italien fragt, ob nicht vielleicht grosse Teile des Systems von der Wettmafia unterwandert wurden. Ob die Vereine selbst auch involviert waren in den Betrug, ob also alles nur Show war, ob dem Wettbewerb jede Zufälligkeit entzogen wurde.

Für einen Fan ist das eine bange Frage, wohl die bangste überhaupt. Die Lotterie des Resultats macht ihn ja erst zum leidenschaftlich fiebernden Wesen, die ungewisse Aussicht auf Sieg und Niederlage kadenziert die Herzschläge im Stadion, vor dem Fernsehen. Heisst es nicht, der Ball sei rund?

Dolchstösse ins Herz des Fans

Oliviero Beha, einer der besten Sportkommentatoren im Land, sagt resigniert: «Warum lässt man uns nicht wenigstens den Calcio?» Diese Videos auf Youtube sind kleine Dolchstösse ins Herz des naiv hoffenden Fans, mag sein Glaube an die Rechtschaffenheit des geliebten Sports auch schon von anderen trüben Skandalen geprüft worden sein.

Man schaut jetzt ganz genau hin, voller Misstrauen. Hütet der Torhüter sein Tor wirklich? Und da: Verteidigt der Verteidiger auch tatsächlich? Oder rennt er dem Stürmer einfach nur theatralisch hinterher?

Es ist kein schönes Schauen mehr. Doch vielleicht läuft ja nun die Läuterung, die Katharsis des Calcio. Dank der Beichte von Doni & Co., den Zeremonienmeistern im Büssergewand. Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Läuterung gerade jetzt passiert, da sich das Land nach dem Sturz von Silvio Berlusconi eine neue öffentliche Moral anzueignen sucht und den «furbi», den Schlaumeiern, ans Leder geht. Vielleicht. Für eine Saison wenigstens? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2012, 10:51 Uhr

Bergamo – Piacenza

Umstrittene Szenen: Bergamo schiesst in der Serie B drei Tore.

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